Benefizkonzert in Balingen: Blasmusik? Da war viel mehr geboten

Die Musiker der jungen Bläserphilharmonie Zollernalb haben ein fulminantes Konzert gespielt.
SzymanskiAlle stehen auf in der voll besetzten Festhalle in Engstlatt und schütten am Schluss tosenden Beifall aus beim Benefizkonzert mit den 55 Musizierenden der Jungen Bläser Philharmonie Zollernalb.
Was für ein Konzert – ach was, Erlebnis. Es macht mal peng, klingen Glocken, die Musizierenden klatschen, singen, stampfen mitunter. Ein Akkordeon spielt „Auf der Reeperbahn…“
Das feinfühlige Spiel der Klarinetten und das der Querflöten mit ihren zarten Kantilenen, die Kraft der Saxofone, Hörner, Trompeten, Tuben. Und auch die Posaunen hätten die Mauern zu Jericho wohl zum Einsturz gebracht.
Viel mehr als Blasmusik
Das Arsenal an Schlagwerk mit Pauken oder Röhrenglocke bis hin zur selbstgebauten Windmaschine, sorgen nicht nur für den Rhythmusteppich, sondern für figurative Auflockerungen und für Breaks, dass einem Hören und Sehen vergeht. Was für eine musikalische Wucht, Dynamik, ausgefeilte Tonalität, und die immer wieder aufblitzenden kontrapunktischen und konzertanten Finessen und die herbe Chromatik.
Blasmusik? Viel mehr. Wir lassen uns schaukeln vom pulsierenden Klanggrund, den starken Kontrasten und dem polyphonen Gepräge und der reichen Ornamentierung dieser Formation.
Gleich zu Beginn gibt es einen Ohrwurm
Vor lauter Schwärmen über diesen Klangkörper unter dem Dirigat des temperamentvollen Jürgen Schnitzler hätte man fast die Stücke aus den Augen verloren, die die jungen Leute zwischen 15 und 27 Jahren so virtuos, konzentriert und präzise dargeboten haben: Ein Ohrwurm zeigt gleich am Anfang, wohin dieser Konzertabend mit diesen jungen Musikanten führt: Funiculi, funicula.
Die unglaublich schwungvolle und druckvolle neapolitanische Rhapsodie über eine Seilbahn von Luigi Denza wie Moderator und Saxofonist Jens Uttenweiler erklärt. Viele Tonartwechsel, ungeheures Tempo, furios dynamisierend, schöne Überleitungen und der Schlusspunkt so präzise wie mit einem einzigen Instrument gespielt.
„Wer ist Elise?“
„Wer ist Elise?“ des deutschen Dirigenten und Komponisten Johannes Stert perlt nicht so dahin wie das Notenblatt von Beethoven, sondern lässt den Hallenboden vibrieren – mal kraftvoll ohne Ende, mal zart schwebend der Melodie nachspürend. Bei drei Proben und drei Wochenenden „haben die Orchestermitglieder wahrlich Schwerstarbeit geleistet,“ verrät der Dirigent am Rande der Veranstaltung. Dieses Konzert gäbe es noch dreimal zu hören in anderen Orten oder zum 50. Bestehen der Formation am 25. Oktober.
Gibt es noch Steigerungen zum ersten Set? Gewiss mit der symphonischen Dichtung Almansa des spanischen Komponisten Ferrer Ferran mit hervorragend herausgespielten orientalischen Sprenkeln, farbenfroh und illuster aufgespielt.
„Hamburg – Das Tor zur Welt“
Bei „Hamburg – Das Tor zur Welt“ von Guido Rennert, Spezial-Arrangeur für ausgefeilte und wahrhaft komplexe blasmusikalische Werke, fächern die jungen Philharmoniker nochmals ihr Können auf so weltläufig wie die Hansestadt selbst mit dem berühmt-berüchtigten Nachtleben auf der Reeperbahn, dem Hafen, dem Wahrzeichen Michel oder dem Star-Club, in dem die Beatles den Grundstein für ihre Weltkarriere legten. „She Loves You“ rocken und jazzen die Philharmoniker, der Michel schlägt zwölf Mal, das Akkordeon spielt Seemanns-Lieder, ein Dampfer hupt gewaltig. Auch dieses Werk als erlebnisreiche Hymne an die symphonische Blasmusik präsentiert: Bravo!
Das Benefizkonzert fand zu Gunsten der „Emmi-Stiftung“ statt. Sie setzt sich für die bestmögliche Versorgung und Förderung neurologisch kranker Menschen ein und wurde vom Balinger Oberbürgermeister Dirk Abel gegründet.