Horb a. N.: Mehr Selbstmorde als Unfalltote

Die schwarze Wolke: Auch Depressionen können Suizidgedanken zur Folge haben. Foto: Archiv
Schwarzwälder-BoteHorb - Depressionen, Persönlichkeitsstörung oder Krankheiten sind die häufigsten Gründe, weshalb Menschen Suizid begehen oder sich mit dem Gedanken beschäftigen. Am heutigen Welt Suizid Präventionstag beschäftigt sich die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention ganz besonders mit dem Thema Selbstmord.
Die Zahl der Selbstmorde in Deutschland ging in den letzten Jahren gegenüber den 80er Jahren stark zurück. Gerade im Raum Horb stieg sie jedoch leicht an. Laut Martin Zerrinius, Polizeioberrat und Präventionsbeauftragter im Kreis Freudenstadt beendeten dieses Jahr sechs Personen ihr Leben selbst. Vergangenes Jahr waren es lediglich fünf Personen im Horber Raum. Im gesamten Landkreis Freudenstadt brachten sich dieses Jahr bisher 14 Menschen um. Das sind doppelt so viele Selbstmörder wie Todesopfer durch Verkehrsunfälle.
Pro und Contra Verlängerung der Zäune an der Weitinger Brücke
Viele Selbstmörder erhängen sich. Das Springen von Brücken oder aus Häusern ist eher zurückgegangen. Trotzdem wählten dieses Jahr bereits zwei Personen den Tod durch einen Brückensprung.
Michael Theurer beschäftigte sich während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Horb mit dem Thema Selbstmord. Vor allem die Zäune an der Weitinger Brücke wollte der Politiker verlängern lassen. Gegenstimmen meinten jedoch, diese Maßnahme würde Selbstmord nicht verhindern.
" Es wurden zwar Zäune angebracht, jedoch nur an den Stellen, wo Straßen und Schienen verlaufen. Das hält Selbstmörder nicht auf. Es erhöht eher den Schutz der Menschen, die diese Strecken passieren. Für mich war diese Maßnahme nicht ausreichend", bekräftigt Michael Theurer. Aus eigenen Erfahrungen kann er Angehörigen nur den Tipp geben, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.
Arbeitskreis Leben e.V. in Stuttgart unterstützt Betroffene
Bei Fragen und Problemen sollten sich Betroffene an die Hilfsangebote des Kreises Freudenstadt wenden. Nach intensiver Recherche des Schwarzwälder Boten war es jedoch schwer, einen zuständigen Experten aus dem Kreis ans Telefon zu bekommen. Verschiedene Selbstmordforen bieten im Internet Hilfe zur Selbsthilfe und zeigen Erkennungsmaßnahmen auf.
Auch der Arbeitskreis Leben e.V. in Stuttgart unterstützt Betroffene und deren Angehörige. Nach Angaben von Andreas Haenzell, Diplompädagoge des Arbeitskreises, sollte man Menschen mit Suizidgedanken in zwei Gruppen teilen. Zum einen gibt es diejenigen, die an psychiatrisch definierbaren Depressionen leiden. Sie isolieren sich von ihrer Umwelt und zweifeln sehr stark an sich selbst. Hier rät Haenzell auf die betroffene Person zuzugehen und Hilfe von Fachärzten aufzusuchen.
"Man muss nicht sofort eine Lösung für das Problem finden. Viele Probleme lassen sich auch nicht so einfach lösen. Der Mensch in der Krise muss entlastet werden. Man sollte sich fragen, was kann ich ihm abnehmen?", rät Andreas Haenzell. Fühlen sich Angehörige überfordert, sollten sie psychologische Beratungsstellen, Seelsorger oder Psychiater aufsuchen.
Psychiater ist noch immer ein Tabu-Thema
"Der Besuch beim Psychiater ist heut zu Tag noch immer ein Tabu-Thema", erklärt Andreas Haenzell. Diese Angst sollten Angehörige versuchen zu nehmen.
Auch selbstmordgefährdete können sich selbst helfen. "Sie sollten sich nicht zusätzlich mit anderen Problemen belasten. Wie kann ich mich entlasten? Das ist dabei eine wichtige Frage. Die Isolation gegenüber der Umwelt wäre falsch", berichtet Andreas Haenzell aus seiner 25-jährigen Erfahrung mit diesem Thema.
Falsch sind nach Angaben des Selbstmordforums in Nürnberg auch die Ansichten: "Wer Suizid begeht, will sich nicht unbedingt das Leben nehmen" oder "Wer einmal zum Suizid neigt, wird es immer wieder tun". Dagegen weist das Selbstmordforum daraufhin, dass lebensmüde Menschen nur während einer begrenzten Zeit ihres Lebens den Wunsch haben, sich zu töten. Erhebliche Belastung herrscht auch in betroffenen Familien nach einem Suizidtoten. Sie isolieren sich nach außen hin und reden ungern über das Thema Selbstmord. Diese Betroffenen sollten am Welt-Suizid-Präventionstag nicht vergessen werden, so der Arbeitskreis Leben Stuttgart e.V.