Theater in Freudenstadt: Gelungene Adaption der Romanvorlage „Über Menschen“

Im Kurtheater bot die Badische Landesbühne mit dem Schauspiel „Über Menschen“ nach der Romanvorlage von Juli Zeh eine überzeugende Leistung.
Gerhard KeckWie bringt man einen 400-Seiten-Roman in eine für die Theaterbühne passende Form? Indem man den Stoff beispielsweise der Badischen Landesbühne in Person von Wolf E. Rahlfs anvertraut. Der Intendant des Hauses hat das Epos bearbeitet und führt auch selbst Regie. Verlassen kann er sich auf ein Ensemble, das mit bewährten Darstellern besetzt ist, die alles tun, um der Inszenierung gerecht zu werden.
In Freudenstadt musste kurzfristig die Rolle des Floristen Tom krankheitsbedingt umbesetzt werden. Für Lukas Maria Redemann sprang Thilo Langer ein. Dass er deshalb Teile seines Parts ablesen musste, tat dem gelungenen Auftritt keinen Abbruch.
Der Roman „Über Menschen“ (erschienen 2021) entstand unter dem Eindruck der dramatischen Corona-Pandemie als zweite Version, weil Juli Zeh aktuell darauf reagieren wollte. Dafür gab sie die ursprüngliche Fassung in den Reißwolf.
Für die Bühnenfassung kam es nun darauf an, die zahlreichen Charaktere der Prosafassung so umzusetzen, dass Inhalt und Aussage der Vorlage erhalten blieben und dennoch eine eigene Interpretation zu erkennen war. Augenfällig ist dies beispielsweise beim Schlussakkord, der mit seiner Symbolhaftigkeit von der eher profanen Romanvorlage abweicht.
Truppe zeigt viel Dynamik
Der siebenköpfigen Truppe gelang mit viel Dynamik, das Personal des Gesellschaftsromans mit Leben zu erfüllen. Es ist typisch für die Inszenierungen der Badischen Landesbühne, dass Ausstattung und Effekte auf Wesentliches beschränkt sind, um dem Spiel Vorrang einzuräumen. Als dramaturgische Kniffe fungieren die vom Ensemble eingestreuten Erzählpassagen zur Handlung.
„Über Menschen“ ist kein Werk, das mit überbordender Psychologisierung lähmt. Vielmehr steckt in den ausladenden Gesprächsteilen auch eine gute Portion Humor, von welcher die rund zweistündige Aufführung profitiert. Beispiel: Als der äußerst wortkarge „Dorf-Nazi“ sich seiner neuen Nachbarin Dora mit „Gote“ vorstellt, kontert sie: „Westgote oder Ostgote?“ Darauf er, verblüfft: „Gote. Wie Gottfried.“
In der Rolle der aufs brandenburgische Land gezogenen, ernüchterten Berliner Werbefachfrau Dora glänzt Nadine Pape mit sich häufig wandelndem Spiel. Gote wird verkörpert von Martin Behlert, der in Erscheinung und Gestus der Romanvorlage nahekommt. Gotes halbwüchsige Tochter Franzi findet in Cornelia Heilmann eine ideale Interpretin. Wie die profilierte Schauspielerin bis in kleinste Details den mädchenhaften Habitus auslotet, ist schlichtweg grandios.
Unverzichtbare Stütze
Florist Tom (Thilo Langer) und Kabarettist Steffen (Tobias Gondolf) geben sich als ein Paar, an dem die homophoben Ausbrüche von Gote abprallen. Frank Siebers gibt dem Medizin-Professor Jojo, Doras Vater, Kontur. In seiner mehr als selbstbewussten Art ist er seiner Tochter nicht nur in finanzieller Weise eine unverzichtbare Stütze. Die in prekären Verhältnissen lebende Sadie wird routiniert verkörpert von Madeline Hartig.
Auf unterschiedliche Art sind die Charaktere in dem Kosmos des Provinznests Bracken miteinander verbandelt. Ihre Überzeugungen und Handlungsweisen spiegeln ihre Befindlichkeit in außergewöhnlichen Lebensumständen wider. Die Theaterversion der Badischen Landesbühne von „Über Menschen“ ist eine höchst gelungene Adaption der Romanvorlage. Diese Überzeugung fand im Kurtheater Ausdruck im Beifall des Publikums.