Donaueschingen
: Seit viereinhalb Jahren unterwegs

Porträt: Müllergeselle Stefan Anderegg hat bereits 4500 bis 5000 Kilometer zurückgelegt
Von
Sabine Naiemi
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Der Müllergeselle auf Wanderschaft: Stefan Anderegg kommt gerade aus dem Rathaus, wo er sich mit dem Spruch "Zünftig um das Siegel vorgesprochen" das Siegel der Stadt als Nachweis für seine Durchreise in sein Wanderbuch hat eintragen lassen. Fotos: Naiemi

Schwarzwälder-Bote

Stefan Anderegg hat einen weiten Weg hinter sich: "Etwa 4500 bis 5000 Kilometer habe ich bis jetzt zurückgelegt", erzählte der Müllergeselle, der seit vier Jahren, sieben Monaten und sieben Tagen unterwegs ist – zu Fuß wohlgemerkt.

Donaueschingen. In schwarzer Jacke, heller Cordhose und Cordweste, den Wanderstock in der Hand und ein Bündel über den Schultern steht er vor dem Donaueschinger Rathaus, wo er sich gerade das Stadtsiegel als Nachweis für seinen Aufenthalt geholt hat.

Was er besitzt, trägt er bei sich. Im Schlafsack ist eine Arbeitskluft eingerollt, sein Wanderbuch steckt in der mehrere Kilogramm schweren dicken Jacke, zusammen mit Briefpapier und den restlichen Habseligkeiten. Ein Mobiltelefon hat er nicht, das ist nicht erlaubt. Er ist auf dem Weg in die Schweiz, um von dort aus nach Salzburg zu gelangen, wo er in der Stiftsmühle, einer Klostermühle, um Arbeit fragen will. Obwohl er aus der Schweiz stammt, wird er seiner Familie keinen Besuch abstatten, denn das ist ebenfalls verboten.

Für die Zeit der Wanderschaft wird außerdem der Name geändert. Während der Wanderschaft heißt er "Stefan Frd. Müller VLE". Das "Frd." steht für Freund, Müller ist seine Berufsbezeichnung und "VLE" ist die Abkürzung der Bruderschaft, zu der er gehört.

Warum so eine lange Wanderschaft? "Weil es Spaß macht. Man lernt so unglaublich viel", lautet die Antwort des strahlenden Müllers. Die Laune ist gut, obwohl er unzählige Male frierend im Freien genächtigt und sich an Bächen oder Dorfbrunnen gewaschen hat, wenn keine andere Lösung zur Verfügung stand. Ein Jahr Erfahrung und Lernen auf Wanderschaft sei vergleichbar mit zehn Jahren normalem Leben. Obwohl dieses Leben von Minimalismus geprägt ist, habe er noch nicht genug, wisse noch nicht wann er mit der Wanderei aufhört. Um diese Tradition zu pflegen habe er sogar zusammen mit 13 anderen Handwerkern (Bierbrauern, Bäckern und Konditoren) die neue Bruderschaft "Vereinigte Löwen Europas" (VLE) gegründet. Seit mehr als viereinhalb Jahren ist er nun unterwegs und überschreitet damit bewusst die sonst übliche Zeit von drei Jahren und einen Tag schon lange. Sein Weg führte von dem Flumser Alpen, den Rhein entlang, bis nach Holland, durch Frankreich, nach Hannover, Hamburg und Bremen, nach Berlin, Tschechien und Polen. Trampen sei zwar erlaubt, aber das nehme er so wenig wie möglich in Anspruch auf seinem ganz persönlichen Jakobsweg.

Wenn der 29-Jährige von sich erzählt, fällt einem unwillkürlich das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" ein, dessen Entstehung auf genau dieser Tradition beruht. Der Brauch, auf Wanderschaft – auch Walz oder Tippelei genannt – zu gehen, ist seit dem Spätmittelalter verbreitet. Die Gesellen sollen neue Arbeitspraktiken erlernen, andere Orte kennenlernen und Lebenserfahrung sammeln. War die Wanderschaft früher Voraussetzung zur Zulassung zur Meisterprüfung, verlor sie mit zunehmender Industrialisierung an Bedeutung.

Früher arbeiteten Wandergesellen für Kost und Unterkunft. In der heutigen Zeit werde wegen der Sozialversicherungsbeiträge ein ortsübliches Gehalt bezahlt, erklärt der Wandergeselle. Ob er in Salzburg eine Anstellung erhält, wisse er noch nicht. Falls nicht, ist es jedoch Brauch, für eine Nacht beherbergt zu werden, und dann ziehe er eben weiter. Mit einem "Fix und vielmals bedankt und fixe Faxen wünsche ich dir", bedankt er sich mit einem Gedicht für die Einladung zum Kaffee, zieht den Hut und wendet sich nach dem Abschiedsgruß "Fixe Tippelei" zum Gehen.

  Regeln: Zu Beginn der Wanderschaft müssen die Gesellen eine zweimonatige Kontaktsperre zu ihren Angehörigen einhalten und während der Wanderschaft einen Bannkreis von meistens 50 Kilometern um ihren Heimatort herum beachten. Wichtig ist ihnen ein "zünftiges", also ehrbares Verhalten, damit auch andere nach ihnen willkommen sind. Ein Abbrechen oder die Unterbrechung der Wanderschaft darf nur aufgrund wirklich zwingender Gründe und mit Genehmigung der Gesellenvereinigung erfolgen, sonst gilt die Wanderschaft als unehrbar beendet und das Wanderbuch wird einbehalten.

 Kennzeichen: Die unterschiedlichen Gewerke erkennt man an Farbe und dem Muster ihrer jeweiligen Kluft, deren Aussehen genau festgelegt ist. In der Regel tragen Holzgewerke eine schwarze Kluft, Lebensmittelgewerke (Bäcker, Konditoren, Köche) haben Pepita-Muster. Obligatorisch ist ein breitkrempiger schwarzer Hut. Ihr Besitz ist in einem Bündel geschnürt, hervorstechender Begleiter ist der "Stenz" genannte, selbst gefertigte Wanderstock.

  Lebensbedingungen: Wandergesellen schlafen im Freien, sofern ihnen nicht ein Obdach oder ein Schlafplatz angeboten wird, beziehungsweise sie eine entsprechende Unterkunft finden. Sie legen ihre Wege zu Fuß zurück, Trampen ist erlaubt, öffentliche Verkehrsmittel sind nicht verboten, aber verpönt.

 Schlitzohr: Missachtet ein Wandergeselle den Bannkreis, wird ihm der Ohrring ausgerissen, was ihn in der Folge als Schlitzohr kennzeichnet, welches Regeln umgeht. Aus dieser Tradition resultiert die Bezeichnung "Schlitzohr". Ein künftiger Arbeitgeber wird das immer als schlechtes Charakterzeichen werten.

  Kultur: Der Brauch der Gesellenwanderjahre existiert seit dem Spätmittelalter. Am 16. März 2015 erfolgte zur Erhaltung die Eintragung der Kulturform der Handwerksgesellenwanderschaft Walz als immaterielles Kulturerbe der Unesco.

Das Schwarzwälder BAARometer
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis Montag bis Samstag im kompakten Überblick.