IHK-Innovationstage Zollernalb: Wie im Medical Valley Hechingen an der „Weltrettung“ gearbeitet wird

Medical-Valley-Geschäftsführer Dr. Heiko Zimmermann (links) und Dr. Stefan Engelhard, Leiter des Instituts für Wissensmanagement und Wissenstransfer bei der IHK Reutlingen, eröffneten das Gastspiel der Innovationstage Zollernalb im Medical Valley Hechingen.
Hardy Kromer- Innovationstage Zollernalb besuchten Medtech-Firmen im Medical Valley Hechingen.
- Hohe Dichte an Gefäß- und Herz-Lungen-Spezialisten – enger fachlicher Austausch gilt als Vorteil.
- Bentley: lange Zulassungen, acht Projekte parallel, Ausbau auf 30.000 m², schwieriger China-Markteintritt.
- Getinge: Herz-Lungen-Unterstützung auch im Transporteinsatz – Teams rücken zu Notfällen aus.
- NVT und Qatna: Aortenklappen und neues Herzohr-Implantat; erste klinische Studien für 2027 geplant.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dass Unternehmen, die mit ihren Produkten und Verfahren Leben retten, in Hechingen stark vertreten sind, ist bekannt. Beim halbtägigen Gastspiel der Innovationstage Zollernalb im Medical Valley Hechingen setzte Dr. Stefan Engelhard, Leiter des Instituts für Wissensmanagement und Wissenstransfer der IHK Reutlingen, noch einen drauf: In Hechingen sei ein weltweit einzigartiger „Start-up-Hub“ daheim mit Firmen, „die alle dazu beitragen, die Welt zu retten“. Diese Einschätzung gefiel Dr. Heiko Zimmermann ausgesprochen. „Die Welt retten! Das könnte ein Slogan fürs Medical Valley werden“, sagte der Geschäftsführer des Medical Valley Hechingen zum Auftakt bei Bentley Innomed.
Entlang der Straße der Gefäßspezialisten
Mehr als 100 Teilnehmer waren zu dem Rundgang durchs Gewerbegebiet Lotzenäcker gekommen. Dort sitzt auf engem Raum eine ungewöhnlich dichte Konzentration an Medizintechnikunternehmen, die sich mit Gefäßprothesen, Herzklappen, Kathetern und intensivmedizinischer Herz-Lungen-Unterstützung beschäftigen. Sebastian Büchert, CEO von Bentley, begrüßte die Gäste in seinem Unternehmen und freute sich besonders über die Anwesenheit von Lars Sunnanväder. „Alles, was Sie hier sehen, geht auf ihn zurück“, sagte Büchert über den Schweden, der in den 1970er-Jahren als Gambro-Ingenieur nach Hechingen kam und später 13 Medizintechnik-Firmen gründete. Viele davon prägen das Medical Valley bis heute.
Bentley-Campus ist im Werden
Büchtert stellte Bentleys Beitrag zur Behandlung von Gefäßerkrankungen vor – und machte zugleich deutlich, unter welchen Bedingungen Medizintechnik entsteht. Eine zentrale Herausforderung seien die langwierigen Zulassungsverfahren. Sie dauerten häufig sieben bis neun Jahre, teils länger, sagte Büchert. Das erhöhe das Risiko, weil heute entwickelte Produkte bei ihrer Markteinführung womöglich auf veränderte Anforderungen träfen. Deshalb liefen bei Bentley stets mehrere Entwicklungen gleichzeitig, derzeit acht Projekte parallel. Auch Wachstum bleibt Thema: Der Standort wurde von 10.000 auf 30.000 Quadratmeter erweitert, ein Bentley-Campus entsteht.
Als besondere Stärken nannte Büchert neben der Innovationskraft die Lieferzuverlässigkeit, die bei annähernd 100 Prozent liege. Mit geschärfter Markenbildung – etwa durch Imagefilme und den Bentley Hohenzollern Cup – habe das Unternehmen außerdem seine Sichtbarkeit als Arbeitgeber erhöht; die Zahl der Bewerbungen sei deutlich gestiegen.
