Gedenktag in Balingen: Die Namen der Drogentoten stehen auf Holzscheiben

Im Zwingergarten fand der dritte Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher am vergangenen Sonntag statt.
StotzDie Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne hatte dafür Holzscheiben gestaltet, auf denen die Namen der Verstorbenen stehen und sie im Zwingergarten ausgelegt.Normalerweise ist der Gedenktag für den 21. Juli eines jeden Jahres festgelegt. Dass Balingen in diesem Jahr einen Tag früher dran war, ist der Tatsache geschuldet, dass Sonntagsandachten im Zwingergarten problemlos durchführbar sind.
Seit drei Jahren ist der Tag fest im Kalender der Suchthilfe, des Elternkreises und der Stadt Balingen eingetragen. Denn als am 21. Juli 1994 in Gladbeck der junge Drogengebraucher Ingo Marten starb, gelang es seiner Mutter unter Mithilfe der Stadt, eine Gedenkstätte für ihn und andere verstorbene Drogengebrauchende zu installieren, denen in den nächsten Jahren weitere Orte der Erinnerung und Mahnung folgten.

Dazu hatte der Elternkreis Baumscheiben mit den Namen der Verstorbenen gestaltet.
Foto: StotzDer Tag soll daran erinnern und mahnen, wie groß das Problem wirklich ist: Seit den 90er-Jahren sind in Deutschland mehr als 39 000 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen gestorben. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar gewesen – durch Aufklärung, Angebote zur Risikominimierung und der Überlebenshilfe.
Bewegend waren am Sonntag bereits die Worte von Gemeindereferentin Gudrun Herrmann, Elternkreisleiter Adalbert Gillmann und dem Fachbereichsleiter Sucht Martin Weise bei der Diakonie.
Es sei die schwierigste Aufgabe für Angehörige, zwar helfen zu wollen, aber konkret nichts tun zu können, sagte Gudrun Herrmann in ihrer Andachtspredigt. Als Gleichnis hatte sie dafür die passende Bibelstelle des Markusevangeliums ausgesucht, in der Jesus auf dem See Gennesaret den Sturm beruhigte. Danach konnten die Teilnehmer im Gedenken an die Verstorbenen Drogengebraucher eine Kerze anzünden.
2137 Drogentote
Adalbert Gillmann, Leiter der Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne erwähnte anschließend die Zahl von 2137 Drogentoten im vergangenen Jahr. Jedoch erzählen diese Zahlen nicht das ganze Ausmaß des Problems. Jeder dieser Verstorbenen, sei Sohn oder Tochter, Mutter oder Vater, Kollege, Freund gewesen hinterlasse viele weitere und trauernde Menschen. Die Zahl der jugendlichen Drogentoten sei im vergangenen Jahr sogar um 14 Prozent gestiegen. Darüber hinaus sei die neue Realität von verbreitetem Mischkonsum erschreckend. Das Ganze werde zunehmend härter, tödlicher und unberechenbarer, sagte er. „Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht stigmatisiert, sondern hinsieht.“, appellierte er.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“
Martin Weise von der Suchtberatungsstelle Balingen stellte den Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ den häufig für Suchtkranke verwendeten Begriffe wie „Alki“, „Junkie“ und „Suffkopf“ gegenüber. Aus seiner täglichen Arbeit wisse er, dass solche von außen verwendeten Wörter häufig zu Selbstzuschreibungen bei den Suchtkranken werden. „Wir müssen aber allen Menschen so begegnen, wie es in Artikel 1 festgelegt ist: mit Würde.“, sagte er.
Daher appellierte er an die Anwesenden, anstatt des lautlosen Schreiens lauter werdende Schreie an die Verantwortlichen zu richten. „Bitte schreiben Sie ihren Abgeordneten, dass es um Menschen geht“, bat er.
Zum Abschluss spielte über Lautsprecher das Lied von Neil Young, das dieser einst für einen an Drogen verstorbenen Freund schrieb „The needle and the damage done“ (Die Nadel und der Schaden, den sie angerichtet hat).