Horb a. N.: Künstler füttern "Hungerherzen"

Diverse Instrumente, abwechslungsreiches Programm: Merle und Heiner Kondschak zeigten ihr großes Repertoire. Foto: Baum
Schwarzwälder-BoteVon Angela Baum
Geschichten von Vätern, Müttern und Töchtern, angefangen bei der Geburt bis hin zum Tod inszenierten am Samstagabend Merle und Heiner Kondschak im Horber Kloster.
Horb. Sie ist ein blondes Energiebündel, die vom Geburtstanz über den Pubertätstanz so ziemlich alles beherrscht, was man im Bereich des Ausdruckstanzes und des Tanztheaters finden kann. Zu Beginn des Abends aber: Stille. Keiner sagt ein Wort. Beide prosten sich dann mit Sprudelgläsern zu und erklären, dass sie den Abend über "mal was anderes" zeigen möchten.
Doch dann greift Merle Kondschak zum Truhenklavier und Heiner drischt die Gitarre, dass es eine wahre Freude ist. Der erste Song ist etwas sentimental angehaucht und gleichzeitig Programm des Abends: Beide singen "also füttern wir die Hungerherzen mit Liedern und dem Licht der Wunderkerzen".
Die "Hungerherzen" der Zuhörer werden mit einem Song nach dem anderen gefüttert, mit Musik, satirischen Texten und kleinen Sticheleien zwischen Vater und Tochter. Mit vier Gitarrenakkorden, behauptet Heiner Kondschak etwa vollmundig, könne er hunderte von Songs begleiten.
Gesagt, getan – mittels Echo und Zeitverzögerung der Akkorde, die Merle aufnimmt und dann in der Dauerschleife abspielt, ziehen die beiden eine ganz große Show ab. Angefangen von "You’re Beautiful" über "Forever young", der Countryschnulze "Country roads" bis hin zu "No woman, no cry" oder "Let it be" reicht die Liederpalette, die mit vier Akkorden begleitet werden kann.
Als Heiner Kondschak zu Merle sagt: "Du bis umwerfend", verschüttet diese aus Versehen ihr Sprudelglas – Heiner Kondschak spielt dann "Das Lied zum Wischen": "Wish you were here".
Auch eine Trilogie gibt das musikalische Duo zum Besten, gefüttert mit Gitarrenrhythmen, Violineinlagen, Banjoklängen und Saxofon- sowie Pianotönen. Was die Instrumente angeht, hätte man vor Beginn der Show meinen können, dass eine ganze Bigband auftritt. Doch weit gefehlt – die beiden Kondschaks haben ein großes Repertoire an Liedern, welches eines reichhaltigen Instrumentariums bedarf.
Zu Beginn zeigt Merle, was sie an akrobatischen Künsten drauf hat. Sie nimmt ihren Fuß hinter den Kopf und "gebiert ein Fußbaby", wie ihr Vater sagt, welches sie sogar mit einer Sonnenbrille und einem Mützchen ausstaffiert.
Im Laufe des Abends erklingen Lieder vom Geliebt-werden, vom Lieben, vom Älterwerden oder sogar von Hochzeiten und Todesfällen. Es sind Lieder, die Heiner Kondschak für sich und seine Tochter schrieb, erfüllt von väterlicher Liebe, Gefühl und auch dem Schmerz vom Loslassen, etwa wenn die Kinder älter werden. Eine Strophe des "Hochzeitsliedes" beginnt folgendermaßen: "Wenn du ein altes Haus hast mit viel Platz, sing ich dir nachts Räuberlieder, und du spielst Klavier, dann bleibe ich bei dir."
Merle besingt das wilde Partyleben als Kontrast zum trauten Heim
Der hölzerne Tisch der beiden muss gedeckt sein "mit Schnaps und Bier und Brot und Wein", und schließlich fordert Merle noch ein lautes Herz ihres Liebsten, das schnell schlägt – und wünscht sich dabei "Kinder, stücker vier".
Klar, dass dann ein Song folgt, der das traute Heim beschreibt, "stilles Glück", und der dann mündet in die Erkenntnis, dass man selbst aus "tiefster Einsamkeit" befreit wurde. Merle besingt das wilde Partyleben als Kontrast zum trauten Heim und dem stillen Glück, in dem ein Tag dem anderen gleicht. "Da muss doch noch mehr kommen", fordert sie trotzig und besingt Eskapaden mit Wodka, Schnaps und chemischen Drogen. "Ich wollt noch ein bisschen was Blaues sehn und dann erst den Löffel abgeben", dichtet sie frech zum Gitarrenspiel ihres Vaters.
Schließlich erfährt man auch, wie es für Heiner Kondschak war, als er seine Tochter Merle bekam – er habe schon seinen Frieden gemacht, und dann kamen die tollen Tage wieder, mit Kinderlachen und Babys. "Jetzt kommst du, wir haben so lang auf dich gespart", singt Heiner Kondschak leicht ironisch, "jetzt kommen die fetten Tage, die Alten sind nochmal am Start!" Und zum Schluss: "Du bis in mein Herz gefallen, wie in ein verlassenes Haus."
Merle meint sichtlich gerührt: "Du hast dich richtig gefreut, als ich auf die Welt kam – sicherlich, weil ich so gut rappen kann." Und Merle Kondschak kann wirklich rappen, was das Zeug hält. Sie zeigt den Pubertätstanz und muss sich von ihrem Vater sagen lassen, dass ihre Generation pleite ist "vom Herunterladen von Klingeltönen", während er pleite war durch Wodka, Schnaps und Bier, von "Saufen, Mopeds und Mädels".
Zum Schluss die nüchterne Lebensbilanz, gepackt in den Song "Ja war das schon alles, 50 Sommer, nicht viel mehr" und dann "60 Jahr und kein bisschen weise" und Merle fragt trällernd: "Wenn ich mal alt bin, die Taille ist futsch, wenn ich senil bin mit dickem Bauch, liebst du mich dann noch?", unterlegt mit der Musik des Beatlessongs "When I’m Sixty Four". Das Publikum applaudierte frenetisch und bekam so noch zwei Zugaben.