Schwieriger Markteintritt in China
Auf internationale Hürden ging Büchert ebenfalls ein. Für den US-Markt läuft seit 2020 ein Zulassungsverfahren, in China bereits seit 2016. Gerade dort sei die Lage schwierig, weil europäische Studien meist nicht anerkannt würden. Umgekehrt würden chinesische klinische Studien in Europa durchaus berücksichtigt.
Getinge ist Spezialist für Herz-Lungen-Maschinen
Wie breit die Kompetenzen in den Lotzenäckern sind, zeigte die nächste Station bei Getinge. Der Hechinger Standortchef Ulrich Haag erläuterte den Fokus des schwedischen Unternehmens auf Herz- und Lungenunterstützung außerhalb des Körpers. Solche Systeme kommen unter anderem bei schweren Lungenerkrankungen oder in der Corona-Behandlung zum Einsatz, aber auch nach Herzoperationen, bei Lungenembolien oder Herzinfarkten. Die Cardiohelp-Plattform dient zur Unterstützung von Herz und Lunge – nicht nur auf Intensivstationen und im OP, sondern auch beim Transport von Patienten. Zunehmend würden spezialisierte Teams direkt an Notfallorte ausrücken, etwa bei Reanimationen infolge eines Herzstillstands. Auch im Pariser Louvre und in der Stuttgarter U-Bahn waren diese Teams schon im Einsatz
Künstliche Herzklappen von NVT
Bei NVT, New Valve Technology, rückten Aortenklappenprothesen aus Hechingen in den Mittelpunkt. Dr. Maximilian Kütting, Direktor für Forschung und Entwicklung, erinnerte daran, dass solche Prothesen schon in den 1990er-Jahren in Hechingen produziert wurden, damals von der Firma Jomed. Seit 2007 gibt es die Allegra-Prothese von NVT, das inzwischen zur Biosensors Group gehört. Der Anspruch an solche Produkte sei hoch: Sie müssten guten Blutfluss ermöglichen, langlebig sein und Komplikationen vermeiden – etwa Leckagen oder Probleme bei späteren Eingriffen. Entwickelt wurde dafür auch das Impera-Einführsystem, das eine Repositionierung beim Einsetzen erlaubt. Die Klappen werden dabei für den Eingriff stark verengt und über ein nur wenige Millimeter starkes System an ihren Einsatzort gebracht. Kütting sieht die Aufgabe künftig weniger in großen Technologiesprüngen als darin, hohe Qualität in größeren Mengen und zu geringeren Kosten verfügbar zu machen.

Auf dem Spaziergang entlang der Straße der Gefäßspezialisten: Teilnehmer der IHK-Innovationstage.
Daniela Stelle/IHK ReutlingenWie Innovation in einer frühen Phase aussieht, zeigte das Start-up Qatna Medical. Geschäftsführer Christian Wörne erläuterte den Ansatz des Unternehmens, das Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern deutlich zu verringern. Dabei entstehen Blutgerinnsel häufig im linken Herzohr. Neben Medikamenten oder einer Operation gibt es bereits kathetergestützte Verschlüsse, die jedoch Nachteile haben. Qatna entwickelt deshalb mit „BOLA“ ein Implantat aus biologischem Material vom Schwein, das von Anfang an dicht sein und schnell einwachsen soll. Tierversuche verliefen laut Wörne vielversprechend, erste klinische Studien werden für 2027 erwartet.
Bei Artivion ging es um minimalinvasive Gefäßchirurgie an der Aorta und die Entwicklung katheterbasierter Herzklappen. Deutlich wurde über alle Stationen hinweg vor allem eines: Der enge fachliche Austausch zwischen den Unternehmen ist ein wesentlicher Standortvorteil. Die Bündelung dieser Spezialisierungen an einem Ort sei, so der Tenor der Veranstaltung, in dieser Form einzigartig.
„Weltrettung“ à la Hechingen
Am Ende des Nachmittags blieb vor allem ein Eindruck hängen: In Hechingen wird nicht nur produziert und entwickelt, sondern an Lösungen gearbeitet, die Patienten weltweit längeres Leben und schonendere Behandlungen ermöglichen. Wenn die „Weltrettung“, von der zum Auftakt augenzwinkernd die Rede war, von der Innovationskraft der Hechinger Medizintechnik abhängt, dann gibt es dafür im Medical Valley jedenfalls bemerkenswert gute Voraussetzungen.

