Dornstetten: "Du musst Leonardo sagen: Opa Papst kann nicht mehr"

Journalist Andreas Englisch nahm die Zuhörer mit in die fremde Welt des Vatikan. Foto: Müller
Schwarzwälder-BoteVon Claudia Müller
Dornstetten. Die Bücher des Vatikankorrespondenten Andreas Englisch sind große Erfolge, und es gibt keinen Papst der vergangenen 27 Jahre, dem er nicht zumindest einmal die Hand geschüttelt hat. Bei der ausverkauften Abschlussveranstaltung der Dornstetter Buchwochen in der Zehntscheuer zog der Autor und Journalist die 130 Zuhörer in seinen Bann.
"Ich komme gerade aus Rom", begann er und war gleich mitten im Thema. Mit Humor und Respekt berichtete Englisch von seinen Begegnungen und Beobachtungen im Vatikan und von seinen Reisen im Journalistentross dreier Päpste. Auch Persönliches streute der gebürtige Westfale ein. Etwa Geschichten von seinem Sohn und "Opa Papst" Johannes Paul II. oder davon, wie Begegnungen mit eben diesem Papst ihn zum Glauben an einen menschenfreundlichen Gott angestiftet haben.
Für herzliches Lachen sorgte die Anekdote über die Kommuniongruppe seines Sohns, der eine Audienz bei Papst Benedikt XVI gewährt worden war. Nachdem der sich zurückgezogen hatte, durften die Kinder dem Präfekten Georg Gänswein Fragen stellen. Noch am Abend zuvor hatte Englisch seinem Sohn Leonardo zugeredet, er möge eine schlaue Frage stellen. Ermutigt durch die Zusage Gänsweins, er dürfe alles fragen, erkundigte sich der Junge stattdessen treuherzig: "Hat der Papst ein Handy?"
Andreas Englisch nahm seine Zuhörer zunächst mit an den Anfang seiner Karriere. Eigentlich war er Ende der 80er Jahre nach Rom gekommen, um Italienisch zu lernen. Dann wurde das Geld knapp. Auf der Suche nach einem Job landete der 23-Jährige bei einer amerikanischen Nachrichtenagentur. Die suchte einen Berichterstatter für den Vatikan. Ob er, Englisch, sich mit katholischer Theologie auskenne? Nicht die Bohne. Ob er sich für die Kirche und den Papst interessiere? Überhaupt nicht. Ob er denn mal Messdiener gewesen sei? Ja, damit konnte Englisch dienen. Das genügte. Und so wurde der Deutsche im Alter von Anfang 20 Vatikanexperte.
Inzwischen ist er ein Meister seines Fachs. Er weiß Bescheid über Kirchengeschichte und die katholische Lehre. Was Eucharistie bedeutet, erklärte ihm zum ersten Mal das schwule Paar, mit dem er zusammen in Rom eine WG bewohnte. Die beiden waren aus einem Kloster abgehauen.
Mit feinem Gespür für Veränderungen und Stimmungen in der Kurie bemerkte Andreas Englisch nach der Wahl von Papst Franziskus früh die ersten Zeichen einer Revolution im Vatikan. "Sie müssen sich das mal vorstellen...!" Mit Staunen in der Stimme führte der Redner die Zuhörer in Dornstetten in die Gepflogenheiten der heiligen Stadt ein. Er erklärte, dass noch bis Ende der 70er-Jahre der Papst auf einer Sänfte durch die Gegend getragen wurde.
Papst Franziskus hingegen wollte sich direkt nach seiner Wahl nicht mal im Dienstauto chauffieren lassen, sondern verkündete: "Ich fahre mit dem Bus zurück in die Unterkunft." Aber er wollte vorne sitzen. "Schließlich bin ich Papst." Auch die anderen Verzichtserklärungen des neuen Pontifex seien Indizien für eine Revolution: Franziskus zog nicht in den päpstlichen Palast. Ordensschwestern, die ihn hätten versorgen sollen, forderte er auf, stattdessen das Evangelium zu verkündigen. Er brauche sie nicht. Ebenso wenig Sekretär und Kammerdiener. Die Zuhörer spürten: Franziskus kommt bei dem Journalisten an.
Was den Abend im Saal der Zehntscheuer so vergnüglich machte, waren auch Englischs spitzbübischer Humor und seine kraftvollen Bilder. Damit entführte er die Gäste überall hin in die Welt. Etwa zum Jugendtag 2013 in Rio de Janeiro. "Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass bei der Organisation etwas schiefgeht. Ging es natürlich auch", erinnerte sich Englisch. Und ergänzte: "Aber ich hatte auch nicht den geringsten Zweifel, dass der liebe Gott das richten würde." Geplant war eine Veranstaltung auf einem Feld viel zu weit außerhalb Rios. Die Jugendlichen hätten viele Kilometer dorthin laufen müssen. Aber dann passierte, was sonst im Juli in Rio nie passiert: Es goss wie aus Kübeln. Das sogenannte "Feld des Glaubens" stand einen Meter unter Wasser. Die Lösung: Weltjugendtag an der Copacabana. Das hieß: Auf der Bühne der Papst, vor ihm Jugendliche in Badehose und Bikini und Ordensfrauen, die mit ihnen Sandburgen bauten.
Nach diesem Ausflug gönnten sich Zuhörer und Redner eine Pause. Viele nutzten die Möglichkeit, Bücher von Andreas Englisch zu kaufen und signieren zu lassen. "Das erste Mal in 28 Jahren habe ich alle Bücher verkauft", staunte Buchhändlerin Felicitas Seeger, eine der Organisatorinnen der Buchwochen.
Zurück unter dem Dach der Zehntscheuer, stellten die Besucher dem Vatikanexperten Fragen und entlockten ihm die vielleicht anrührendste Geschichte des Abends. Wenige Wochen vor seinem Tod, so erzählte Englisch, kam Papst Johannes Paul II. noch einmal ins Krankenhaus. Der Sohn von Andreas Englisch, der an "Opa Papst" hing, malte ein Bild für Karol Wojtyla. Der Vater brachte es ins Krankenhaus und legte es zu den unzähligen Geschenken für den Papst. Wenige Tage vor dem Tod Wojtylas wurde Andreas Englisch in den päpstlichen Palast gerufen. Dem Journalisten, dessen Buch über Johannes Paul II. gerade auf Polnisch erschienen war, schwante, dass er wegen dieses Buchs eine Rüge bekommen würde. Aber weit gefehlt. Er bekam eine Minute Zeit – mit dem Papst ganz alleine. Als Englisch eintrat, signierte Karol Wojtyla gerade mit zitternden Fingern das Bild von Leonardo Englisch und bat dann: "Du musst Leonardo sagen: Opa Papst kann nicht mehr."
Wenn die heilige Kirche ihre menschliche Seite zeigt, wird sie interessant. Das wurde an diesem Abend deutlich.