Ukraine-Konzert Rangendingen: Der Prediger geißelt das "Monster" Krieg

Josef Heil singt im Rössle über das Leben.
BeiterRangendingen - Wenn man Josef Heil auf seiner kleinen Bühne sitzen sieht, scheint er wie aus der Zeit gefallen. Dieser kleine, fast etwas zerbrechlich wirkende Mann mit seinem weißen Rauschebar, dem ledernen Stirnband, seinem Patchworkhemd und der bunten Latzhose, der viele Jahre als Pfarrer und Altenheim-Seelsorger in Heilbronn gewirkt hat, legt keinen Wert auf Konventionen. Das sieht man und nimmt man ihm ab, wenn er im Singsang eines herzerfrischenden Schwäbisch‘ auf sein reiches Leben blickt und davon singt.
"Das Weglein ist da, wo wir gehen."
Auch über seinen "Chef", wie er ihn nennt, der vor über 2000 Jahren ans Kreuz genagelt wurde. Einem Jesus von Nazareth, der in seinem Tun so unbeugsam war, wie es bei Josef Heil den Anschein hat. Der einen Satz verinnerlicht hat, den ihm dessen einstiger Bergkamerad und Kletterlehrer vor vielen Jahren als Antwort gab, als Heil in einem Felsmassiv nach dem Weg fragte: "Das Weglein ist da, wo wir gehen."
Über den zweiten Bildungsweg wurde der gelernte Maschinenschlosser Josef Heil Anfang der 1970er Jahre zum Pfarrer. Als er in Rangendingen die evangelische Pfarrstelle bei Gottesdiensten mitversorgen sollte, wurde ihm geraten, seinen teuersten Anzug anzuziehen. "Das habe ich gemacht", erzählt er. Im Motorradanzug stand er dann vor der Haustür der Pfarrgemeinderäte Pauline und Bruno Krämer. "Ich bin der Neue", stellte er sich vor. Und wurde eingelassen. Und die Verbindung blieb bis heute. Auch die Krämers waren ins Rössle gekommen.
Der 83-Jährige predigt noch heute in Rangendingen und Mühlen
Heute ist Josef Heil fast 83 Jahre alt. Noch immer predigt er im Rangendinger Gemeindehaus und in der evangelischen Kirche in Mühlen bei Horb. Zu deren Gemeinde gehören die Protestanten im katholischen Wachendorf, wo Heil mit seiner Frau Martina lebt. Außerdem unterrichtet er bis heute an der Altenpflegeschule des Diakonischen Werks in Heilbronn das Fach "Lebens- und Glaubensfragen".
Die Lieder, die der 83-Jährige im Rössle singt, leben von ihren Texten, die er selbst schreibt – auf Melodien, die er etwas "abgeguckt" habe. Denn, so erzählt Heil, er sei nicht so der Gitarrenspieler. Er könne halt ein paar Griffe und Akkorde, mit denen er seine Lieder begleite.
In den melancholischen Texten blitzt feinsinniger Humor auf
Und wenn er dann zu singen beginnt, mit einem Timbre und Tremolo in der Stimme, die man dem gebückt dahockenden Mann kaum zutraut, dann hat er etwas zu sagen. In oft melancholisch-traurigen Texten, in denen immer wieder ein feinsinniger und hintergründiger Humor aufblitzt, die er mal schreit, mal singt und sogar auch auf seine Weise rappt, will man ihm unweigerlich zuhören.
Er besingt und erinnert an alte Freunde, die er, frei nach Udo Lindenberg, "Coole Socken" nennt. Und die alle schon gestorben sind. Ergreifend besingt er den tragischen Gleitschirm-Unfall seiner Frau Martina und wie er, als sie in seinem Schoß liegt, um ihr Leben bangt: "Bleibt bei mir!"
Kritische Auseinandersetzung mit der Hektik der Gegenwart
Und so überträgt Heil einen Welthit von Cat Stevens ins Schwäbische: "Morgens gooht d’Sonn uff, ´s isch scho emmer so g’wäha." Dann fliegt er mit einem Vogel, obwohl er keine Flügel habe, "aber en d’r Seel‘ drenn, been ich dann gleich." Und schließlich fordert der Pfarrer dazu auf: "Komm mit mir über den Regenbogen, langsam wiea an Schneck", was sich als durchaus kritische Auseinandersetzung mit der Hektik unserer Zeit entpuppt.
Für den zweiten Teil seines Konzerts hat sich Josef Heil umgezogen. Er trägt jetzt ein besticktes Leinenhemd aus Paraguay, dem Land in Südamerika, wo er mehrere Jahre seines Lebens verbrachte. Die Poesie der Campesinos, der armen Landbevölkerung, in welcher 500 Jahre spanische Unterdrückung zum Ausdruck komme, fasziniert ihn so, dass er Texte davon ins Deutsche übersetzt hat und eindrücklich vorträgt.
Ein "Monster", das alles zu Tode trampelt
Heil geißelt den Krieg in diesen Liedern, dieses "Monster", das alles zu Tode trampelt: "Lass mich immer rufen: Krieg darf nicht sein!" Und er spannt den Bogen in die Ukraine, wo er überzeugt ist, dass "die Soldaten nicht sterben für Putin, sondern wegen Putin."
Die Gabe in Form einer Spende der Besucher gehen an Ukraine-Hilfsaktion von Verena Schetter
Anstatt einer Gage wird am Ende des Konzerts für die Menschen in der Ukraine bei den Zuhörern gesammelt. Das Geld übergibt Josef Heil an Verena Schetter, Stadträtin in Hechingen, und ihren Stiefvater Peter Klaaßen. Beide waren bereits zu Kriegsbeginn auf eigene Kosten mit zwei Transportern voller Hilfsgüter in die Ukraine gefahren. Am kommenden Donnerstag, 21. April, starten sie ein zweites Mal in Richtung Osten. Mit einem Transporter, der wieder vollgeladen sein wird, dieses Mal mit Medikamenten und andern dringend benötigten Hilfsgütern – mitbezahlt aus dem Erlös des Ukraine-Konzerts von Josef Heil.