Kunsthandwerk in Roßwangen
: „Töpfern versetzt zurück in die Kindheit“

Nicole Thomann hat in Roßwangen ihre eigene Keramikwerkstatt eröffnet.
Von
Sophie Holzäpfel
Oberndorf
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Nicole Thomann in ihrer Keramikwerkstatt in Roßwangen. Seit September darf sie auch selbst Workshops anbieten.

Sophie Holzäpfel

Mit dem Löwenkopf ohne Mähne fing es an. Zwischen Second-Hand-Kleidung, Geschirr und Büchern fand Nicole Thomann die Büste aus Ton auf einem Flohmarkt in Albstadt. „Ich dachte: Die bekomme ich doch repariert“, sagt die 52-Jährige. Denn kreativ sei sie schon immer gewesen. Malen, zeichnen, häkeln, stricken, zählt sie auf. ​

Und jetzt: töpfern. Wenn sie an der Drehmaschine sitzt und Tassen, Vasen und Schalen hochzieht, ist sie ganz bei sich, sagt die Balingerin. „Ich wollte plötzlich im Matsch wühlen und schöne Dinge daraus zaubern. Töpfern versetzt einen auch zurück in die Kindheit.“

Im Eingangsbereich ihres Hauses steht eine filigrane Figur auf dem Fensterbrett. Sie kündigt an, was ein Stockwerk tiefer in ihrem Töpferstudio entsteht. Lockiges Haar, ein Schnauzer, gebeugte Schultern und ein sanfter Gesichtsausdruck: „Mit Figuren habe ich angefangen. Sie sind sehr zeitaufwendig, aber es macht unglaublich viel Spaß. Da stecken mein Herz und meine Seele drin.“

Nicole Thomann und ihr „Keramikschränkle“

Foto: Sophie Holozäpfel

Ihre Inspiration findet die gelernte Verwaltungsfachangestellte überall. Etwa bei einem Spaziergang durch die Balinger Innenstadt, online, im Alltag. Neben ihren Figuren töpfert Thomann in ihrer Werkstatt in Roßwangen Tassen, Krüge, Vasen und Schalen.

In den Weihnachtsferien hat Thomann gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Vater das Zimmer im Erdgeschoss ihres Wohnhauses zu einem Studio umgebaut. In einem Holzregal an der Wand hat sie einige ihrer farbenprächtigen Unikate und aktuellen Arbeiten ausgestellt.

Zwei Drehmaschinen und der salbeigrüne antike Waschtisch bilden das Herzstück des hellen Raumes. Seit Ende vergangenen Jahres besitzt sie ihren eigenen Brennofen. „Anfangs bin ich zum Brennen immer nach Magstadt gefahren.“ Den Ofen habe sie dann gebraucht gekauft: Mit rund 2000 Euro sei er ein echtes Schnäppchen gewesen. Denn wer sein eigenes Töpferstudio aufmacht, müsse zunächst einiges investieren.

Töpferkurs und Youtube-Tutorials

Glasuren, Schneidedraht, Drehschlingen, Modellierplatten, ein Stempel und natürlich der Ton gehören zu ihrem Werkzeug. „Ich recycle meine Tonreste, um so wenig wie möglich wegzuschmeißen.“ Sie zeigt auf drei große Eimer, die bis zum Rand mit der beigen Masse gefüllt sind. Anfangs habe sie aus zehn Kilogramm Ton gerade mal zwei Becher hergestellt. Heute fertigt sie aus derselben Masse 25 an, sagt Thomann. Sie lächelt. „Das will ich auch Kursteilnehmern weitergeben als Motivation: dranbleiben.“

Thomann selbst hat zunächst einen Töpferkurs in Tübingen gemacht. „Dann habe ich mir ganz viele Youtube-Videos angeschaut. Und jetzt klappt es tipptopp“, sagt sie. Seit September ist sie im Besitz eines Gewerbescheins und darf selbst Workshops anbieten. Ein Wunsch, der schnell aufgekommen sei. Denn: „Hier in Balingen gibt es so etwas kaum.“ Über ihre Webseite oder via Instagram sind die Workshops in Roßwangen buchbar.

Bevor Glasur und Brennofen ins Spiel kommen, beginnt alles mit Ton, Wasser, Geduld – und dem Wissen um den richtigen Handgriff. „Wer töpfert, braucht am Anfang eine hohe Frustrationsgrenze. Es ist normal, dass es nicht auf Anhieb klappt.“

Brennen bei fast 1000 Grad

Zunächst wird die richtige Menge Ton abgewogen und sorgfältig durchgeknetet. Dann zieht Thomann die Masse auf der Drehmaschine hoch, bis sie ruhig und gleichmäßig in der Mitte läuft. Mit sanftem Druck formt sie Wände, bis nach und nach ein Becher entsteht.

Mehrere Tage muss das Gefäß trocknen, dann steht die erste Brennung bei 950 Grad an. „Sodass die Keramik hart wird.“ Anschließend schleift Thomann den Becher ab und glasiert ihn. „Jede meiner Glasuren muss ich im Labor testen lassen.“ Die Konformitätserklärung bescheinigt, dass die Glasuren keine schädlichen Stoffe abgeben und die Keramik bedenkenlos benutzt werden kann. Abschließend macht sie noch den Heiß-Wasser-Test, um sicherzugehen, dass keine Risse entstehen. „Dann gehen sie auf Reisen“, sagt sie über ihre Einzelstücke.

Verkauf mit Vertrauensvorschuss

Thomann verkauft ihre Keramik über ihren Webshop und direkt vor der Haustür. Vor ihrem Haus im Iltisweg 6 steht ein grüner Schrank, das „Keramikschränkle“. Hellgrüne, bunt gepunktete und monochrome Becher stapeln sich darin, die Preisschilder kleben am Boden. Käufer bezahlen auf Vertrauensbasis per PayPal, Überweisung oder bar. „Bisher klappt das super.“

Jede Woche muss die 52-Jährige den Bestand auffüllen, und am 14. März ist sie mit einem Stand beim Frühlingsmarkt in Roßwangen. So kommen Nicole Thomanns Keramikstücke dann direkt zu denjenigen, die Freude daran haben.

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