Kinderwerkstatt Eigen-Sinn
: „Unsere betreuten Kinder sind keine Roboter“

Mit welchen Sorgen eine Einrichtung für Kinder im Kreis Freudenstadt zu kämpfen hat. Bilanz zwei Jahre nach dem Tod von Gründer Hans-Martin Haist.
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(red/pm)
Oberndorf
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Freizeitaktionen wie hier mit Kanus stärken das Gemeinschaftsgefühl.

Eigen-Sinn

Zwei Jahre sind vergangen, seit Hans-Martin Haist, Gründer der Stiftung und Kinderwerkstatt Eigen-Sinn, verstorben ist. „Das Gesicht der Stiftung hat sich verändert“, sagt Dina Bühler, seine Tochter. Sie übernahm vor drei Jahren – nach der Diagnose ihres Vaters – die Geschäftsführung. „Wichtig ist uns aber, dass unser Herz, unsere Haltung und unsere inneren Werte bleiben. Die Menschen verändern sich mit der Zeit, doch niemals der Grundgedanke, den mein Vater bei der Gründung in sich getragen hat.“

Sicherer Ort für Kinder

Ein sicherer Ort – für Kinder und Familien in Krisensituationen. Kinder und Jugendliche mit ihrem schwerem Gepäck. „Wir können ihnen ihre Last nicht abnehmen, aber wir können ihnen einen Raum geben, zu lernen dies zu verarbeiten oder damit umzugehen.“

Es war Hans-Martin Haists Vision, Kindern im Landkreis Freudenstadt, die früh mit Schicksalsschlägen und Krisen konfrontiert wurden, einen geschützten Ort zu schaffen.

Manche Kinder müssen soziales Miteinander erst lernen

„Unsere Kinder kommen nicht immer aus zerrütteten Familien“, erklärt Bühler. „Manchmal ist es auch die Schule, ein Schicksalsschlag oder der ständige Druck, der sie zu uns führt. Je nach Thema und Alter braucht es etwas völlig Unterschiedliches: Aufarbeitung von Trauma, Vertrauen, Struktur – aber manchmal auch ganz schlicht neue Regeln, ein soziales Miteinander, das erlernt werden will.“

Denn viele Kinder hätten keine Sprache für das, was sie bewege, fasst es die Stiftung in einer Mitteilung zusammen. Sie seien traurig, wütend, innerlich unruhig, haltlos. Die Not zeige sich oft im Verhalten: durch Rückzug, Isolation oder Wut.

Wie geht man mit Hilflosigkeit um?

„Wir müssen lernen, unsere Traurigkeit, unsere Wut, unsere Hilflosigkeit zu erkennen – und gut damit umzugehen“, sagt Bühler. „Und dabei begleiten wir die Kinder.“

Ein Schlüssel liege dabei im Gruppenkontext. Anders als bei klassischen Therapieformen wirke hier die Gemeinschaft: „Wir sind keine Therapeuten“, betont Bühler, „aber in der Gruppe geschehen Dinge, die tiefgreifend sind. Oft geben sich die Kinder und Jugendlichen gegenseitig Halt, Spiegelung, Rückmeldung – und wachsen gemeinsam.“

Die Arbeit sei nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern oft auch therapeutisch wirksam. „Wir erleben, dass die Kinder in der Gruppe lernen, sich zu streiten und wieder zu vertragen, sich zu trösten, miteinander etwas zu erschaffen – das ist echte Beziehung, das ist Entwicklung.“

Auch die Momente der Freude sind so wichtig

Und: „Wir arbeiten konsequent an Regeln und an einem respektvollen Miteinander“, so Bühler. „Denn auch wenn ein Kind Schicksal oder Wut im Bauch hat, darf es nicht andere verletzen. Schlechte Erfahrungen dürften nicht Grund für schlechtes Verhalten sein.

Gleichzeitig lege die Kinderwerkstatt großen Wert auf Momente der Freude, des Glücks, des Gelingens. „Es ist uns wichtig, Glückshormone freizusetzen. Erfolgserlebnisse. Spaß. Abenteuer. Denn nur wenn ein Kind Selbstwirksamkeit spürt, erlebt, was es kann und über seine Grenzen wachsen darf, kann es sich entwickeln.“

Die Kinderwerkstatt kommt an ihre Grenzen

Der Druck wachse. Die Welt sei im Krisenmodus – und das bleibe auch im Landkreis spürbar. Familien – ob auf der Flucht, oder im Landkreis geboren – seien von Ängsten geplagt. Gleichzeitig würden auch Einrichtungen wie die Kinderwerkstatt an ihre Grenzen geraten. „Es gibt Kinder, wo wir noch länger investieren müssten. Der Druck, schnelle Erfolge zu liefern, wächst – aber unsere Kinder sind keine Roboter. Sie brauchen die Zeit, die sie brauchen.“

Zwei Jahre nach dem Tod von Hans-Martin Haist lebe sein Vermächtnis weiter. In der Haltung, dass jedes Kind zähle. Dass Entwicklung möglich sei. Und dass Gemeinschaft heilen könne.

Die Unterstützer

Die Kosten
Rund 44 000 Euro brauche die Kinderwerkstatt jährlich pro Gruppe. Bei 23 Gruppen komme da eine hohe Summe zusammen. Etwa 40 Prozent davon würden vom Jugendamt gedeckt. Der Rest werde großteils über Spenden finanziert.

Die Kooperation
Die Zusammenarbeit mit der Stadt Freudenstadt und dem Jugendamt habe sich laut Eigensinn deutlich verbessert: „Die Beziehung ist heute wertschätzend und konstruktiv.“

Die Sorge
Die politischen Sparmaßnahmen trüben laut Eigensinn das Bild: „Da sind wir nicht verschont. Und das ist schade“, sagt Geschäftsführerin Bühler. Die Spenden würden zurückgehen. Denn auch die Unterstützer hätten Angst vor dem, was kommen könnte.

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