Kriegsende in Weitingen: Franzosen übernehmen das Kommando

Auch die Schuhmacherei von Markus Fischer hatte unter den Franzosen zu leiden.
Hermann NeschAm 18. April vor 80 Jahren rückten in den letzten Tagen der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs die Franzosen in Weitingen ein und waren vorübergehend die neuen „Herren von Weitingen“.
Kirchenvertreter bewahren das Dorf vor eine Katastrophe Die sich auf dem Rückzug befindlichen Reste der Wehrmacht und der SS räumten gerade noch rechtzeitig das Dorf. Dekan Karl Wagner und der spätere Wiener Domprälat Karl Dorr waren dabei die treibenden Kräfte (wir berichteten). Somit blieb das Dorf von einem Beschuss durch die Franzosen verschont, auch weil rechtzeitig die weiße Fahne aus dem Kirchturm gehängt werden konnte und junge Weitinger mit Karl Dorr den Franzosen ebenfalls mit weißen Fahnen in Richtung Rohrdorf entgegengegangen waren. Einerseits waren die Leute natürlich froh, dass der Krieg zu Ende war und für das Dorf nochmals gut gegangen war.
Eine ziemlich unbeliebte Besatzungsmacht
Kommandantur im Laden von Felix Bok Andererseits wusste niemand, was nun auf Weitingen und seine Einwohner zukommen würde. Den Franzosen, darunter etliche Marokkaner, eilte nicht unbedingt ein guter Ruf voraus, im Gegensatz zu den Amerikanern. Sie jedenfalls übernahmen das Kommando, richteten im Laden von Felix Bok die Kommandantur ein, setzten für das Rathaus einen neuen Bürgermeister ein und kontrollierten fortan das Leben im Dorf. Die Franzosen waren eine ziemlich unbeliebte Besatzungsmacht. Der Politologe Theodor Eschenburg nannte ihre Zone eine „Ausbeutungskolonie“. Vergewaltigungen waren keine Seltenheit, die Hungersnot war in der französischen Zone besonders schlimm.“

Ein wachhabender französischer Wachsoldat vor der Kommandantur im Laden von Felix Bok.
Foto: Archiv Hermann NeschDie Besatzer nahmen was sie brauchen konnten Außerdem nahmen die Besatzer mit, „was sie brauchen konnten“. Dass sie sich einfach eines Fahrrades bemächtigten, war auch keine Ausnahme. Vor ihrem Einmarsch versteckten sich manche auch in den Kellern oder im Schafstall. Manch eine(r) musste nach der Rückkehr feststellen, dass Schränke und Schubladen durchwühlt waren und Wertgegenstände fehlten.
Bestimmte Lebensmittel nur gegen Lebensmittelkarten Auf dem Land konnte man sich noch einigermaßen über Wasser halten, sofern man sich mit Vieh und Anbau überhaupt selbst versorgen konnte. Manche versorgten sich über Schwarzschlachtungen, „organisierten“ mal ein Schweinle, einen Hasen oder eine Ziege. Doch ohne Lebensmittelkarten waren bestimmte Lebensmittel auch nicht zu bekommen. Und diese gab es für junge Männer nur gegen Arbeit und einen Beschäftigungsnachweis.
Männer finden Arbeit beim Brückenbau und dem Flugplatz Arbeit fanden die Männer bei der Wiederherstellung der zuvor zerstörten Brücken, so an der Bahnlinie im Neckartal oder als Zwangsrekrutierte auf dem zerstörten Eutinger Flugplatz.
Oft an der Grenze der Legalität
Strikte Ausgangssperren und keine Vergnügungen Abends herrschte eine strikte Ausgangssperre, und Vergnügungen waren vorerst untersagt. Doch die jungen Leute fanden immer wieder Gelegenheit, dies zu umgehen und Nischen zu finden. „Man durfte sich nur nicht erwischen lassen.“ Manchmal ging es, wie Zeitzeugen berichteten, schon recht riskant und „brisant“ zu. Manchmal einfach aus der Not heraus und an der Grenze der Legalität.
Das Dort wirkte wie ausgestorben Für die Kriegsheimkehrer war das Dorf wie ausgestorben. Nur Kinder und alte Leute. Keine jungen Männer. Heute undenkbar, was das für ein Dorfleben bedeutet. „Die Kühe muhten, die Geißen meckerten und die Hähne krähten, sonst war es still im Dorf“, notierte ein Zeitzeuge.
Die Besatzer lockern ab 1946/47 die Zügel Doch nach und nach lockerten die Besatzer die Zügel und das Leben normalisierte sich ab 1946/47 allmählich wieder. Die Vereine erwachten zu neuem Leben, wenn auch noch etliche Männer in Kriegsgefangenschaft waren. Es wurde beispielsweise wieder Fußball gespielt, Musikproben wurden abgehalten, zum Tanz und zu Hochzeiten gespielt und die Dorfgemeinschaft mit Ständchen unterhalten.
Angespannte Versorgungslage In wirtschaftlicher Sicht gab es aber noch erhebliche Mängel. Aufgrund der angespannten Versorgungslage in den ersten Nachkriegsjahren wurden an die Bevölkerung weiterhin Lebensmittelkarten ausgegeben. Die zugeteilten Nahrungsmittel deckten jedoch nur die Hälfte eines durchschnittlichen täglichen Kalorienbedarfs. Gegen viel Geld, Zigaretten oder im Tausch Ware gegen Ware war es möglich, Butter, Brot, Kartoffeln und andere Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt zu erstehen.
Waren unter dem Ladentisch gehortet Zuvor begannen überall die Läden, unter dem Ladentisch Waren zu horten, die es auf Marken oder Bezugscheine gab. Auch sogenannte Hamsterfahrten aufs Land wurden unternommen. Waren wurden zurückgehalten, aus Angst, das Geld könne bald wertlos sein. Die Reichsmark war fast nichts mehr wert.
Strafandrohung und Polizeirazzien sollten abschreckend wirken
Dann kommt die Währungsreform Strafandrohung und Polizeirazzien sollten abschreckend wirken. Es entstand ein Stau, der die Politiker und Behörden zum Handeln drängte. Dann kam zum 20. Juni 1948 für die drei Westzonen die Währungsreform, bei der jeder 40 D-Mark Kopfgeld und später nochmals 20 Mark in bar erhalten hatte. Nun aber musste man feststellen, dass es plötzlich alles für diese D-Mark zu kaufen gab, wofür man auf dem „Schwarzen Markt“ vorher das Zehnfache hinzulegen hatte. Die Währungsreform war ein wichtiges Element auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft und zum späteren „deutschen Wirtschaftswunder“.