Calw: Durch die Zeitung in ein neues Leben

Jürgen Thomas half seine Tätigkeit als Zusteller aus der Obdachlosigkeit. Foto: Rousek
Schwarzwälder BoteCalw. Jürgen Thomas schaut auf eine bewegte Zeit zurück. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er so viele Schicksalsschläge erlebt, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht. Jobverlust, ein schwerer Unfall, Obdachlosigkeit, der Tod der Lebensgefährtin. Trotz allem hat Thomas es geschafft, wieder ein normales Leben zu führen. Seine Tätigkeit als Zeitungszusteller hat ihm dabei geholfen.
Ursprünglich kommt Thomas aus Gaggenau, zog später nach Forbach im Murgtal. Er baute für sich, seine Frau und seine beiden Kinder ein Haus, hatte Arbeit. Am 8. November 1991 schlug das Schicksal dann das erste Mal zu. "Das Datum werde ich nie vergessen", sagt der 54-Jährige. Er verlor an diesem Tag einen Teil seines linken Arms bei einem Arbeitsunfall. Es folgte ein Jahr, in dem er nicht arbeiten konnte, anschließend wurde er umgeschult. Denn als Presseeinrichter konnte Thomas nach dem Unglück nicht mehr arbeiten.
"Trotzdem bin ich damals nicht in ein Loch gefallen", erinnert er sich. Das kam erst einige Jahre später. Privat lief es nicht rund, der Firma, bei der Thomas angestellt war, ging es schlechter. Schließlich verlor er seine Arbeit, infolgedessen sein Haus. Frau und Kinder zogen weg. "Ich hatte ein Auto, einen Job, Kinder, ein Haus – und plötzlich war alles weg", sagt er traurig. "Ich fiel in eine Depri-Phase, dann ging alles ganz schnell." Trauriger Höhepunkt: Thomas landete auf der Straße. Für zweieinhalb Jahre.
Hilfe fand der heutige Zusteller bei der Erlacher Höhe, die ihn schließlich auch nach Calw führte. Dort ging es erstmals nach Jahren wieder bergauf für ihn. "Ich habe eine Frau kennengelernt, wir haben uns verliebt und sind zusammengezogen", erzählt er. Langsam fand er – gestärkt durch die Beziehung – wieder in ein normales Leben zurück. Eines Tages sah er einige Exemplare des Schwarzwälder Boten herumliegen, die wohl ein anderer Austräger achtlos zurückgelassen hatte. "Ich habe früher viele Jahre lang Zeitungen ausgetragen. Da kann mir die Idee, das könnte ich doch wieder machen." Also bewarb er sich beim Schwarzwälder Boten als Zusteller – mit Erfolg.
Bezahlter Frühsport
"Damit verdiene ich jetzt seit fast drei Jahren meinen Lebensunterhalt", betont er nicht ohne Stolz. "Aber ohne meine damalige Freundin hätte ich es nicht geschafft." Diese ist jedoch mittlerweile verstorben. Ein weiterer schwerer Schlag für Thomas. Dennoch geht er täglich seiner Arbeit, dem Austragen, nach. Mittlerweile umfasst sein Gebiet alles von der Bahnhofstraße über das Amtsgericht, die Schulen, bis hin zur Lederstraße. "Ich laufe morgens ungefähr zehn bis 15 Kilometer", meint er. Und am späten Vormittag kommen noch mehr dazu, denn dann trägt er noch Post aus. "Bezahlter Frühsport", scherzt Thomas.
Das Austragen gefällt ihm. Besonders, dass man viel draußen ist. "Das ist besser, als nur im Büro zu sitzen", findet er. Während andere noch selig schlummern, hat der Zusteller schon beinahe wieder Feierabend. Für Thomas kein Problem. "Ich mag den Sonnenaufgang lieber als den Sonnenuntergang." Nach der Morgenrunde lege er sich einige Stunden aufs Ohr, dann geht es wieder mit der Post weiter.
Inzwischen läuft es auch privat wieder besser bei dem 54-Jährigen. Sein 19-jähriger Sohn lebt wieder mit ihm in einer Wohnung in der Calwer Kernstadt, trägt ebenfalls Zeitungen aus. "Für mich war dieser Job wirklich ein Glücksfall", lächelt er.
Interesse an einer Zustelltätigkeit für den Schwarzwälder
Boten (täglich bis 6 Uhr, Mindestalter 18 Jahre)? Interessenten können sich unverbindlich und formlos per E-Mail an zustellung@schwa
bo.de oder Telefon 0800 780 780 2 (kostenfrei) melden. Angeboten werden Beschäftigungsverhältnisse auf 450-Euro- und auf Teilzeit-Basis, sowohl dauerhaft, als auch als Vertretung oder Ferienjob.