Demokratie in Balingen: Ein flammender Appell der Stadtspitze

Kunstinstallation auf dem Balinger Marktplatz
SzymanskiMit der langen Nacht der Demokratie hat Balingen am Vorabend des Nationalfeiertags ein Fest gefeiert für alle Sinne: mit Musik der Saxmanias der Jugendmusikschule, festlichen Reden mit Appellen für eine wehrhafte Demokratie, einem aufwühlenden Theaterstück, schmackhaftem Essen und dem Demokratietrunk in Ampelfarben, unzähligen Glastafeln mit Malerei und Texten zum Thema Demokratie der Jugendkunstschule und anderen Bildungseinrichtungen.
Die Lesung der Historikerin Hedwig Richter aus ihrem Buch Demokratie und Revolution in der gut besuchten Zehntscheuer und ein Film rundeten das Demokratie-Fest ab.
Junge Menschen informieren sich
Sorgen um den Fortbestand der Demokratie machen sich die jungen Leute ganz offensichtlich, wie Anna, Rosalie, Hanna und Emily bei den Glastafeln auf dem Marktplatz beteuerten, und zwar stellvertretend für die am Kunstprojekt Beteiligten Klasse der Realschule und den Lehrern Roswitha Karsch und Christian Stumfol.
Wie informieren sich die jungen Leute über Parteien und deren Programm? Via Wahl-O-Mat zum Beispiel, „vor allem aber in der Schule und im Unterricht“, wie Anna sagte. Auf den großen Glastafeln, die die Transparenz der Demokratie symbolisieren sollen, stehen Texte und Wortschnipsel über das, was die Schüler bewegt: Klima, Wohnraum, Altersvorsorge, Infrastruktur oder auch Bildung. Auf einer davon wird aber auch die „Döner-Preisbremse“ gefordert. So ganz ohne Humor geht es dann doch nicht.
Der Staat sei keine Service-Agentur
Den allerdings ersparten sich Oberbürgermeister Dirk Abel und auch der politische Kabarettist Boris Retzlaff. So macht sich Dirk Abel „Sorgen über die Fragmentierung, Gleichgültigkeit, sprachliche Verhärtung und Zunahme von extremen Kräften in der Gesellschaft.“
Die Demokratie sei gefährdet und es sei ihm ein Anliegen, deren Basis weiter zu entwickeln und zu fördern. Gleichwohl sei der Staat keine Service-Agentur. „Demokratie ist nur so stark, wie sich jeder einsetzt“, betonte das Stadtoberhaupt.
„Schwätzet miteinander“
Fest-Redner Retzlaff eröffnete seinen Impulsvortrag so: „Bombastisch, dass sich so viele junge Menschen eingefunden haben.“ Alle sollten die Augen offenhalten, denn die Demokratie könne sich selbst abschaffen. Sein Appell: lieber von Angesicht zu Angesicht zu diskutieren, sich auszutauschen, zu streiten, als sich einwickeln zu lassen in die merkwürdigen politischen Visionen zum Beispiel auf der Plattform TikTok.
Angst davor, dass Parteien wie die AfD die Macht ergreifen können, hätten Viele geäußert auf seiner runden Abiturfeier. „Ich selbst habe also hier jetzt nichts gegen die Partei gesagt – falls entsprechende Gemeinderäte zugegen sind“, sagte Retzlaff. Er appellierte jedoch: „Schwätzet miteinander!“
Das Land schießt 5000 Euro zu
Das geschah dann auch mit zunächst relativ wenigen Balingern, die sich auf dem Marktplatz einfanden bei den Tafeln des Gymnasiums, der Sichel-Schule, dem gewerblichen Schulzentrum, Realschule, dem Integrationskurs, Azubis und den Pfadis von Heilig-Geist sowie dem kulinarischen Stand der Volkshochschule, die zusammen mit der Stadt, Zehntscheuer, Mediothek, der Stadtkirche und den Kunst- und Musikschulen diese Lange Nacht der Demokratie auf die Beine stellten. Dafür stiftete das Land Baden-Württemberg 5000 Euro, wie Pressesprecher Dennis Schmidt Auskunft gab.
„Hitler und seine Bagage“
Das Theaterstück „Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte“ in Stadtkirche mit Schauspieler Bernd Wengert und Musiker Michael Moravek zeigte auf erschütternde Weise, dass Gewalt nur weitere Gewalt nach sich zieht. Georg Elser, Schwabe und Eigenbrötler, hat nämlich im Alleingang eine Höllenmaschine gebaut, die am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller Hitler und fast das komplette Führungspersonal töten sollte. Die Zündungsuhren hat er auf 21.20 Uhr eingestellt, „Hitler und seine Bagage“ jedoch verließen den Saal 13 Minuten vorher. Acht unbeteiligte Menschen starben bei der gewaltigen Explosion, Elser wurde im KZ Dachau ermordet.