Sozialminister Lucha in Calw: Wie steht es um die Ehrenamtskarte?

Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) möchte mit der Ehrenamtskarte für das gebrachte Engagement ausdrücken.
Felix BiermayerLandrat Helmut Riegger wird nicht müde, es immer wieder zu betonen: „Ohne Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft ärmer.“ Deshalb hat er sich auch gefreut, als der Kreis Calw vor zwei Jahren als Modellregion für die Ehrenamtskarte ausgewählt wurde. Dabei habe er sich auch gegen Widerstände im Kreisrat und unter den Bürgermeistern durchsetzten müssen, sagte Riegger am Montag bei einer Veranstaltung mit etwa 70 Ehrenamtlern in Calw. Dorthin war Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) gekommen, um über die Erfahrungen dieser Pilotphase zu sprechen. Sein Ministerium steckt hinter der Karte.
Wie kommt die Karte an?
Auch Lucha betonte, wie wichtig die Ehrenamtler für die Gesellschaft sind. Sei es bei der Feuerwehr, in der Kirche, in allerlei Vereinen, beim Naturschutz, in der Pflege oder bei der Integration. Das Ehrenamt solle kein „Ausfallbürge“ für das Hauptamt sein. Aber er sehe, dass das Ehrenamt das Miteinander präge. Baden-Württemberg stehe bei diesem Engagement bundesweit an der Spitze. Dieses Engagement sei eine Stütze der Demokratie, so der Minister. Das sei in der heutigen Zeit wichtig. In Vereinen wählten Menschen unterschiedliche Parteien. Am Ende zögen aber alle an einem Strang.
Dieses Engagement wolle das Land mit der Ehrenamtskarte würdigen. Der Kreis Calw sei neben dem Ostalbkreis, Freiburg und Ulm als Modellregion ausgewählt worden. So sollten in der Testphase die unterschiedlichen Regionen abgebildet werden, sagte Lucha.
Seit 2023 hat der Kreis Calw 3170 Ehrenamtskarten ausgestellt. Diese Zahl stellte Eberhard Carl, der das Programm im Landratsamt betreut, vor. Mit 2000 Stück ging der Großteil davon an Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren. Erst weit dahinter folgen Ehrenamtler aus den Bereichen Sport, Soziales und Kirche. Ehrenamtliche aus dem kulturellen Bereich nutzen die Karte bisher fast gar nicht. Carl sprach davon, dass die Karte an 29 Stellen akzeptiert werde, zum Beispiel im Nagolder Badepark, im Polarion, dem Wildbader Baumwipfelpfad oder bei der Kleinen Bühne in Calw.
Doch es geht nicht nur um Rabatte auf Eintritte, so Carl. Der Kreis organisiere Workshops, die Ehrenamtlern helfen sollen, das Steuerrecht für Vereine oder Crowdfunding besser zu verstehen. Zudem gebe es Ausflüge, zum Beispiel zu Führungen am Stuttgarter Flughafen, in die MHP-Arena oder zur SWR-Sendung Sport im Dritten. „Diese Aktionen kommen gut an“, sagte Carl. Das gelte auch für das Ehrenamtsfest, das der Landkreis erstmals im Sommer in Hirsau veranstaltete.
Wo hakt es?
„Bei mir im Verein hat keiner die Ehrenamtskarte“, erzählte Annika Binder vom Musikverein Stammheim. Die geforderten 200 Stunden ehrenamtliche Arbeit seien in einem Musikverein teils schwer zu erreichen. Auch seien die Akzeptanzstellen nicht für alle Altersgruppen gleichermaßen attraktiv.
Benjamin Knoll, Geschäftsführer des TSV Calw, stimmte ihr zu. Die 200 Stunden zu erreichen, sei „ein bisschen herausfordernd“, sagte er. Aber die Mitglieder, die die Karte bekämen, empfänden dadurch Wertschätzung. Auch Binder hielt die Karte für eine grundsätzlich gute Idee.
Lucha nahm das Feedback mit. Es sei wichtig, solche Rückmeldungen in das Konzept einzuarbeiten. Jana Ruttloff, Kreisjugendleiterin des DRK, schlug vor, mit der Karte einen Tankrabatt zu ermöglichen. Schließlich seien Ehrenamtliche im Rahmen ihrer Tätigkeit oft sehr viel im Auto unterwegs. Dem erteilte Lucha eine Absage. Die Karte sei nicht für „konsumptive“ Ausgaben gedacht.
Wie geht es weiter?
Lucha kündigte an, dass die Karte ab dem 1. November in einer App genutzt werden kann. Dort sei die Karte dann hinterlegt. Akzeptanzstellen würden tagesaktuell aufgelistet. Das Projekt Ehrenamtskarte wird vom Land bis 2026 finanziert. Auch danach werde das Projekt weitergeführt, sagte Lucha. Eine Bestandsgarantie bis 2035 könne er allerdings nicht geben.
Die Ehrenamtler berichteten dem Minister von ihren Sorgen: Es fehle oft an passenden Räumen; Förderanträge seien kompliziert; wenn Vereinsvorsitzende persönlich haftbar seien, fände sich niemand mehr für solche Posten. Vor allem aber beschäftigt die Bürokratie viele Vereine, gerade im Umgang mit dem Finanzamt. „Vielleicht müssen wir eine Selbsthilfegruppe gründen“, sagte Lucha im Scherz. Er forderte vom Staat eine „Vertrauenskultur“ gegenüber den Vereinen. Wie diese konkret umgesetzt werden könnte, sagte er nicht.
Ehrenamtskarte
Die Ehrenamtskarte
bietet ehrenamtlich tätigen Menschen Vergünstigungen bei Eintritten. Im Kreis Calw gibt es aktuell 29 Akzeptanzstellen, darunter viele Freibäder. Rabatte gibt es auch über die Kreisgrenzen hinaus. So bekommen Inhaber freien Eintritt zur Landesgartenschau Baiersbronn-Freudenstadt. Auch in die Stuttgarter Staatsgalerie oder das dortige Staatstheater gibt es ermäßigte Eintritte. Das Landratsamt Calw und das Sozialministerium Baden-Württemberg informieren auf ihren Homepages über die Akzeptanzstellen.
Beantragen
können Ehrenamtler die Karte beim Landratsamt Calw. Berechtigt ist, wer in den letzen zwölf Monaten im Verein 200 Stunden oder für ein Großprojekt 100 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet hat. Hier reichte eine Unterschrift vom Vereinsvorstand. Mitglieder in Einsatzabteilungen der Freiwilligen Feuerwehr oder des Technischen Hilfswerks, Juleica-Inhaber, Freiwilligendienstleistende sowie DRK Bereitschaftsdienste und die Bergwacht bekommen sie in jedem Fall. Die Antragsformulare stehen auf der Homepage das Landratsamtes zum Download. Diese können ausgefüllt per Mail an ehrenamtskarte@kreis-calw.de geschickt werden. Auch Sammelanträge für Vereine sind möglich.