Schätze des Ebinger Heimatmuseums: Die Nähte erzählen viele Geschichten

Aufwendig gestaltet ist das Gussgestell der Phoenix-Nähmaschine im Heimatmuseum.
Gerd LichtenbergIm Fotografen-Zimmer des Heimatmuseums im ersten Obergeschoss des Hauses Spitalhof 13 hängt ein Bild aus der Zeit um 1900 einer Ebinger Familie.
Die darauf mit ihren Eltern versammelten Mädchen tragen Kleider, die aus dem gleichen Stoff und mit dem gleichen Grundschnitt genäht worden sind. Das war entweder die Arbeit eines Hausschneiders oder der Hausfrau selbst.
Nähmaschinen standen damals in vielen Haushalten, und in der „Alten Schule“ bot man Mädchen an, nach Abschluss der Grundschule ein oder zwei Jahre lang das textile Arbeiten zu lernen. Dazu gibt es eine Ausstellungsvitrine im großen Raum im ersten Obergeschoss des Heimatmuseums.
Es gab Nähmaschinen mit Handantrieb und solche, die über ein Fußpedal angetrieben wurden. Eine Nähmaschine mit Fußantrieb mit dem für sie typischen großen Schwungrad finden die Besucher in der nachgestellten Wohnung im ersten Obergeschoss.

Selbst die Wäsche erzählt Geschichten aus der guten alten Zeit.
Foto: LichtenbergDabei handelt es sich um ein besonderes Exemplar aus dem Jahr 1906 der Bielefelder Phoenix AG. Diese Tret-Nähmaschine steht auf einem Gussgestell, das Phoenix exklusiv für das Ebinger Unternehmen „Kauffmann & Siegel“ angefertigt hatte, wobei deren Namensschild ebenfalls eingegossen und die Schrift vergoldet ist.
Dieses Unternehmen hatte seinen Sitz an der heutigen Ecke Sonnenstraße/Friedrichstraße. Die Friedrichstraße gab es damals noch nicht, aber das Eckhaus des Gebäudes steht noch. „Kauffmann & Siegel“ handelten mit den damals üblichen technischen Geräten und reparierten diese auch. Das Unternehmen besaß offensichtlich den Generalvertrieb der Phoenix-Nähmaschinen AG für Südwestdeutschland.
Das Gussgestell ist aufwendig gestaltet und verziert und besitzt kleine Aufnahmeteller für die notwendigen Ölkännchen. Seine Fertigung muss schon damals hohe Kosten verursacht haben und rentierte sich nur bei einer großen Stückzahl. Heute gibt es vermutlich nur noch ganz wenige Gießereien in Deutschland, die solche Gestelle in dieser Gestaltung fertigen können.
Klaus Piening gilt heute im Maschenmuseum als „der alte Phoenix-Mann“
Die Nähmaschine kam 2019 als Spende aus Straßberg in das Heimatmuseum – überholt, gangbar gemacht und gereinigt von Klaus Piening, der auch im Tailfinger Maschenmuseum aktiv war und ein „alter Phoenix-Mann“ ist.
Hausfrauen nähten damals nicht nur Kinderkleider, sondern auch für den eigenen Bedarf. Grundschnitte für Hemden, Unterwäsche und Nachthemden aus Webware finden sich in einem auf der Nähmaschine aufgestellten „Buch der Wäsche“ aus dem Jahr 1890. Diese selbstgenähten Hemden sowie Bettwäsche sind ausgestellt in einem alten Bauernschrank im Erdgeschoss des Museums.
Die Wäsche wurde damals sorgfältig gepflegt und regelmäßig ausgebessert. Die Nähte erzählen heute Geschichten über das Tragverhalten und die Art der Flickarbeiten, die anfangs mit der Hand und später maschinell erfolgten.
Das Wegwerfen von Textilien war damals noch nicht üblich. Heute gehört der Umgang mit der Nähmaschine nicht mehr zum Schulstoff.