Adventssingen in der Eberthalle: Mit dem Rockverein Balingen raus aus dem Alltag

Laut und wild ging es beim Adventssingen des Rockvereins Balingen zu – wobei die Ohrstöpsel kaum Abnehmer fanden: Das Publikum wollte die volle Dröhnung erleben.
Barbara SzymanskiDie blauen Ohrenstöpsel finden kaum Abnehmer im Foyer der Eberthalle – denn das Publikum will die volle Dröhnung beim Adventssingen des Rockvereins Balingen (RVB).
In der stillen Zeit und aller Orten Klingeling und Glühwein wabern wird es laut, richtig laut und wild, so zornig und ungehorsam wie nur Heavy Metal sein kann, sein muss.
Bartsch: 570 Vereinsmitglieder stärken Balingens Rockkultur
Es gastieren „Front Row Warriors“ mit Sängerin Elke, „Iron Ectro“ aus Heilbronn, „When Hell Breakers Loose“ oder die „Noplies“. Diese und 40 andere Formationen aus nah und fern sind mit dem RVB befreundet und feiern dieses ganz und gar unheilige Adventssingen inzwischen seit fast 20 Jahren mit gleichbleibendem Zuspruch.
Und das Publikum? „Ach wissen Sie, das ist eine ganz gediegene Szene. Alle wollen nur eines: raus aus dem Alltag“, sagt einer, der es wissen muss: Alexander Atschi Bartsch, Unternehmer, Vater von drei Kindern, zweiter Vorsitzender des RVB und Heavy Metaller bis auf die Knochen.

Stille Nacht? Nicht beim Adventssingen des Rockvereins Balingen: In der Eberthalle rocken Bands und Gäste, was das Zeug hält.
Foto: Barbara SzymanskiDer Rockverein sei inzwischen fast 570 Mitglieder stark „und wir unterstützen somit recht stark die Musikkultur der Stadt und des Landkreises“, bescheidet Bartsch. Jede Generation sei vertreten „und dann ratata, Metal-Vollgas und gut ist.“
Und in der Tat: Küsschen hier, Küsschen da, heftige Umarmungen mit Rückenklopfen unter Männern und immer wieder das Recken von Zeige- und kleinem Finger. Das ist das Metal-Zeichen: die Hörndl des Teufels.
In der Eberthalle finden sich wilde Metaller jeden Alters
Junge Wilde im wogenden Partymeer mit Bierflasche in der dampfenden Ebert-Halle? Mitnichten: sehr erwachsene und manche in Ehren ergraute Leute aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft haben sich eingefunden, die eher Cola bevorzugen mit einem bissle was drin. Und alle in Schwarz.
Nicht wenige Frauen in sexy Mieder und Lederhose, die Männer tragen ihr Haar offen und kunstvoll strubbelig, oft in schwarzen T-Shirts, die David an der Theke im Foyer mit allerlei anderen Merchandising-Artikeln verkauft.

Auch die Crewmitglieder am Merch-Stand sind bestens gelaunt und recken die in der Metalszene bekannten „Teufelshörner“ in die Höhe.
Foto: Barbara SzymanskiDer 20-Jährige sagt: „Meine Eltern sind Metaller. Ich bin damit aufgewachsen.“ Mit gut 1500 Plastikbechern hat der RVB übrigens der Stadt beim Christkindlesmarkt schon mal ausgeholfen, als die eigenen zur Neige gingen.
Robert, 72, lehnt an der Wand der Halle, deren Boden wie bei einem nahenden Erdbeben vibriert, und die elektrischen Kerzen der beiden Christbäume wie wild flackern, scheint das Spektakel zu genießen. Er hat mitgemacht als Ehrenamtlicher bei Bang Your Head, das jetzt der Rockverein unter dem Label RV Bang erfolgreich weiterführt.
Steffi: „Bei einem Dorffest passiert mehr“
Die Gäste Nicole und Andy lieben nach eigenen Angaben diese Veranstaltung auch deshalb, weil es nie Ärger gibt, trotz dieses Radaus und der aufrührerischen Wirkung, die Heavy Metal erzeugen kann.

Das RVB-Adventssingen war sehr gut besucht.
Foto: Barbara SzymanskiDas kann Steffi von der Security nur bestätigen. Die aparte, schlanke 20-jährige, im Hauptberuf Altenpflegerin, trägt den Namen Pitbull, weil sie so grimmig schauen kann. „Bei einem Dorffest passiert mehr, und übrigens schlägern Frauen viel schlimmer“, verrät sie augenzwinkernd.
Drinnen bricht die Hölle weiter los rund um den leuchten Hirschen. Mehr Advent gibt’s nicht fünf Stunden lang. Und die blauen Ohrstöpsel ruhen sich weiter aus.