Freiluft-Theater
: Wie ein Horber im Bauernkrieg Geschichte schreibt

„Freyheit, Wahrheit, Gerechtigkeit“ – darum ging es im Theaterstück, das am Wochenende auf dem Horber Marktplatz aufgeführt wurde.
Von
Marzell Steinmetz
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Die Bauern ziehen in den Krieg – eine Szene aus dem Theaterstück über Sebastian Lotzer, das in Horb auf dem Marktplatz inszeniert wurde.

Marzell Steinmetz

„Wir erleben etwas Wunderbares“, kündigte Oberbürgermeister Peter Rosenberger vor der Aufführung vielversprechend an. Er wusste das schon, denn vor dem Rathaus fanden die Proben statt.

Gut, dass die bei dem Wetter doch zahlreichen Zuschauer (nur wenige Plätze blieben frei) bereits da waren, bevor es zeitweise strömend regnete. Sie waren mit Regenschirmen und Regenjacken wenigstens darauf vorbereitet, die Akteure in ihren historischen Klamotten dagegen der Nässe von oben schutzlos ausgesetzt. Bewundernswert, wie sie trotzdem das Stück zu Ende spielten. Auch ging keiner der Zuschauer vorzeitig heim, nur einige suchten Schutz unter den Pavillons. Das will etwas heißen: Das Theaterstück zog ganz offenbar die Besucher in Bann.

Lotzer doppelt besetzt

Regisseurin Pina Bucci, die als Erzählerin und Trommlerin selbst mitwirkte, hat die Rolle des Sebastian Lotzers doppelt besetzt. Christiane Müller spielte den jungen Lotzer, dem eine Karriere im geistlichen Stand vorbestimmt ist, der aber schon erhebliche Zweifel an der katholischen Amtskirche hat. Dieser Teil handelt in Horb, wo Sebastian Lotzer 1490 geboren wurde. Den Part des erwachsenen Lotzers übernahm Bernd Boodtländer.

Die Dramaturgie der Geschichte ist spannend aufgebaut. Verschiedene Szenen zeigen zunächst die Hintergründe auf, wie es zu dem Bauernaufstand kommt. In der Andacht predigt der Pfarrer, gespielt von Hans-Michael Greiss, dass die Welt ein Jammertal ist und man beten muss, während die Bettler um Almosen bitten. Das lässt den Pfarrer genauso unbeeindruckt, wie die Vorwürfe der Gräfin, dass ihre kirchliche Unterstützung nicht den Armen zugute kommt, sondern für Zierrat und Gold der Kirche verwendet wird. „Wir müssen das Haus Gottes in Pracht gestalten. Unsere Aufgabe ist es, Seelen zu retten“, sagt der Pfarrer.

Spannende Handlung

Die Bauern klagen dagegen über die hohen Abgaben. Der Steuereintreiber des Vogts fordert sie unnachgiebig ein. Der junge Sebastian Lotzer steht abseits, beobachtet und sieht wie das einfache Volk leidet. Anstatt wie vom Vater verlangt, in Tübingen Theologie zu studieren, erlernt er das Kürschnerhandwerk. Mit dem Gesellenbrief verabschiedet er sich von Horb.

Memmingen ist der zweite Schauplatz: Sebastian Lotzer ist in der reichsfreien Stadt Bürger geworden und hat geheiratet. Er hört den Lutheraner Christoph Schappeler (Bernhard Duffner), der statt in Latein die Bibel deutsch auslegt. Für Lotzer ist Schappeler ein „Bruder im Geiste“.

Immer wieder gibt es Sonderbeifall, so für die Waschfrauen, die von Aufständen erzählen und sich anschließen wollen. Inzwischen haben sich auch Bauernhaufen gebildet. Die Anführer treffen sich in der Zunftstube. Sie fordern Lotzer dazu auf, ihre Forderungen aufzuschreiben. Er greift zur Feder – es spitzt sich zu, bis ein aufrührerischer Bauernhaufen auf die Bühne zieht, doch dort wartet bereits der Sensemann.

Zwiespältiges Ende

Der Bauernaufstand ist blutig niedergeschlagen, was aber bleibt, sind die Forderungen nach Menschen- und Freiheitsrechten. In dieser Hinsicht hat Sebastian Lotzer Geschichte geschrieben, das hat das Theaterprojekt mit Laiendarstellern auch sehr gut dargestellt. Diesen gilt nicht nur ein Lob für ihr Durchhaltevermögen im Regen, sondern auch für ihre schauspielerischen Leistungen, die keine Langeweile aufkommen ließ. Zu Recht erhielten sie den begeisterten Applaus des Publikums. Wer das Stück nicht gesehen hat, hat dazu nochmals Gelegenheit am kommenden Wochenende 1. bis 3. August jeweils um 19.30 Uhr auf dem Horber Marktplatz.

Mitwirkende

Schauspieler, Musiker
Pina Bucci (Erzählerin, Trommlerin), Christiane Müller (Sebastian Lotzer im ersten Teil), Bernd Boodtländer (Sebastian Lotzer im zweiten Teil), Gerhard Bossert (Sebastian Lotzers Vater), Susanne Henning (Sebastian Lotzers Mutter), Iris Heimsch-Dörr (Margret, Lotzers Frau, außerdem Martha, Waschfrau, Bäuerin), Hans-Michael Greiss (Pfarrer, Bischof), Ingrid Schumm (Gräfin, Volk, Waschfrau, Bäuerin), Bernhard Duffner (Christoph Schappeler, Kürschnermeister), Andrea Glatter (Bettlerin, Bäuerin, Volk, Bauernführer), Rainer Kipp (Bettler, Bauer, Tuchhändler und Bauernführer), Regina Singer (Gertrud, Bäuerin, Waschfrau, Volk), Michael Kohl (Steuereintreiber, Pächter, Fürst), Kristina Sauter (Bettlerin, Bäuerin, Waschfrau, Volk), Rosa Remuta (Bettlerin, Magd, Waschfrau, Bäuerin), Marianne Dettling (Bettlerin, Bäuerin, Volk), Martin Lutz (Bauernführer). Anzhelika Petry (Tod, Helferin), Viktoria Rossoscanski (Helferin), Martin vom Ende (Musik).

Das Team:
Pina Bucci Theatro (Produktion), Pina Bucci (Regie), Angelika Burghart/Pina Bucci (Texte/Dramaturgie), Angelika Burghart (Script), Martin vom Ende/Pina Bucci (musikalische Leitung), Pina Bucci/Theaterensemble (Kostüme, Requisiten und Bühnenbild), Rainer Kipp (Layout, Plakat, Flyer), Joachim Lipp (historische Hintergründe).

Der KreisLetter
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Freudenstadt Montag bis Samstag im kompakten Überblick.