Bürgerforum diskutiert: Besitzt die Stadt Haigerloch zu viele Gebäude?

Hohe Sanierungskosten, teurer Unterhalt: Das sind zwei Gründe, warum die Gebäude in öffentlicher Hand der Stadt so viel Geld absaugen. Bürgermeister Heiko Lebherz und Bautechniker Bernd Wannenmacher standen beim Bürgerforum in Owingen Rede und Antwort. im Hintergrund: Jürgen König und Professor Richard Reschl vom Büro Reschl Gebäude & Konzeptentwicklung.
Thomas KostWie stellt sich die Situation mit der in öffentlicher Hand befindlichen Gebäude insgesamt dar? Dieser Frage spürt seit fast zwei Jahren das Büro Reschl Gebäude & Konzeptentwicklung nach.
In einem Bürgerforum am Dienstagabend in der Eyachtalhalle stellten Professor Richard Reschl und Jürgen König nun Erkenntnisse vor, die sie aus der Bestandsaufnahme von immerhin 111 der 150 städtischen Immobilien gewonnen hatten. Vor allem König kennt sich mit den Sorgen und Nöten einer Kommune bestens aus. Er war von 1988 bis 2019 Bürgermeister der 5300 Einwohner zählenden Gemeinde Rosengarten bei Schwäbisch Hall.
Haigerloch hat mit den größten Gebäudebestand unter den Kleinstädten
In ganz Baden-Württemberg habe keine Gemeinde von der Größe Haigerlochs einen derartigen Gebäudebestand, sah auch Bürgermeister Heiko Lebherz in seinen Begrüßungsworten Handlungsbedarf. Denn eines ist aus seiner Sicht klar: Jedes davon – egal ob kleiner Schuppen oder großes Rathaus – kostet Geld. Sei es wegen jährlichem Unterhalt oder, erst recht, wenn größere Sanierungen anstehen. Die Auflagen für Brandschutz oder Sicherheit seien deutlich umfangreicher als zu früheren Zeiten, bestätigte auch der städtische Bautechniker Bernd Wannenmacher.
Das könne sich eine hoch verschuldete Stadt wie Haigerloch auf lange Sicht nicht mehr leisten, meinte Lebherz und deshalb sieht der Bürgermeister die Ortschaftsräte und auch den Gemeinderat in der Pflicht, weitreichende Entscheidungen zu treffen. Zumal das Landratsamt bei der alljährlichen Verabschiedung der Finanzhaushalte der Stadt schon öfters die gelbrote Karte gezeigt habe.
Büro Reschl stellt ein 53-seitiges Konzept vor
Das sahen auch die beiden Experten Reschl und König ähnlich. Haigerloch, so der Professor anerkennend, habe zwar insgesamt eine tolle Infrastruktur, aber die Frage stelle sich, was davon angesichts des demografischen Wandels in zehn Jahren noch gebraucht werde.
König kam im Blick auf die Finanzsituation der Stadt zur Schlussfolgerung, dass es für die Stadt unabdingbar ist, „sämtliche Investitionen auf ihre Notwendigkeit und Finanzierbarkeit sowie die daraus entstehenden Folgekosten zu prüfen”.
Das 53-seitiges Konzept der beiden mit dem Titel „Kommunale Gebäudeentwicklung Haigerloch 2030“ erwies sich bei der Präsentation vor der aufmerksamen Zuhörerschaft in der Eyachtalhalle – darunter überwiegend Ortschaftsräte – als eine sehr detaillierte Bestandsaufnahme. Einer ihrer Kernpunkte ist die Zustandsbewertung der begutachteten Gebäude.
Experten empfehlen den Verkauf von 37 Gebäuden
Dafür wurde eine Skala von 1 (keine erkennbaren Mängel) bis 4 (substanzielle Mängel erstellt). Auf Basis dieser Kategorisierung erhalten zwar 14 Immobilien im Besitz der Stadt die Bestnote eins und 43 die Note 2 (geringe Mängel), aber auch 37 die Note 3 (erhebliche Mängel) und neun die Note 4.
Bei 37 der 111 Immobilien empfiehlt das Büro letztendlich den Verkauf, bei drei den Verkauf unter Vorbehalt, bei neun ist die Verkaufsfrage noch zu klären und bei 62 sprechen sich Reschl und König für den Erhalt aus.
Soll man diesen Empfehlungen grundsätzlich folgen? Was kann oder sollte sogar erhalten werden? Wo lohnt sich eine Sanierung, wo ein Neubau? Wo kann man Mehrfachstrukturen abbauen und Synergieeffekte schaffen?

Bürger durften an Stellwänden die Auswahl der Gebäude aus ihren Stadtteilen begutachten und Ideen aufschreiben, was man mit ihnen machen könnte.
Foto: Thomas KostJetzt sind die Ortschaftsräte und der Gemeinderat gefragt
Lauter Fragen, die sich aus all diesen Befunden ableiten lassen. Spätestens an diesem Punkt kam die Bürgerschaft ins Spiel. Sie durfte sich an neun Stellwände begeben, an denen die öffentlichen Gebäude der jeweiligen Teilorte aufgelistet waren. Unter den Gebäudebezeichnungen standen leere Kästchen in die man Vorschläge schreiben konnte – zum Beispiel „Vermieten“ oder „Veräußern“.
Aus der eigenen Bestandsaufnahme und aus diesen Anregungen will das Büro Reschl nun ein Handlungsprogramm mit entsprechenden Prioritäten entwickeln. Dieses soll in den nächsten Monaten in allen neun Ortschaftsräten zur Diskussion gestellt und – vermutlich zum Jahresende – dann vom Gemeinderat beschlossen werden, so dass man zügig an die Umsetzung des Konzeptes bis 2030 gehen kann.