Freudenstadt
: Erinnerungen an den "Apfelpfeil"

Tourismus: Unternehmen IAO musste vor 40 Jahren Konkurs anmelden / Wagen mit viel Luxus
Von
Schwarzwälder Bote
Oberndorf
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Drei IAO-Waggons, aufgenommen zwischen 1973 und 1979 in Hannover: Ein "Domecar", ein Sitz- und ein Packwagen. Foto: Born

Schwarzwälder Bote

Viele kennen sie noch – die gelb-orangefarbenen Sonderzugwagen "Apfelfeil", die früher oft auf einem Abstellgleis des Freudenstädter Hauptbahnhofs standen. Sie gehörten zur Firma IAO mit Sitz in Grüntal, die vor 40 Jahren Konkurs anmelden musste.

Freudenstadt. Der Freudenstädter Rudolf Meintel, viele Jahre bei der Bahn beschäftigt, erinnert sich noch an den 7. Oktober 1994, weil es sein erster Einsatz als "Unfallbereitschaftshabender" (heute Notfallmanager) war. Damals meldete sich ein Gerichtsvollzieher beim Aufsichtsbeamten des Hauptbahnhofs und gab bekannt, dass er das Eigentum der Firma IAO pfänden müsse. Meintel hat für den Schwarzwälder Boten in seinen Aufzeichnungen nachgeschaut und erzählt im Folgenden die Geschichte der Tourismusfirma Internationale Apfelpfeilfahrten Organisation (IAO):

Wegen ihrem einzigartigen Betriebskonzept war das Unternehmen in den 70er-Jahren zum Marktführer für Schienen-Schiff-Kreuzfahrten geworden und ihre gelb-orangen Waggons mit dem roten Apfel waren von weitem erkennbar. An den Waggons stand "Heimatbahnhof Freudenstadt Hbf", und sie waren somit ein Werbeträger für den Luftkurort. Die Kunden waren seinerzeit Tageszeitungen oder Zeitschriften, die für ihre Leser die Fahrten anboten. Die IAO bot einen umfassenden Service. Auf 40 Reisende kam ein Betreuer. Das Ganze war straff militärisch organisiert. Der Zugchef hieß Kapitän und ihm standen ein Erster und ein Zweiter Offizier zur Seite.

Die Fahrten begannen im Einzugsgebiet der jeweiligen Zeitung. Die Teilnehmer bekamen entweder ein Anschlussticket ab ihrem Heimatbahnhof oder wurden mit Bus oder Taxi abgeholt. Bei einer typischen Mittelmeerkreuzfahrt fuhr der Sonderzug tagsüber bis Brig, wo in Hotels übernachtet wurde. Tags darauf ging es dann weiter zum Hafen in Genua, wo ein Schiff der Reederei Costa wartete.

Die Reisenden erlebten bei den Fahrten nicht nur die Sehenswürdigkeiten der deutschen Gegenden, sondern auch das prächtige Alpenpanorama. Insgesamt hatte sich die IAO eine Flotte von 70 Privat-Waggons zugelegt, die für ihre Zwecke umgebaut wurden. Tanz-, Speise-, Küchen-, Sitz- und Liegewagen, spezielle Pack- und Sendewagen gehörten dazu. Etwas ganz Besonderes waren aber die fünf ehemaligen "TEE-Rheingold"-Aussichtswagen, auch "Domecars" genannt. Von deren Glaskanzeln aus hatte man eine tolle Rundumsicht.

Die Liegewagen wurden nicht für Nachtfahrten, bei denen die Gäste nichts von der Strecke mitbekommen hätten, verwendet, sondern an deren Tischen, die normalerweise hinter der heruntergeklappten mittleren Liege verstaut waren, wurden Mahlzeiten serviert. Innerhalb kürzester Zeit konnte der ganze Zug verköstigt werden.

Mitte August 1979 wurde Rudolf Meintel als junger Bundesbahninspektor nach Freudenstadt versetzt. Nach ein paar Wochen Einweisung und Kennenlernen der Örtlichkeit musste er in der ersten Oktoberwoche die Unfallbereitschaft übernehmen. Gleich am Sonntag, 7. Oktober, gegen 11 Uhr bekam er seinen ersten Einsatz vom Aufsichtsbeamten des Hauptbahnhofs: "Herr Meintel, der Gerichtsvollzieher ist hier, weil die Firma IAO in Konkurs ist, und will die Wagen pfänden". Statt eine Entgleisung oder ein Unfall war der Einsatz für Meintel ein Verwaltungsakt. Der eigentliche Konkurs folgte dann erst 1980. Während des laufenden Konkursverfahrens konnte Rudolf Meintel das moderne Innenleben der Waggons kennenlernen, denn die Firma IAO hatte den Südflügel des Bahnbetriebswerks als Büro samt Abstellgleisen angemietet.

Großes Musikarchiv war mit an Bord

Meintel erinnert sich: "Im Sendewagen waren allein zwei Abteile für die Musikanlage mit Plattenspieler und Kassettenrecorder reserviert. Die Wände waren voll mit Musikkassetten und Schallplatten. In einem Fach fanden sich die verschiedenen Routenbeschreibungen, wo auch die Reisehöhepunkte aufgeführt wurden, samt genauen Anweisungen, wann welche Musiktitel aus dem großen Musikarchiv zu spielen waren. Es gab aber auch handschriftliche Vermerke wie ›Witz kam nicht an, muss geändert werden‹.

Die Packwagen hatten im Gegensatz zur ›normalen‹ Bahn, die ja auch unhandliche Packstücke befördert, passende Regale, die das Stapeln von Koffern erleichterten."

Wahrscheinlich waren die Personalkosten ein Grund für das Scheitern dieses Touristikunternehmens, mutmaßt Meintel. Die Nachfolger in diesem Geschäft konnten sich mit dem IAO-Standard nicht messen. In den Folgejahren versuchte die Firma IAO erfolglos wieder in das Reisegeschäft einzusteigen, aber etwa fünf Jahre später kam das endgültige Aus.

Die Apfelpfeilwagen sind jedoch nicht in Vergessenheit geraten. Selbst heutige Bahnfans und Modellbahner in mittleren Jahren, die damals noch gar nicht auf der Welt waren, kennen den Namen noch und verbinden ihn auch mit Freudenstadt. In den einschlägigen Internetforen finden sich Rubriken mit "Apfelpfeil". Auch fast alle Modelleisenbahnhersteller führten Apfelpfeilwagen in ihrem Angebot, weiß Rudolf Meintel.

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