Gymnasium Hechingen: Bewegende Spurensuche nach Opfern der NS-Diktatur

Ein Erlebnis, das alle Beteiligten tief bewegte, war die Eröffnung der Ausstellung „Finding Ivy“. Initiatorin Helen Atherton von der Universität Leeds sprach ein Grußwort.
privatDie Ausstellungseröffnung „Finding Ivy – a life worthy of life“ am Gymnasium Hechingen wurde für die zahlreichen Gäste zu einem eindrucksvollen Abend der Erinnerung und des Nachdenkens.
Die eigens aus England angereiste Initiatorin der Ausstellung, Dr. Helen Atherton von der Universität Leeds, sprach in ihrem Grußwort über die Anfänge ihrer Forschung, die Bedeutung von Erinnerungskultur und darüber, wie wichtig es sei, den Opfern nationalsozialistischer Gewalt ihre Namen und Geschichten zurückzugeben.
Im Mittelpunkt standen die Schülerinnen und Schüler des Seminarkurses „Ermöglichungsräume von Gewalt“, die sich über Monate intensiv mit der „Aktion T4“, dem systematischen Massenmord mittels Giftgas an mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen während des NS-Regimes, beschäftigt hatten.
Zeitzeugin ausHechingen
Nach der Einführung durch Atherton, der historischen Einordnung durch den Geschichtslehrer Benjamin Bräuer und der persönlichen Verortung durch die zweite Lehrkraft, Harald Sonntag-Weisshaar, präsentierten die Schülerinnen an mehreren Stationen die historischen Hintergründe, Forschungsergebnisse und Fakten zu den Verbrechen in Grafeneck. Nach dem bewegenden videografierten Beitrag einer in Hechingen lebenden, heute 93-jährigen Zeitzeugin, deren Vater in Grafeneck ermordet wurde, enthüllten die Schülerinnen und Schüler unter musikalischer Begleitung die 16 Einzelbanner mit den Biografien der Opfer gleichzeitig.
Aus anonymen Zahlen wuchsen um die Anwesenden konkrete Menschen mit Gesichtern, Lebensgeschichten und Familien in die Höhe. Dieser Moment sorgte bei vielen Gästen für sichtbare Betroffenheit und lange Stille.
Einblick inSeminararbeiten
Einen entscheidenden Anteil an der besonderen Atmosphäre des Abends hatte auch die musikalische Begleitung durch die Pianistin Clara Vinzenz, ebenfalls Schülerin der Jahrgangsstufe 11. Mit großer Sensibilität und musikalischem Feingefühl gelang es ihr, den Abend emotional zu tragen.
In einer abschließenden Fragerunde erhielten die Teilnehmenden des Seminarkurses Gelegenheit, über ihre derzeitigen Forschungsschwerpunkte zu berichten sowie Einblicke in ihre Seminararbeiten zu geben. Diese reichen von der Beschäftigung mit einzelnen Tätern über die Aufarbeitung von Sprache und Propaganda bis hin zu Ermöglichungsräumen von Gewalt gegen Frauen und dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Falle der Firma Hugo Boss.
Gelebte Erinnerungskultur
Viele Gäste kamen mit den Schülerinnen, aber auch untereinander, ins Gespräch oder betrachteten die Exponate in stiller Aufmerksamkeit. Die Ausstellungseröffnung von „Finding Ivy“ wurde so zu weit mehr als einer schulischen Veranstaltung: zu einem bewegenden Zeichen gelebter Erinnerungskultur.
Ausstellung
Die zweisprachige Ausstellung
„Finding Ivy. A life worthy of life“ widmet sich den Biografien von britischen Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Unter den rund 70.000 Menschen, die 1940 und 1941 im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet wurden, befanden sich auch einige, die einen biografischen Bezug zu Großbritannien hatten. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Helen Atherton von der Universität Leeds rekonstruierte das Leben dieser Menschen. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Wanderausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Noch bis Mitte Juni
Die Ausstellung ist im Eingangsbereich des Gymnasiums noch bis Mitte Juni zu den Öffnungszeiten des Gebäudes (7.30 Uhr bis 17.30 Uhr, nicht am Wochenende und in den Pfingstferien) öffentlich zugänglich und kann dort besichtigt werden. Weitere Informationen gibt es auch unter: www.findingivy.org