Porträt von Erwin Sannwald: Ein Calwer Patriarch im positiven Sinn

Die Calwer Deckenfabrik prägt das Stadtbild noch heute.
Stephanie Krämer„Krisen? Was für Krisen?“ Das würde Erwin Sannwald vielleicht fragen, könnte er auf die heutige Welt blicken. Denn in der Tat: Probleme gibt es viele: Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Gefährdung von Welthandel und Demokratie, um nur einige zu nennen.
Was Sannwald, geboren am 19. November 1872 in Nagold, erlebt hat, waren eher Katastrophen als Krisen: Zwei Weltkriege, eine verheerende Inflation, eine Weltwirtschaftskrise, die für Millionen Elend und Arbeitslosigkeit bedeuteten und die Nazi-Diktatur.
Bedeutende Firma in Calw aufgebaut
Davon war eine ganze Generation, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde, betroffen. Sannwald hat darüber hinaus eine bedeutende Firma erfolgreich aufgebaut und geleitet – und das jahrzehntelang. Die Vereinigten Deckenfabriken Calw AG prägte die Stadt wie kaum ein anderes Unternehmen. Das Werk in Iselshausen war das Band zu Sannwalds Geburtsstadt Nagold. Der Unternehmer war ein Nachfahre der Familien der Calwer Zeughandelscompagnie, die, 1650 gegründet, Calw zur reichsten Stadt in Württemberg machten. Aus deren Nachfolgegesellschaften gingen schließlich 1895 die Vereinigten Deckenfabriken hervor.

Erwin Sannwald
Foto: BauerSannwalds Enkel, der Calwer Speditionsunternehmer Eckart Bauer, hat unzählige Dokumente, Fotos, Pläne, Karteien und andere Erinnerungsstücke zur Familien- und Firmengeschichte gesammelt. So konnte zum 150. Geburtstag Sannwalds vor drei Jahren ein Buch über sein Leben erscheinen.
Ein Gegner des Nationalsozialismus
1899 trat Sannwald in die damalige KG ein, wurde 1901 Direktor, 1905 nach der Umwandlung Direktor der AG und ab 1910 deren alleiniger Vorstand. Die Wirtschaftswunderjahre hat er nicht mehr erlebt. Der Vater von sechs Kindern starb am 19. Juni 1947 in Calw.
Besonders schwer dürfte es Sannwald zwischen 1933 und 1945 gehabt haben. Denn er war Gegner des Nationalsozialismus, lehnte vor allem dessen menschenverachtenden Antisemitismus ab. Er sorgte dafür, dass ein jüdischer Vertreter der Deckenfabriken sich rechtzeitig in das heutige Israel absetzen konnte. An Erwin Sannwalds Sohn Rolf schrieb der Mann zu Weihnachten 1972: „Es war mir vergönnt, mit Ihrem von mir hochgeschätzten Vater 12 Jahre hindurch in geschäftlicher und privater Verbindung gestanden zu haben. Ihr Vater war mir ein wirklicher Freund. Hätten sich die politischen Verhältnisse nicht so verhängnisvoll entwickelt, wäre ich sicherlich bis zum späten Alter in Ihren Diensten geblieben.“
Sozial eingestellt
Mitbestimmung von außen und innen lehnte Sannwald ab. Insbesondere die Einmischung der Nazis durch die damalige Arbeitsfront war ihm zuwider. Kreisleiter Wurster, so Rolf Sannwald 1972 in einer Rede zum 100. Geburtstag seines Vaters, wollte ihn seiner Stellung entheben.
Sannwald führte das Unternehmen patriarchalisch. Und das in einem durch und durch positiven Sinn. Denn trotz seiner Skepsis gegenüber der Mitbestimmung war er sozial eingestellt und sorgte in vielfältiger Weise für seine Mitarbeiter. „Er baute Wohnungen, die zu niedriger Miete an Arbeiter und Angestellte abgegeben wurden. Er errichtete und förderte unsere eigene Betriebskrankenkasse und war einer der ersten Unternehmer, die durch Gewährung einer Abschlussgratifikation die Betriebsangehörigen am Erfolg beteiligten“, so Rolf Sannwald in seiner Rede. Kurzum: Er fühlte sich in seinem Unternehmen als auch in seinem gesellschaftlichen Umfeld der christlichen Soziallehre verpflichtet. Unter anderem war Sannwald Gemeinderat in Calw und Ehrenmitglied des Gewerbevereins Nagold.
Mit dem Niedergang der Deckenfabrik, die über Jahrzehnte hinweg größter Arbeitgeber der Region war, hatte Erwin Sannwald, der das Unternehmen in dritter Generation leitete, noch nichts zu tun. Seit den 1970er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geriet die deutsche Textilwirtschaft durch preisgünstigere Produkte aus Italien und Asien in einen Strukturwandel und war letztlich dieser ausländischen Konkurrenz nicht mehr gewachsen. 1997, 50 Jahre nach Erwin Sannwalds Tod, musste das Unternehmen Konkurs anmelden.