50 Jahre Gemeinde Neuweiler: Von Zwangsheirat zur glücklichen Ehe

Eröffnet wurde das Fest zum 50-jährigen Jubiläum der Entstehung Neuweilers vom seit 2007 in der Gemeinde tätigen Bürgermeister Martin Buchwald (links) und seinem zuvor ab 1972 wirkenden Amtsvorgänger Hans Schabert.
Karla ArpNach dem Auftakt durch den Zylinderchor Neuweiler, der die Feierstunde umrahmte, eröffnete Bürgermeister Martin Buchwald im vorderen Schulhof der Waldschule ein Fest zum 50-jährigen Bestehen der Gemeinde. Die Besucherschar war überschaubar. Dies mögen mit das heiße Sommerwetter und das breite Veranstaltungsangebot im ganzen Landkreis Calw bis hin zum großen Calwer Stadtfest anlässlich des 950-jährigen Jubiläums der Erstnennung der Kreisstadt bewirkt haben. In Neuweiler lockten Kunsthandwerk, Flohmarkt, das Angebot des DRK Neubulach/Neuweiler, Auftritte von Tanzgruppen des Schwarzwaldvereins, ein Kinderprogramm und weitere Angebote bis hin zur Livemusik am Abend.
Kleines Verwaltungszentrum
Buchwald ging bei der Feierstunde auf das Zeitgeschehen vor einem halben Jahrhundert ein, als im Land zwecks Stärkung der Verwaltungskraft der Gemeinden die Gemeindereform lief, die größere leistungsfähige Kommunen zum Ziel hatte. Das Amt des Bürgermeisters übernahm er von Hans Schabert, dem bis 2007 tätigen Vorgänger, der ab 1972 schon Rathauschef im kleineren „alten Neuweiler“ war. Er schilderte die miterlebte Entwicklung in den 1970er-Jahren, wo Neuweiler mit dem Ortsteil Hofstett quasi als Rest des alten gleichnamigen Ämtleins wieder zum kleinen Verwaltungszentrum wurde.
Heiße Phase der Reform
Das Land stand 1972 schon in der heißen Phase der Reform. Nach vorangegangenen, mit Förderzusagen verbundenen freiwilligen kommunalen Vereinigungen schuf der Landtag per Gesetz auf 1. Januar 1975 die vielen geplanten restlichen Zusammenschlüsse. Trotz aller Ereignisse in Land und Bund bewegte die Menschen in den Dörfern mehr, dass diese ihre Selbstständigkeit verlieren, zu größeren Einheiten zusammengefasst werden sollten. In Anbetracht des von den kleinen Gemeinden selbstständig unter Begleitung der sogenannten Verwaltungsaktuare – der den Kommunen zugeordneten und von diesen bezahlten Fachleuten aus dem Landratsamt – Geleisteten, war dies verständlich.
So waren die Ortsteile aufgestellt
Einige Beispiele: Agenbach hatte die am besten gerichteten Straßen und ein neues Wohn- und kleines Gewerbegebiet. In Breitenberg stand man vor der Fertigstellung der Kläranlage und der Friedhofshalle. Gaugenwald war schuldenfrei, hatte auf dem auf seiner Markung liegenden Friedhof mit Zwerenberg zusammen eine durch ehrenamtlichen Einsatz der Bürger erstellte Friedhofshalle. Ein vorbildliches Gemeindehaus mit verschiedensten Einrichtungen bis hin zu einer Gemeinschafts-Gefrieranlage – als es noch nicht in jedem Haushalt einen Kühlschrank oder gar eine Kühltruhe gab – existierte in Zwerenberg.
Seit 1973 gab es den Kindergarten Zwerenberg auch für Gaugenwald und Martinsmoos, der von den drei Bürgermeistern mit auf Initiative des im März verstorbenen früheren Zwerenberger Pfarrers und späteren Esslinger Dekans Hermann Maurer (1932-2025) entstanden war. Um eine notwendige zweite Gruppe zu füllen, trat Neuweiler damals an die Nachbargemeinden ohne Kindergärten heran. Oberkollwangen war die einzige spätere Teilgemeinde, die ihre Kinder schon 1974 ins „Schüle“ nach Neuweiler schickte. Die Waldschule war 1972 als Grund- und Hauptschule mit Jahrgangsklassen fertig geworden. Errichtet wurde sie vom Schulverband Neuweiler, den die sechs später vereinigten Gemeinden gebildet hatten.
Beträchtliche Zuwendungen
Da die Vereinigung der Kommunen als unumgänglich nahte, beriet man 1974 auf Anregung Neuweilers, ob man sich vielleicht doch noch freiwillig zusammenfinden könnte. Das Land bot dafür als „Goldenen Zügel“ beträchtliche Zuwendungen. Man wurde sich einig mit der Einschränkung, dass dies nur gelte, wenn alle Beteiligten mitmachten. Oberkollwangens Gemeinderat entschied sich am Ende gegen die vorgesehene Vereinbarung für einen Gemeindezusammenschluss. So folgte auf 1975 die zwangsweise Vereinigung.
Für zwei Tage Bürgermeister
Im vom Regierungspräsidium gebildeten Übergangsgemeinderat nach Gemeindegröße und Höchststimmenzahlen der früher Gewählten kamen je ein Mitglied aus Agenbach und Gaugenwald, zwei Vertreter stellten Oberkollwangen und Zwerenberg, drei entfielen auf Breitenberg und fünf auf Neuweiler mit Hofstett. Sitzungsleiter und praktisch für zwei Tage Bürgermeister war kraft Vorschrift am 2. Januar 1975 bei der von 90 Zuhörern verfolgten ersten Ratssitzung das älteste Mitglied, Wilhelm Schaible aus Breitenberg. Er gab mit auf den Weg: „Wir sitzen jetzt alle in einem Boot und müssen in eine Richtung rudern.“ Dies wurde beherzigt. Man verfolgte den Grundsatz alle Dörfer von der Infrastruktur her auf einen Stand zu bringen. So wurde die „Zwangsheirat“ der sechs Kommunen doch noch eine glückliche „Gemeindeehe“.