Über Sucht, KI und Medienkompetenz: Wie aus Nagold und Calw „Drogenhochburgen“ wurden

Ist Calw (oder kalf) tatsächlich Spitzenreiter bei der Zahl der Drogensüchtigen?
Instagram atlas.wissen (Screenshot)Dass man nicht immer alles glauben sollte, was einem im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, erzählt wird, sollte mittlerweile eigentlich zur Binsenweisheit geworden sein. Ein gesundes Maß an Skepsis schadet nie. Das zeigt auch ein Video, das aktuell auf Instagram die Runde macht und eine interessante Behauptung aufstellt.
Der Instagram-Kanal atlas.wissen veröffentlicht regelmäßig kurze Videos – besser bekannt als Reels – mit dem Versprechen, „zu zeigen, wie alles auf der Welt funktioniert“. Das sind dann immer kurze, simpel und schnell produzierte Videos, unterlegt von einer KI-Stimme und automatisierten Untertitel, die „Fakten“ über die Welt, Politik und vor allem Länder präsentieren. Viele der Videos haben reißerische Themen wie die den dritten Weltkrieg oder atomare Aufrüstung, andere setzen sich mit interessanten Kleinigkeiten wie dem mitten in den USA gelegenen Mikrostaat „Molossia“ oder dem besonderen Status der kleinen hawaiianischen Insel Niʻihau auseinander.
Chats, Streaming, KI und Sorgen
Eines dieser Videos betet mit einer besonders auffälligen KI-Stimme die Baden-Württembergischen Kleinstädte mit den meisten Drogenabhängigen herunter – direkt ein sehr spezifisches Gebiet. „Die letzte wird dich überraschen“, verspricht das Reel, und Tatsache: Am Ende wird verkündet, dass Nagold und Calw (oder „kalf“, wie es im Untertitel des Videos fälschlicherweise heißt) auf Platz zwei und eins der Kleinstädte in Baden-Württemberg mit der höchsten Rate an Drogenabhängigen sind. Unglaublich! Aber stimmt das?
Quellen sind nicht ersichtlich
Die Betreiber der Seite haben ihre Quellen für den Inhalt des Videos nicht offengelegt. Auf Nachfrage via Direktnachricht kommt lediglich eine automatisierte Antwort mit dem Versprechen, sich innerhalb von 24 Stunden zu melden – was sich als leeres Versprechen herausstellte.

Die automatische Antwort des Instagram-Kanals atlas.wissen
Foto: Instagram-Messenger (Screenshot)In derselben Nachricht wird zudem auf einen Shop hingewiesen, der allerdings nicht aufzufinden ist, weshalb der versprochene „Discount“ leider nicht zu nutzen war. Die Skepsis über die Behauptung, dass Nagold und Calw wahre Drogensucht-Hochburgen sein sollen, ist dadurch freilich auch nicht bereinigt.
Polizei kann Behauptung des Videos nicht bestätigen
Die Polizei kann die Aussagen des Videos jedenfalls nicht bestätigen. Zumindest aufgrund der polizeilichen Kriminalstatistik und der Anzahl an Fällen von Rauschgiftkriminalität scheint in der Tat eher das Gegenteil der Fall zu sein. „Die Aussagen in dem Video können durch die Zahlen nicht bestätigt oder nachvollzogen werden“, erklärt Sabine Maag vom zuständigen Polizeipräsidium Pforzheim, „vielmehr ist festzustellen, dass Nagold und Calw im Vergleich mit ähnlich großen Gemeinden eher eine geringe Fallzahlenbelastung aufweisen.“
Auch die Kollegen der polizeilichen Kriminalprävention (Standort Calw) wüssten laut Maag nichts von einer besonders hohen Zahl an Drogenabhängigen. Tatsächlich gingen statistisch gesehen zumindest die Fälle an Rauschgiftkriminalität zurück, was, wie Maag vermutet, „durchaus auch auf die Cannabislegalisierung zum 1. April 2024 zurückzuführen sein kann“.
Fachstelle Sucht in Calw sind derartige Zustände unbekannt
Ähnliche Verwirrung über die Aussagen des Videos von atlas.wissen besteht bei der Fachstelle Sucht Calw des Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (BWLV). Wie Anja Gnoth vom Calwer BWLV erklärt, habe auch sie von derartigen Zuständen in Calw noch nichts gehört.
Letztendlich bleibt, dass Aussagen über die Zahl von Drogensüchtigen in der Form auch nicht so ohne Weiteres zu erfassen sind. Vergleiche sind schwierig, zudem gibt es viele Variablen: Wann ist man „abhängig“? Was sind Drogen? Zählen Alkohol oder Cannabis als legale Drogen? All das könnte derartige Statistiken deutlich verzerren. Zudem ist die Dunkelziffer enorm.
Eine Lektion über Medienkompetenz
Stattdessen ist das Video eine wichtige Lektion in Sachen Medienkompetenz: nicht alles, was im Internet behauptet wird – insbesondere in einem auf die Schnelle für Instagram produzierten Reel –, sollte für voll genommen werden. So sehen es – glücklicherweise – auch viele User. In den Kommentaren zu dem Video wird mehrfach nach Belegen oder Quellen für die Behauptungen gefragt. Ein Nutzer schreibt auch scherzhaft: „Quelle: Vertrau mir Bruder“. Andere Nutzer machen sich über die der KI geschuldete Fülle an Schreibfehlern lustig.
Auffällig ist auch, dass der Kanal erst am 16. September sein erstes Video veröffentlichte. Innerhalb von nur einem Monat ist aber das Publikum der Seite rapide gewachsen – auf mittlerweile fast 100.000 Follower. Die reißerischen Themen, Clickbait und etwas Glück mit dem Algorithmus machen es möglich. Wie lange die Seite aber noch existiert, das sei dahingestellt.
Tatsache ist, dass ein vorsichtiger Umgang mit Behauptungen nicht falsch ist. Gerade in Zeiten von KI, Deepfakes und immer weniger Sicherheiten gegenüber Falschinformationen ist Vorsicht nie fehl am Platz. Im Gegenteil: vielen würde gesunde Skepsis gegenüber unbelegten Behauptungen im Internet sehr gut tun.