Museum für Volkskunst in Meßstetten: Mit Sorgfalt und Genauigkeit

Fachfrau Heike Götz aus Binsdorf zeigt Bürgermeister-Stellvertreter Thomas Holl und anderen Gästen im Museum für Volkskunst Meßstetten das Sticken.
Gudrun StollIm Museum für Volkskunst ist die neue Sonderausstellung „Vielfältige Stickkunst Unesco Weltkulturerbe und Leinenherstellung“ eröffnet. Museumsleiterin Klara Stingel nahm die Gäste mit auf eine imaginäre Reise in vergangene „Landschaftsbilder“.
Himmelblaue Leinfelder im Juni, überall in kleinen Fleckchen in der Gegend verteilt, stimmten die Gäste auf das Thema Leinen, den Grundstoff der Schwälmer Stickkunst, ein. Im ersten Obergeschoss ist dazu passend eine Reihe von historischen Geräten, die zur Leinenherstellung gebraucht wurden, aufgebaut. Bis gegen 1900 hatte nahezu jede Familie mit Leinenweben zu tun, in Tieringen standen in 97 Häusern 113 Webstühle. Zunächst wurde das Leinen hauptsächlich für Mehlsäcke, Bettwäsche und Kleidung verwendet. Nach dem Weben wurde dann „eingefädelt“ und verziert.
Adelige Frauen erlernten das Sticken
Eingefädelt haben zunächst die adeligen Frauen, die das Sticken in ihrer Kindheit erlernten. Mit zunehmendem Bildungsniveau Anfang des 19. Jahrhunderts ist diese Kunst auch in den einfachen Haushalten angekommen. Für diese Schicht waren jedoch die gedruckten Stickmuster-Bücher unerschwinglich. So entstanden die Stickmustertücher, auch Fleck genannt.
„Vom Fleck weg heiraten“ – damit war gemeint, eine junge Frau um ihre Hand zu bitten, die ein sorgfältiges mit viel Fleiß und Können erstelltes Stickmustertuch gestaltet und somit ihre Tugenden wie Fleiß, Sorgfalt, Geduld und Ausdauer unter Beweis gestellt hatte.
Das Museum für Volkskunst verfügt über eine kleine Sammlung von Stickmustertüchern, die durch Leihgaben aus der Region für die Ausstellung erweitert wurden.
Weißstickerei ist ein immaterielles Kulturgut
Das Hauptthema der Ausstellung ist die Schwälmer Weißstickerei, ein immaterielles Kulturgut, das 2024 zum Unesco Weltkulturerbe ernannt wurde. Diese Stickkunst, die Plastizität, Transparenz, Dichte und Fadengenauigkeit vereint, entwickelte sich vor mehr als 400 Jahren aus mehreren technisch anspruchsvollen Grundtechniken.
Heike Götz, die an diesem Abend zu Gast war, beherrscht nicht nur diese Sticktechnik in Perfektion. Das Handsticken erfordert Konzentration, Detailgenauigkeit, Geduld, Planungsfähigkeit, eine klare Fokussierung und verbessert die Feinmotorik. Die Besucher schauten der Stickerin Heike Götz über die Schulter. Der stellvertretende Bürgermeister Thomas Holl wurde dabei mit der Stickkunst vertraut gemacht.
Außer den Exponaten aus der Werkstatt von Heike Götz sind diverse Sticktechniken aus Haushalten der näheren Region ausgestellt, so ein Gobelinsessel, sakrale Stickereien, Monogramme und Tischdecken.
Albert Mauz vom Museum aus Hausen i.K. klärte über das Thema vom Lein zum Stoff auf. Mit Gitarrenklängen begleitete Serhii Solonitsyn von der Jugendmusikschule Zollernalb die Eröffnung.
Ausstellung ist bis zum 22. Juni geöffnet
Die Sonderausstellung „Vielfältige Stickkunst Unesco Weltkulturerbe und Leinenherstellung“ im Museum für Volkskunst Meßstetten ist noch bis zum 22. Juni zu sehen. Jeden Sonntag sowie an den Donnerstagen, 5. und 19. Juni, ist das Haus von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Außerdem können Besichtigungstermine unter Klara.Stingel@museum-messstetten.de vereinbart werden.