Balingen: Agenten-Prozess geht in Endrunde

Anna Chapman bei den Filmfestspielen 2013 in Cannes: Die "Agentin 00-Sex" ist nach der Zerschlagung des Spionagerings in den USA zum Medienstar avanciert. Heidrun und Andreas Anschlag, die im Anschluss daran in Deutschland festgenommen wurden, hatten weniger Glück: Ihnen wird vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gemacht, langjährige Haftstrafen drohen.
AziaBalingen/Stuttgart - Vor zwei Jahren wurden Andreas und Heidrun Anschlag in Balingen und Marburg von Einsatzkräften des BKA festgenommen. Sie sollen für den russischen Geheimdienst SWR spioniert haben. Seit Januar wird ihnen vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht öffentlich der Prozess gemacht. Am kommenden Dienstag plädiert der Generalbundesanwalt.
Die Beweisaufnahme wurde am vergangenen Dienstag vorerst abgeschlossen. Nach Angaben von Stefan Schüler, Pressesprecher des Oberlandesgerichts, sei aber noch offen, "ob bei zu bearbeitenden Beweisanträgen nochmals in die Beweisaufnahme eingetreten werden muss". Das Plädoyer des Generalbundesanwalts ist angesetzt für Dienstag, 11. Juni, 9.30 Uhr. Die Plädoyers der Verteidigung sind für Dienstag und Donnerstag, 25. und 27. Juni, ab 9.30 Uhr vorgesehen. Das Urteil wird voraussichtlich am Dienstag, 2. Juli, verkündet. Dem Paar droht bei Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Nach Angaben des Oberlandesgerichts findet am Eingang eine Identitätskontrolle statt.
Die Eheleute, die sich Heidrun und Andreas Anschlag nannten, hatten mehr als 20 Jahre lang mit falscher Identität in Deutschland gelebt. Nachdem das FBI den russischen Agentenring um "Agentin 00-Sex" Anna Chapman gesprengt hatte, ergaben sich Hinweise auf das Agentenpaar in Deutschland. Weitere Hinweise dazu soll es auch von einem osteuropäischen Geheimdienst gegeben haben. Die Geschichte sorgte für Aufsehen, vor allem auch, weil es das erste Mal seit der Wiedervereinigung war, dass russische Agenten in Deutschland enttarnt wurden.
Wie ein Spionage-Thriller
Die Geschichte liest sich wie ein Spionage-Thriller mit dem Unterschied, dass sie wahr ist. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg hatte das Paar ein unauffälliges Leben als ganz normale Familie geführt.
Ihrer Legende zufolge waren sie österreichische Staatsbürger, geboren in Südamerika. Er Ingenieur, 52 Jahre alt, zuletzt angestellt bei Vötsch in Frommern, mit Zweitwohnsitz in Balingen, sie Hausfrau, 46, Fernstudium in Politwissenschaften, eine Tochter, ein Haus in Marburg-Michelbach, drei Autos. Geheiratet hatten sie in Österreich, und bei der Gelegenheit hatten sie sich echte österreichische Pässe ausstellen lassen.
Die wahren Identitäten der beiden, die unter den Decknamen "Pit" und "Tina" geführt wurden, sind nicht geklärt. Ihre wahren Namen seien "Sasha" und "Oljia Rost", hatte die Frau, die sich Heidrun Anschlag nannte, bei Prozessbeginn ausgesagt. Wohl eine weitere Lüge, denn "Rost" war, wie sich später herausstellte, das Kennwort für den Fall, dass sie aufflogen. Für eine Evakuierung war in dem Fall angeblich das russische Konsulat in Bonn zuständig. Aber eine Evakuierung kam nicht mehr zustande, der Austausch gegen zwei Agenten – Russen, die für Deutschland gearbeitet haben sollen – soll von höchster Stelle im Kreml abgelehnt worden sein.
Obwohl Andreas Anschlag in Deutschland bei Automobil-Zulieferern arbeitete, soll es seinen Auftraggebern nicht um Industriespionage gegangen sein: Im Lauf der Zeit sollen die Anschlags unter anderem einem niederländischen Diplomaten mindestens 72 200 Euro für die Beschaffung von geheimer Dokumente zu Nato und EU gezahlt haben.
Andreas Anschlag hat einen Verteidiger gewählt, der sich mit solchen Verfahren auskennt: den Münchner Rechtsanwalt Horst-Dieter Pötschke. Der hatte in den 1970er- und 1980er-Jahren etliche Stasi- und KGB-Agenten verteidigt, darunter den Kanzlerspion Günter Guillaume.