Einblick in Balinger „JakobusHaus“: Wie man Obdachlosen auf Augenhöhe begegnen und helfen kann

Der Winter ist für Menschen ohne Wohnsitz eine besondere Herausforderung – und kann sogar lebensgefährlich sein. (Symbolfoto)
WagnerDer Atem zeichnet weiße Wolke in die Luft, stellenweise ist der Asphalt gefroren, immer wieder fällt Schnee - der Winter hat die Region fest im Griff. Während sich viele Menschen in ihre beheizten Wohnungen zurückziehen, kämpfen Obdachlose Nacht für Nacht ums Überleben. Für sie ist der Winter nicht nur eine Jahreszeit, sondern ein permanenter Ausnahmezustand.
Nicht selten sieht man auch in ländlichen Regionen Menschen, die mit ihrem wenigen Hab und Gut in Unterführungen oder unverschlossenen öffentlichen Gebäuden Schutz vor der Kälte suchen.
Wie man ihnen helfen kann, weiß Johannes Geiger, Interims-Einrichtungsleiter des „JakobusHaus“ in Balingen. Das „JakobusHaus“ ist nicht nur eine Unterkunft für Wohnungslose, sondern auch eine Beratungsstelle. Geiger weiß deshalb genau, welche Schicksale zur Obdachlosigkeit führen können und was diese Menschen wirklich brauchen.
So kann man Obdachlosen helfen
Wichtig sei zunächst einmal zu klären, ob die Person Hilfe benötigt. „Wir oder auch die Angehörigen dieser Menschen können das oft nicht nachvollziehen, aber manche wollen einfach keine Hilfe. Und das muss man respektieren. Alles andere ist auch nicht zielführend“, weiß er.
Dafür müsse man die Menschen ansprechen. Dass das manchmal Überwindung kostet, kann Geiger verstehen: „Oft schämen wir uns oder haben Angst davor. In diesem Moment muss man sich einfach frei davon machen, was andere denken könnten“, rät er. Und das werde meist belohnt: „Man ist dann überrascht, wie leicht das ist.“
Die meisten Wohnungslosen würden sich schon freuen, wenn man sie einfach beachtet, ihnen ein Lächeln schenkt und auf Augenhöhe begegnet. „Ich habe schon öfter von diesen Menschen gehört, dass es solch kleine Begegnungen sind, von denen sie lange zehren.“
Dann sollte man den Notruf wählen
Ist die Person nicht ansprechbar oder man stellt Anzeichen fest, dass es sich um eine medizinische Notlage handeln könnte, solle man sofort den Notruf wählen. „Man sieht ja, ob der Mensch zittert, vielleicht schon blaue Lippen hat oder nicht richtig angezogen ist“, beschreibt Geiger ein mögliches Szenario. „So eine Situation kann lebensbedrohlich sein.“
Wenn die Person ansprechbar ist, solle man einfach fragen, ob man beispielsweise etwas vom Bäcker oder aus dem Supermarkt mitbringen kann. Das sei nicht immer eine Mahlzeit - manche benötigen auch Hygieneartikel oder Futter für ihren Hund. „Die Menschen wissen ja selbst am besten, was sie gerade brauchen. Und Selbstbestimmung ist ganz wichtig“, weiß Geiger.
Nicht nur Geld hilft – auch eine Begegnung auf Augenhöhe
Dass man Obdachlosen lieber kein Geld gibt, weil sie dieses für Alkohol ausgeben könnten, findet er nicht richtig. „Diese Menschen brauchen Geld, um sich Lebensmittel kaufen zu können. Und selbst wenn sie Alkohol kaufen sollten, ist das ihnen überlassen. Das Leben auf der Straße ist hart. Manche brauchen das, um es ertragen zu können.“

Johannes Geiger, Interims-Einrichtungsleiter des Jakobus Haus in Balingen, im Gemeinschaftsraum.
Foto: Jennifer MerkMan solle sich jedoch keinesfalls dafür verantwortlich fühlen, die Menschen mit nach Hause nehmen zu müssen. „Es gibt überall Einrichtungen, in denen sich die Menschen aufwärmen oder mal eine Nacht unter kommen können“, sagt der vorläufige Leiter des „JakobsHaus“. Man solle sich nichts aufbürden, um zu helfen, obwohl man kein gutes Bauchgefühl dabei hat.
Ist ein Obdachloser einverstanden, die Nacht lieber in einer warmen Unterkunft zu verbringen, müsse man ihn auch nicht dort hinbringen. Stattdessen solle man die Polizei rufen, die auch mit den städtischen Einrichtungen zusammenarbeitet und klären kann, welche Unterkunft noch Kapazitäten hat.
Menschen in jeder Lebenslage können plötzlich obdachlos werden
„Viele finden über so eine Notübernachtung zu uns“, berichtet Geiger. Am nächsten Tag könnten sie dann mit einem Sozialarbeiter über ihre Situation sprechen. „Wir schauen dann ganz individuell, wie wir helfen können.“ Dafür arbeiten sie auch eng mit der Suchtberatung und dem Frauenhaus zusammen.
Generell seien es ganz unterschiedliche Menschen, die aus verschiedensten Gründen plötzlich wohnungslos werden - „familiäre Krisen, Trennungen, Verlust des Arbeitsplatzes und daran gekoppelter Wohnraum“, zählt Geiger auf.
Familien können nicht aufgenommen werden
Willkommen sei bei ihnen jeder. Allerdings ist die Einrichtung nicht für Familien ausgelegt. „Wenn Kinder involviert sind, braucht es nochmal eine andere Fachlichkeit.“ An die Hausordnung muss sich ausnahmslos jeder halten. Beispielsweise handelt es sich bei dem „JakobusHaus“ um ein „trockenes Haus“ - Alkohol ist strengstens verboten. Auch gewalttätiges oder missbräuchliches Verhalten wird nicht geduldet.
Eine maximale Verweildauer für Obdachlose gibt es im „JakobusHaus“ nicht. Aktuell können keine Hunde mitgebracht werden, weil andere Bewohner Angst haben könnten. Aber: „Wir versuchen, da eine Lösung zu finden“, verspricht Geiger. Er weiß, dass Hunde für diese Menschen oft der einzige soziale Kontakt und damit wichtig sind.
Frische Kleidung und eine Dusche für die Bewohner
Für die Notübernachtungen gibt es im „JakobusHaus“ rund 20 Zimmer. Dort können Wohnungslose auch ihre Wäsche waschen, duschen und neue Kleidung mitnehmen. Träger der Einrichtung ist die Caritas Schwarzwald-Alb-Donau. Vom Landkreis gibt es einen Zuschuss, ansonsten sind sie auf Spenden angewiesen.
Das Beratungsangebot nehmen nicht alle in Anspruch, sagt Geiger. „Manche verlassen uns nach einer Nacht auch wieder.“ Dann führt der Weg oft wieder zurück auf die Straße, wo der Kampf ums Überleben weitergeht.
Spendenkonto
Das Jakobus Haus finanziert sich auch durch Spenden. Wer zur Unterstützung einen Beitrag überweisen möchte, kann eine Summe seiner Wahl auf folgendes Konto überweisen:
SozialBank AG
IBAN: DE97 3702 0500 0001 7892 00
Swift-BIC: BFSWDE33XXX