Disziplin um jeden Preis
: Von Loßburg nach Kenia - die schönen und die Schattenseiten

Seit rund neun Monaten lebt die Loßburgerin Sophie Arnold nun in Narok im Südwesten Kenias und leistet dort ihren Freiwilligendienst. Ihre bisherigen Erfahrungen, die größten Unterschiede zu ihrem Leben in Deutschland und was es mit dem Wort „Mzungu“ auf sich hat.
Von
Carolin Schöffler
Lossburg/Kenia
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Die Freiwilligen Sophie Arnold (rechts) und Henrike Stöckinger (links) am Kulturtag, anlässlich dessen im Stadion verschiedene traditionelle Tänze und Gesänge aufgeführt wurden.

Die Freiwilligen Sophie Arnold (rechts) und Henrike Stöckinger (links) am Kulturtag, anlässlich dessen im Stadion verschiedene traditionelle Tänze und Gesänge aufgeführt wurden.

Leo Strzeszynski
  • Freiwilligendienst in Narok: Sophie Arnold lebt seit rund neun Monaten bei einer Gastfamilie.
  • Sie unterrichtet Vorschulkinder an der St. Mary’s Girls’ und gibt Deutsch für Klassen vier bis neun.
  • Unterricht ist stark frontal, Auswendiglernen dominiert – Berichte über Schläge trotz Verbot.
  • Arnold spricht Themen bei Lehrkräften an, stößt aber auf Ablehnung und erklärt Kindern ihre Rechte.
  • Alltag: viele Sprachen, Ruf „Mzungu“ häufig, Infrastruktur wirkt chaotischer, doch sie möchte bleiben.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als sie sich für den Freiwilligendienst in Kenia entschied, wusste Sophie Arnold, dass sie sich auf weit mehr als nur einen Ortswechsel einstellen muss: Ein fremdes Land, eine neue Sprache und eine andere Kultur würden von nun an ihren Alltag prägen.

Bloß nicht zu viele Erwartungen wecken, um am Ende nicht enttäuscht zu werden - so lautete Arnolds Devise. Ganz unvorbereitet wollte sie die Reise dann aber doch nicht antreten: Sie vertiefte sich in Dokumentationen und las sich in Reiseführer ein. „Aber es ist nochmal ganz anders, wenn man dann da ist“, sagt Arnold im Gespräch mit unserer Redaktion.

Seit nun etwas mehr als neun Monaten lebt die Loßburgerin in der 25.000 Einwohnerstadt Narok im Südwesten Kenias. Dort wohnt sie bei Gastmutter Rosemary - die für Arnold, wie sie selbst sagt, mit ihren 70 Jahren eher wie eine Gastoma ist - und ihrer kleinen Gastschwester Aviana. Mit ihnen unterhält sie sich auf Englisch - einer der beiden Amtssprachen in Kenia, die andere ist Suaheli.

Über 40 verschiedene Stämme und Sprachen

Gesprochen werden jedoch um einiges mehr Sprachen. Über 40 verschiedene Stämme gibt es in Kenia, die alle ihre eigene Sprache sprechen. Welche das genau ist, variiere je nach Region. In Arnolds Fall seien das Suaheli, Englisch und Massai.

In den ersten Tagen nach ihrer Landung in Kenia Anfang September haben die Freiwilligen ein kleines Seminar von der Patenorganisation in Kenia bekommen, erzählt Arnold. Dabei hätten sie gelernt, wie man seine Klamotten von Hand wäscht, wurden über örtliche und kulturelle  Gegebenheiten aufgeklärt und haben ein paar Worte Suaheli mit auf den Weg bekommen.

Als „Mzungu“ in Kenia

So könne sich Arnold nun immerhin selbst auf Suaheli vorstellen und Preise verhandeln - in Narok ein wichtiger Skill. „Das hilft total, wenn man sich ein bisschen in der Amtssprache verständigen kann“, erklärt Arnold.

Ein suahelisches Wort, das Arnold in ihrem Alltag in Kenia täglich begleitet, ist „Mzungu“ - die Bezeichnung für eine weiße Person. Ob sie eine Straße entlang geht, einkaufen oder in die Schule „zu 100 Prozent ruft das jemand hinterher“, so Arnold. Zunächst habe sie das irritiert, dass ihr wildfremde Menschen auf der Straße hinterherrufen, aber „das ist wie mit allem, man gewöhnt sich dran“. Mittlerweile störe es Arnold nicht mehr. Sie wisse, dass die Einheimischen das nicht böse meinten, sondern vielmehr überrascht oder neugierig seien.

