Ulrich Tukur & Band in Baiersbronn: Ironiegewitter über der Gartenschau

Auch ein exzellenter Pianist: Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys mischten das Publikum im „Xentrum“ mit Genuss auf.
Gerhard KeckMan kennt und schätzt ihn als Charakterkopf aus zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen. Manche haben gewiss auch seine literarische Produktion auf dem Schirm. Dass er darüber hinaus als exzellenter Pianist durch die Lande zieht, hat sich inzwischen herumgesprochen. Die Rede ist von Ulrich Tukur.
Zusammen mit seiner Band „Die Rhythmus Boys“ bescherte er der Gartenschau einen weiteren Höhepunkt im insgesamt sehr respektablen Veranstaltungskalender. Die üblichen verfügbaren Plätze vor der Bühne im „Xentrum“ in Friedrichstal reichten längst nicht mehr aus – sichtbare Wertschätzung für die Band.
Tukur, auf der Mattscheibe häufig in der Rolle des wortkargen Grüblers zu erleben, erwies sich im Zusammenhang mit den musikalischen Evergreens und Eigenkompositionen als intellektuell erhöhte, im Stakkato agierende Plaudertasche, die weder sich selbst noch ihre Bandmitglieder und damit schon gar nicht das Publikum ernst nahm.
Angeblich letzter Auftritt
Mit „Es leuchten die Sterne“ war sein angeblich letzter Auftritt mit seinen Jungs überschrieben. Mit dem Lied aus dem Repertoire ist nicht nur eine Reminiszenz an den gleichnamigen Revuefilm aus dem Jahr 1938 und eine Hommage an die „chilenische Nachtigall“ Rosita Serrano, die darin ihr Filmdebüt gab, verknüpft. Tukur und die Rhythmus Boys präsentierten sich als Vertreter jener Epoche in unverkennbarer Aufmachung bis hin zur Schmalzlocke des Gitarristen Ulrich Mayer. Selbst der unvergessene Rudi Schuricke kam im Programm zu Ehren.
Als „musikalische Apotheose“ des Jazz-Zeitalters in den USA klangen beispielsweise die Großmeister George Gershwin und Cole Porter an. Tukur versuchte, seine haarsträubenden biografischen Notizen zu Glenn Miller glaubhaft zu machen, und es mag nicht wenige Besucher gegeben haben, die ihm zunächst auf dem Leim gingen.
Slapstick und Selbstironie
Fast zwei Stunden verübten die Protagonisten auf der Bühne Anschläge auf die Lachmuskeln der Gäste, und der Erfolg gab ihnen recht. Slapstick, Selbstironie („Beachten Sie mein Gitarrensolo, ich habe lange dafür geübt“) und hohe Musikalität garantierten beste Unterhaltung.
Um eine Verballhornung kam selbst die literarische Prominenz nicht herum: Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke wurden auf der Nonsenswelle geschaukelt, wobei der „Panther“ des Letzteren zum Hamster mutierte. Weil sich die Truppe keine Posaunisten leisten kann, um Glenn Miller stilecht zu kopieren, musste zu „Taxedo Junction“ kurzweg mit der Stimme improvisiert werden, ohne dass das Original größeren Schaden nahm.
Sie wollen gar nicht ernst genommen werden
Instrumental wie gesanglich erwiesen sich alle vier als absolut maßgebend. Kontrabassist Günter Märtens kann angesichts seiner Körpergröße locker als Goliath durchgehen, während Schlagzeuger Kalle Mews, gut einen halben Meter kleiner, allenfalls die Rolle des David ausfüllt. Diesen Unterschied kosteten die beiden mit allerhand Slapstick-Einlagen aus.
„Wir wollen nicht ernst genommen werden“, räumte Ulrich Tukur ein. Wer hätte anderes gedacht angesichts des Ironiegewitters, das auch noch bis zu den Zugaben „Let’s Spend the Night Together“ in Erinnerung an die Rolling Stones und „La Paloma“ als unvergessene Hans-Albers-Schnulze aus dem Jahr 1944 anhielt.
Die Gartenschau erwies sich jedenfalls als beste Adresse sowohl für die hochgelobten und dekorierten Musiker als auch für das Publikum, das den Abend zu genießen verstand.