Leseabend in Horb: Spannende Literatur in Szene gesetzt

Sie lasen beim Leseabend des katholischen Dekanats aus ausgewählten Büchern vor, von links: Iris Müller Nowak, Liza Huber, Elisabeth Wütz, Karl Echle (er musizierte), Christoph Kirn und vorne im Lesesessel Barbara Staudacher.
Peter MorlokDekanatsreferentin Elisabeth Wütz, Liza Huber (Jugendreferentin der Katholischen Seelsorgeeinheit Horb), Pfarrer Christoph Kirn (Evangelische Kirchengemeinde Horb) und Barbara Staudacher (Synagogenverein Rexingen) nahmen an diesem Abend im Lesesessel Platz und lasen Passagen aus Büchern vor, die für sie eine besondere Bedeutung haben.
Für die musikalische Umrahmung dieser Veranstaltung, die zum ersten Mal in den Räumen des Pflegeheims Bischof Sproll stattfand, sorgte in gewohnter Weise Kirchenmusikdirektor i.R. Karl Echle.
Liza Huber, seit 1. März in Horb, wurde gleich als Leserin „verhaftet“. Sie hatte aus dem Buch von Juan Moreno „Glück ist kein Ort“ die Passage „Ich bin dann mal hier“ ausgesucht.
Auf dem Jakobsweg
Moreno skizziert hier augenzwinkernd seine Beobachtungen auf dem Jakobsweg.
„Pilgern war früher ein Deal. Auf der einen Seite die Bereitschaft zu leiden, auf der anderen Seite die Bereitschaft von Gott, zu heilen und zu vergeben. Heute sind viele Leute, angefixt durch Erzählungen und heitere Geschichten von Sinnsuchenden, bereit, sich als besonderes Lebenserlebnis bis nach Santiago de Compostela durchzuquälen“, so eine Feststellung des Autors.

Karl Echle bereicherte auch den 20 Leseabend mit seiner Kunst.
Foto: Peter Morlok1978 waren 13 Pilger auf dem Weg. 2024 waren es rund eine halbe Million.
Moreno beschreibt mit erschreckender Präzision die neuen Fragen des Pilgerns. Anstatt nach frischem Wasser wird eher nach freiem W-LAN gefragt oder wie lange der Handy-Akku reicht. Auf dem realen Weg zu gehen, traut sich kaum noch jemand. Viele brauchen mehr Zeit zum Tippen als zum Gehen. Und es geht heute nicht mehr nur um die Selbstfindung, sondern um das Image. „Hape Kerkeling hat aus Konsumenten Pilger gemacht – der Camino macht aus Pilgern Jünger“, so das Fazit des Autors.
Ein grausiger Fund
In völlig andere Gefilde entführte wenig später Pfarrer Christoph Kirn seine Zuhörer.
Er nahm sie mit auf einen Wiener Mistplatz (deutsch: Altstoffsammelzentrum) wo in der Sperrmüllwanne ein menschliches Knie gefunden wurde. Schnell tauchen in anderen Wannen weitere Leichenteile auf, die entgegen der Mistplatzordnung und zum großen Leidwesen der Müllmänner allesamt nicht korrekt eingeworfen wurden. Und sowas geht ja gar nicht. „Beim Müll geht es ja immer um das Trennen.

Der Leseabend war gut besucht.
Foto: Peter MorlokDarum sag ich, Müll ist die beste Schule für das Denken. Weil du hast die Kategorien, sprich Wannen“, erklärt der Autor Wolf Haas, der sofort jeden duzt und auf schnoddrige Art die Wahrheit deutlich in seinem eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, herausfiltert. „Müll“ ist ein Krimi zum Schmunzeln, der doch erschreckend nah an der Wirklichkeit vorbeischrammt und die Erkenntnis „Vor dem Mist sind alle gleich“ wie eine Fahne vor sich herträgt.
Tildas Geschichte
Nach einer kleinen Pause las dann Barbara Staudacher aus dem unlängst vorgestellten Buch „Gute Nachbarn – Schlechte Zeiten“ der US-Amerikanerin Mimi Schwartz die bedrückende Geschichte „vom guten Regenmantel“ vor, und Elisabeth Wütz ging mit ihre Heldin Tilda „22 Bahnen“ schwimmen. Tilda studiert und verdient das Geld an der Supermarktkasse. Im traurigsten Haus in der Fröhlichstraße lebt sie zusammen mit ihrer alkoholkranken Mutter und ihre Schwester. Sie wuppt den Laden, den man die raue Wirklichkeit nennt, auch wenn’s manchmal schwerfällt.
Vier Bücher, vier völlig unterschiedliche Geschichten, und doch zog dieser Jubiläums-Leseabend wieder alle Zuhörer in seinen Bann, und sie dankten es den Vorlesern und dem Musikanten mit reichlich Beifall.