Freudenstadt: Berührende Liebesschwüre von Rang und Namen

"Liebe trifft den richtigen Ton": Dies bewiesen (von links) Pianistin Kristina Stelter, Buchhändlerin Gudrun Krüper und Moderator Martin Seidler. Foto: Keck
Schwarzwälder-BoteFreudenstadt. "Liebe trifft den richtigen Ton – große Liebeserklärungen berühmter Persönlichkeiten" lautet das Programm, mit dem SWR-Moderator Martin Seidler und Pianistin Kristina Stelter unterwegs sind. Ihr Auftritt in der voll besetzten Arkadenbuchhandlung in Freudenstadt wurde zu einer Ehrerbietung an das ganz große Gefühl, das die Menschheit umtreibt.
Bevor sich das Duo mit Wort und Klang in Szene setzte, informierte Buchhändlerin Gudrun Krüper über den Anlass der Veranstaltung. Noch bis zum 11. November feiern rund 600 Buchhandlungen in der Bundesrepublik die "Woche unabhängiger Buchhandlungen". Mit der Aktion wollen die Geschäftsleute nicht nur auf ihre wirtschaftliche Situation angesichts des bedrängenden Online-Handels aufmerksam machen, sondern auch zeigen, was an "Kreativität und gesellschaftlichem Engagement" in ihnen steckt. Martin Seidler und Pianistin Kristina Stelter haben ein Programm zusammengestellt, das teilweise aus Liebesbriefen herrührt, die in dem dickleibigen Band "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe" enthalten sind.
Weiteres zum Thema entnahmen sie dem unerschöpflichen Füllhorn der Liebeslyrik. Unterlegt sind die Rezitationen mit sorgsam auf die Texte abgestimmter, feinsinniger Klavier-Interpretationen klassischer und neuer Werke durch Kristina Stelter.
Seidler, ein Meister des ausdrucksstarken Vortrags, der sich seiner Wirkung durchaus bewusst ist (auch als gelegentlicher Sänger), parlierte mit einer Inbrunst, die ihn selbst vor Rührung hin und wieder die Augen niederschlagen ließ. Verblüffend authentisch gab er ferner den Großkritiker Marcel Reich-Ranicki mit einer Eloge auf Mascha Kaléko.
In den Texten wird geliebt, gebaggert und gebalzt, was das Zeug hält, und im Grunde geht es eben immer nur um das Eine, Unaussprechliche. Was auf literarischer und musikalischer Bühne Rang und Namen hat, ist versammelt: Mozart, Beethoven, Schubert, Cocteau, Heine, Eichendorff, Piaf, Goethe, Rilke und Hofmannsthal, um nur einige zu nennen.
Emotionale Entlastung durch tiefe Seufzer
"Mein Engel, mein alles, mein ich", schreibt Beethoven an die "unsterbliche Geliebte", und selbst Otto von Bismarck, der "Eiserne Kanzler", bekennt in einem Brief an Johanna von Puttkammer: "Du beß’re Hälfte meiner oder Unsrer". Kriegsgestählte Herrscher zeigen Frauen gegenüber ihre gefühlige Seite, so Napoleon Bonaparte: "Über welch sonderbare Macht verfügst Du, unvergleichliche Joséphine (de Beauharnais)?"
Angesichts der Vielzahl von Liebesschwüren musste sich das Publikum unter Seidlers Anleitung ein ums andere Mal mit tiefen Seufzern emotionale Entlastung verschaffen. Schließlich schwenkte der Rezitator auf die humorige Seite um als Gegengewicht zum Gefühlsüberschwang – aber dies nicht immer politisch korrekt. So ließ er den großen Humoristen Heinz Erhardt sagen: "Frauen sind die Juwelen der Schöpfung; man muss sie mit Fassung tragen." An den Schluss seiner Zitatensammlung setzte Seidler einen eigenen Aphorismus: "Liebe ist dufte. Punkt". Darin fand er sich einig mit dem Publikum, das großteils selbst nach zwei Stunden noch nicht genug vom Liebestaumel in Wort und Ton hatte.
Im Zugabenblock nochmals Heinz Erhardt mit dem Lied: "Zur Liebe ist es nie zu spät / auch dann nicht, wenn der Herbstwind weht…" – und da stimmten auch die Gäste mit ein. Martin Seidler beließ es nicht beim kunstvollen Vortrag, sondern ließ auch als Quintessenz eine wohlmeinende Mission aufblitzen: Man möge, so sein Appell, ein "offenes Ohr und ein offenes Herz haben für die Liebe".