Kirchenkonzert in Dürrwangen: Klangpracht barocker Passionsmusik

Die Hauptakteure des Konzerts in der Dürrwanger Kirche waren zufrieden mit Verlauf und Andrang des Publikums.
VeranstalterZu einer „Passionsmusik“ hatte die evangelische Kirchengemeinde „Unter dem Böllat“ jüngst in die Dürrwanger Petruskirche eingeladen. Passionsmusik bietet schließlich eine Möglichkeit, die emotionale und spirituelle Bedeutung dieser besonderen Zeit vor Ostern musikalisch auszudrücken und sich von dieser Musik inspirieren zu lassen.
Zwar assoziiert man damit meist zuerst große Werke wie die Johannes-Passion (BWV 245) oder die Matthäus-Passion (BWV 244). Aber auch viele kleinere Kompositionen eignen sich für einen Konzertabend, wie die Organistin Stefanie Köpfler-Bertels bei der Programmzusammenstellung bewiesen hat: Sie hatte sich dieses Mal anspruchsvolle Werke zweier berühmter deutscher Komponisten und zweier vor allem der Fachwelt bekannter italienischer Meister ausgewählt.
Zwei Sonate von Benedetto Marcello
Zu Beginn wurden zwei Sonaten von Benedetto Marcello vorgetragen. Dieser 1686 in Venedig geborene Komponist des Barocks entstammte einer angesehenen Juristenfamilie, weshalb es nahelag, dass auch er Jura studierte und bereits anno 1711, also mit erst 25 Jahren, Karriere machte: Er wurde in das oberste Zivil- und Strafgericht der Republik Venedig gewählt, den „Rat der Vierzig“ – bekannt als „Quarantia“ und gehörte nun 14 Jahre einem der drei mächtigsten venezianischen Verfassungsorgane an. 1730 wurde er zum Gouverneur von Istrien berufen und 1737 zum Schatzkanzler in Brescia ernannt.
Deshalb erstaunt es, dass er neben seiner beruflichen Karriere noch die Zeit für die Musik fand. Bereits in jungen Jahren komponierte er Lieder und Sonaten: Bekannt sind allein 47 Sonaten für Cembalo und weitere 30 Sonaten. Zum Vortrag kamen die Sonate in F op. 2 Nr. 1 und die Sonate in D op. 2 Nr. 2 – jeweils mit den Sätzen Adagio, Allegro, Largo und Allegro. Monique Baumann mit der Blockflöte, Michael Wagner am Cello und Stefanie Köpfler-Bertels an der Continuo-Truhenorgel, verstanden es meisterhaft, diese jeweils vier Sätze in spielerischer Gewandtheit zu präsentieren.
Dass Marcellos kunstvolle Kompositionen im krassen Gegensatz zu seiner Bescheidenheit stehen, in der er sich selbst als „nobile Veneto dilettante di contrappunto“, heißt als laienhaften Liebhaber der Musik sah, bewiesen die beiden dargebotenen Musikstücke eindrucksvoll.
Solo-Präsentation an der Orgel
Auch ein Werk von Johann Sebastian Bach durfte nicht fehlen: Die Choralpartita diversa sopra „Sei gegrüßet Jesu gütig“ geriet zum Höhepunkt des Konzertabends. Der Begriff „Partita diversa“ meint eine Reihe von Variationen eines Orgelchorals und bedeutet eine Solo-Orgel-Präsentation einer lutherischen Choralmelodie, die auf der Idee beruht, eine Melodie zu spielen, um die Gemeinde damit vertraut zu machen, die sie anschließend singen soll. Bach hatte vier solcher Choralvariationszyklen hinterlassen, von denen die hier gespielte die größte und bedeutendste aller Choralvariationszyklen Bachs ist. Denn es ist zugleich der umfassendste Zyklus, was die Vielfalt der eingesetzten Variationstechniken und Stilmittel anbelangt. Den Beweis dafür erbrachte Köpfler-Bertels. Denn es gelang ihr, Bachs sehr einfallsreiches Arrangement von elf kurzen Variationen auf der Dürrwanger Kirchenorgel darzubieten. Bereits den Choral als Eröffnungsstatement in voller Länge und anschließend jeweils ganz unterschiedliche Variationstechniken hat die erfahrene Organistin in präziser Finger- und Fußarbeit hervorragend interpretiert. Dabei war die Choralmelodie fast immer leicht zu erkennen. Sie ist oft in der obersten Stimme zu hören, während die Begleitung variiert. Virtuos beherrschte Köpfler-Bertels das Instrument. Der langanhaltende Beifall nach 24-minütigem Spiel zeigte die entfachte Begeisterung des Publikums.
Dritter Konzertteil
Offenbleiben muss die Frage, wann genau dieses Werk entstanden ist. Denn für den wissenschaftlich arbeitenden Historiker zählen nur Fakten, aber keine Vermutungen. Tatsache ist zwar, dass der junge Bach vom 15. bis zum 17. Lebensjahr in Lüneburg das Gymnasium besuchte und im Mettenchor singen musste und damit den dortigen Organisten Georg Böhm kennenlernte. Andererseits spricht der Umstand, dass Bach für einige Variationen nur die Hände auf zwei Manualen vorsah, für einige andere Variationen dagegen zusätzlich das Pedal, also „die Klaviatur für die Füße“ vorschrieb, eher dafür, dass die ersteren der Frühzeit, die letzteren dagegen einer späteren Schaffensperiode zuzurechnen wären.
Der dritte Konzertteil war dem um 1676 in der Nähe von Venedig geborenen Diogenio Bigaglia gewidmet. Die Sonata a-moll mit den vier Sätzen Adagio – Allegro – Tempo di Menuetto – Allegro haben Köpfler-Bertels am Continuo, Wagner am Cello und Baumann an der Flöte sehr gut zusammen gespielt, wobei auch diese Komposition von Baumann eine virtuose Flötentechnik abverlangte.
Sonata in d-moll ist krönender Schlusspunkt
Die von Georg Friedrich Telemann komponierte Sonata in d-moll bildete den krönenden Schlusspunkt. Dieser Komponist der Barockzeit, der die Musikwelt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entscheidend prägte und etwa 3600 Werke geschaffen hat, darunter Festmusik, Konzerte für eine Vielzahl von Instrumenten, Lieder, Opern, Orchestersuiten, geistliche und weltliche Vokalwerke, hat vor allem auch das vielfältigste und zugleich umfangreichste Werk an Kammermusik geschaffen: Seit seiner 1738 komponierten „Pariser Quartette“ begründete er einen neuen Quartettstil mit drei gleichberechtigten Instrumenten, um eine kunstvolle und zugleich unterhaltsame Kammermusik zu schaffen, was er in Sonaten und Konzerten realisierte.
Auch in seiner Sonate in d-moll verwirklichte er dieses Prinzip, wie die Zuhörer beim bestens gelungenen Spiel der sechs Sätze feststellen konnten. Den reichen Beifall des begeisterten Publikums für einen eindrucksvollen Konzertabend belohnten die drei Instrumentalisten mit einer Zugabe.