Lust zu Reisen und Liebe zu Kindern

An der St. Mary's Girls' Comprehensive School unterrichtet Arnold im Zuge ihres Freiwilligendienstes rund 40 Kinder im Vorschulalter. Neben ihrem Wunsch zu reisen, habe die 18-Jährige, die ab Oktober selbst Lehramt studieren möchte, vor allem die Liebe zu Kindern nach Kenia geführt. Da die Schüler jedoch noch nicht so gut Englisch sprechen und Arnolds Suaheli, wie sie selbst meint, noch zu wünschen übrig lasse, sei stets eine Lehrkraft anwesend, um zu übersetzen.

Zusätzlich gibt sie nachmittags Kindern der Klassen vier bis neun Deutschunterricht. Derzeit behandelten sie Gedichte, die die Kinder für das Kenia-Musik-Festival im August lernen, eines der größten und traditionsreichsten Talentförderungs- und Kulturveranstaltungen in Ostafrika.

Auf Erfolg gedrillt

Wie Arnold im Zuge ihrer Freiwilligenarbeit feststellen musste, laufe der Unterricht dabei jedoch etwas anders ab, als in Deutschland: keine Gruppenarbeiten, keine Projekte, dafür viel Frontalunterricht und stupides Auswendiglernen. „Die Kinder werden sehr auf Erfolg gedrillt“, berichtet Arnold von ihren Erfahrungen. „Die müssen immer alles richtig machen.“ Sollte den Kindern doch einmal ein Fehler unterlaufen, drohen teils harte Konsequenzen.

„Die Kinder werden auch geschlagen“, erzählt Arnold im Gespräch mit unserer Redaktion. Laut UN-Kinderrechtskonvention ist das weltweit verboten - auch in Kenia. Dennoch sei es häufig noch gängige Praxis. Auch Freiwillige an anderen Schulen berichteten im Gespräch mit Arnold von ähnlichen Erfahrungen.

Disziplin um jeden Preis

Zwar habe sie die Patenorganisation in Kenia vorgewarnt, dass sie mit solchen Erfahrungen zu rechnen hätte, dennoch sei es Arnold anfangs schwer gefallen, damit umzugehen. Mehrfach sei sie mit dem Thema auf Lehrer und Schulleiter zugegangen, habe versucht ihnen zu erklären, dass ihr Verhalten fragwürdig und rechtswidrig ist. „Doch so traurig das ist, die wollen davon nichts wissen“, erklärt Arnold. Sie rechtfertigten ihr Verhalten vor dem Argument der Disziplin.

Für die Schüler selbst sei das Verhalten laut Arnold „ganz normal“. Trotz der Schläge hätten paradoxerweise viele von ihnen eine gute Beziehung zu den Lehrkräften. Da Arnold bei den Erwachsenen auf taube Ohren stößt, versuche sie mit den Kindern direkt zu sprechen und ihnen ihr Recht auf gewaltfreie Erziehung zu erklären. Verallgemeinern könne man Arnolds Erfahrung natürlich nicht. Ein Freiwilliger von einer Schule einen Ort weiter habe laut Arnold keine Erfahrungen dieser Art gemacht.

„Alles wirkt sehr viel chaotischer“

Nicht der einzige Unterschied zu Arnolds Leben in Deutschland: „Alles wirkt sehr viel chaotischer“, etwa die Infrastruktur, der Straßenverkehr und die öffentlichen Verkehrsmittel. „Das wirkt erstmal wie ein Durcheinander“, erzählt Arnold. Man gewöhne sich jedoch recht schnell daran. In Arnolds Fall habe das rund zwei Monate gebraucht, „bis man alles gesehen und in dieses Lebensgefühl reingefunden hat“.

In Deutschland sei vergleichsweise alles etwas geordneter. Wenn sie sich in Kenia etwa mit Freunden auf eine bestimmte Uhrzeit verabredet, müsse sie immer dazu sagen „german time“ - soll heißen: bitte pünktlich kommen.

Ihr persönliches Highlight

So habe Arnold in den neun Monaten, die sie nun schon in Kenia lebt, eine Vielzahl an neuen Erfahrungen sammeln können - gute wie schlechte. Bei der Frage, ob Wiederholungsbedarf besteht, muss sie jedoch nicht lange überlegen: „Auf jeden Fall“, kommt es wie aus der Pistole geschossen.

Ihr persönliches Highlight? Das erlebe Arnold jeden Tag in der Schule, wenn die Kinder auf sie zustürmen, um sie zu umarmen. Auch die Wochenendtrips mit den anderen Freiwilligen genieße sie sehr. Arnold ist sich sicher: Das wird nicht ihr letztes Mal in Kenia gewesen sein. Auch anderen, die derzeit vielleicht ebenfalls überlegen einmal ein Freiwilligenjahr in Kenia zu machen, rät Arnold dazu es zu tun. „Aber man muss auf einiges gefasst sein“.

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