Calw
: Auch Calwer erliegen Nazi-Propaganda

Hellmut J. Gebauer befasst sich mit Zeit des Nationalsozialismus Rund 500 Seiten starkes Buch vorgelegt
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Schwarzwälder-Bote
Oberndorf
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Kundgebung der NSDAP auf dem Calwer Marktplatz 1933.

Stadtarchiv Calw

Von Alfred Verstl

Calw. Nein, es geht nicht um eine weitere historische Bewertung des Nationalsozialismus. Schließlich ist, so stellt Hellmut J. Gebauer fest, über keine andere Epoche der deutschen Geschichte so viel geschrieben worden. In seinem Buch "Calw und der Nationalsozialismus" geht es darum, welchen Einflüssen die Einwohner einer schwäbischen Kleinstadt in dieser Zeit ausgesetzt waren.

Mit Blick auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich in diesen Tagen zum 70. Mal jährt, hat Gebauer vor rund zwei Jahren mit der Arbeit an dem mehr als 500 Seiten starken Buch begonnen. Von dem Autor, seit 1998 ehrenamtlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv, gibt es bereits zahlreiche Publikationen zur Calwer Stadtgeschichte im Rahmen der "Kleinen Reihe" und "Calw – Geschichte einer Stadt", die 28 Bände umfasst. Sein Buch über die Zeit des Nationasozialismus hat Gebauer auf eigene Kosten drucken lassen. Deshalb gibt es nur wenige Exemplare.

Die ausgeklügelte Propagandamaschinerie der Nazis übte nach Gebauers Überzeugung auch in Calw einen erheblichen Einfluss aus. Bis hinunter auf die lokale Ebene traten geschulte Redner auf. Es seien also bei Weitem nicht nur die Rhetorik von Adolf Hitler und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gewesen, von der die Menschen in Bann gezogen worden sind. Insbesondere hätten es die Nationalsozialisten verstanden, die Gefühle der Menschen anzusprechen.

Ein Beispiel für die Agitation auf lokaler Ebene war Kreisamtsleiter Paul Entenmann. Er gehörte nach dem Krieg zu den wenigen Calwer Nationalsozialisten, die als Belastete eingestuft wurden. So heißt es in Gebauers Buch: "Durch seine propagandistische Tätigkeit habe er, heißt es in der Urteilsbegründung, ... zur Verbreitung nationalsozialistischer Ideologien, zur Vergiftung der öffentlichen Meinung und zur Festigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beigetragen." Die Spruchkammer sprach anhand der Unterlagen davon, dass Entenmann gegenüber Ausländern und politischen Gegnern eine gehässige Einstellung gezeigt und seine politische Macht dazu genutzt habe, gewalttätige Handlungen zu verüben.

Natürlich hätten, so stellt Gebauer fest, wie im ganzen Deutschen Reich, die im Versailler Vertrag festgelegten hohen Reparationszahlungen als Folge des Ersten Weltkriegs und die Wirtschaftskrisen, von denen die Weimarer Republik erschüttert wurde, eine Rolle gespielt. Und auch die Angst vor den damals starken Kommunisten, gerade im schwäbisch-kleinbürgerlichen Milieu Calws, sei nicht zu unterschätzen.

Gebauer hat festgestellt, wie viele Lehrer und Pfarrer sich für die Nazis begeistert haben. Da war beispielsweise der promovierte Studienrat Friedrich Bretschneider, der Obmann für die Durchführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und Erhaltung der Rassengesundheit. Oder der Bad Liebenzeller Stadtpfarrer Erhard Schilling, der 1938 aus dem Kirchendienst entlassen wurde und später NSDAP-Kreisschulungsleiter wurde. Er hat nach dem Krieg in einem Schreiben an den Calwer Dekan Friedrich Höltzel und an den Kirchengemeinderat Bad Liebenzell sein Handeln in der Zeit des Dritten Reichs bereut. Das haben die wenigsten getan, die den Irrungen der Nazi-Ideologie erlegen waren. Es gab aber auch Zeichen christlicher Barmherzigkeit. So hat Dekan Alfred Brecht vier Wochen lang das jüdische Ehepaar Max und Ines Krakauer im Calwer Pfarrhaus aufgenommen.

Gebauers Fazit: "Der Weg zur Machtergreifung und während der zwölf Jahre des Dritten Reiches verlief in Calw nicht anders als in den meisten württembergischen Kleinstädten mit überwiegend evangelischer Bevölkerung. Die Menschen hofften auf Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation, auf politische Stabilität und mehr Sicherheit. Sie ließen sich vom Strom nationaler Gefühle mitreißen."

Gebauer hat sein Buch chronologisch geordnet. Er geht dabei auch auf die Vorgeschichte ein. Das Buch beginnt mit Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle in München am 9. November 1923, als die Nazis versuchten, die bayerische Regierung zu stürzen. Kurz zuvor ist die erste nationalsozialistische Versammlung in Calw im Badischen Hof belegt.

Die Verknüpfung lokaler mit überregionalen Ereignissen zieht sich durch die gesamte Chronologie. Das gelingt dem Autor und hilft, die Ereignisse in Calw richtig einzuordnen. Schade, dass es nur wenige Exemplare gibt. Nicht einmal ein halbes Dutzend liegen bei Gebauer noch zu Hause. Nur wer glaubhaft versichert, es für die historische Forschung zu benötigen, kann ein Exemplar bekommen.

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