Lehrstunde in Meßstetten: Die einzige Rettung: Kreislaufwirtschaft

Alles andere als langatmig: Marc Haines von der Stuttgarter Firma Concular begeisterte mit seinem Vortrag, den er mit vielen greifbaren Beispielen aus dem wirtschaftlichen Alltag unterfütterte.
Stadt Meßstetten/Volker BitzerTreffsicher und praxisnah war der Vortrag über „Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft“ beim IIGP-Unternehmerfrühstück (IIGP) im ehemaligen Casino der Zollernalb-Kaserne.
Sie besteht aus neun Klötzen, elf Brettern und 78 Nägeln. Sie ist seit 60 Jahren rund um die Welt im Einsatz – 600-millionenfach. Sie kann bei einem Eigengewicht von 20 Kilogramm das Einhundertfache davon tragen. Und sollte sie ob der Last, die sie schultert, mal in die Werkstatt müssen, so gibt es 1500 Reparaturbetriebe in über 30 Ländern. Die Europalette ist ein Paradebeispiel einer funktionierenden und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft nach dem Prinzip „reuse“ – zu deutsch: wiederverwenden, wie Experten sagen. Ein solcher ist Marc Haines, der über ein spannendes Thema referierte, das Unternehmen neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder eröffnen kann: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft.
Praktische Beispiele zeitigen Wirkung
Dass das Sujet fesselte, lag an der Kürze von kaum 20 Minuten, vor allem aber daran, dass sich Marc Haines nicht von Theorem zu Theorem hangelte, sondern praktische Beispiele servierte: Etwa die Gipskartonplatten – über Jahrzehnte ein Abfallprodukt aus der Kohleverstromung. Die Energiewende verknappte aber die Rohstoffe, der Hersteller musste neue Quellen auftun: wirtschaftliche. Durch Aufspringen auf den Zug der Nachhaltigkeit: Ausgediente Gipsplatten werden in den Kreislauf zurückgeholt. Um das effizient zu meistern, werden Gipsplatten gleich so produziert, dass sie später problemlos in die Ursprungs-Rohstoffe zerlegbar sind und neue Platten daraus entstehen. Der Fachmann nennt das „refurbish“.
Wie endlich die Ressourcen tatsächlich sind
Marc Haines’ Grafiken zeigten, wie endlich Ressourcen auf der Erde sind. Schon jetzt verbrauchten die Menschen jene künftiger Generationen. Umso wichtig ist es nach Ansicht des Architekten, dass Unternehmen verarbeitete Rohstoffe zurücknehmen, aufarbeiten und genügend davon besitzen.
Für das Schlimmste hält Haines nicht wiederverwertbare Produkte wie Verbundmaterialien. „Sie sind tot und können nur noch entsorgt werden“, warnte der Fachmann.
„Überlegen Sie mal!“
Dieser Weg sei vor dem Hintergrund steigender Deponiegebühren, Ressourcenknappheit, immer teurerer Rohstoffe und EU-Regulatorik für Unternehmen immer unwirtschaftlicher. Sein eindringlicher Rat an die Wirtschaft: „Überlegen Sie, wie Sie Ihre Materialien zurückbekommen und immer genügend davon haben!“
Müssen Wirtschaftsgüter immer verkauft werden? Warum nicht eine Variante des Vermietens? Haines zeigte ein „Rethink“-Beispiel aus den Niederlanden: Aufzug als Dienstleistung. Der Hersteller bleibt Eigentümer der Anlage, sorgt für störungsfreien Betrieb und hat so Interesse an deren Langlebigkeit. Abgerechnet wird mit dem Nutzer des Aufzugs nach Anzahl der Fahrten. Doch viele Unternehmen verließen sich, eingefahren und unbeweglich, auf erfolgreiche Produkte und Leistungen aus der Vergangenheit, ohne über Modifizierung zu sinnieren. Obwohl das Nachdenken neue Geschäftsmodelle eröffnen könne. Eine Wende sei oft mühsam, zeitintensiv und meist zunächst mit hohen Investitionen verbunden.
Auf den Punkt brachte es ein Zuhörer, der das passende Schlusswort nach Referat und Diskussionsrunde lieferte: „Das war hochspannend, wir müssen uns verändern, so entstehen neue Märkte und wir müssen den Wandel nicht als Hürde, sondern als Chance begreifen.“
Recycling im Großen
Auf dem Geißbühl-Areal
in Meßstetten gibt es einen Neuanfang, bei dem Altgedientes und noch Brauchbares wie das frühere Offiziers-Casino im Kreislauf verbleiben. Analog dazu verkündete IIGP-Geschäftsführerin Heike Bartenbach mit großer Freude: „Wir arbeiten momentan mit Hochdruck am Bebauungsplan, wollen diesen nach Möglichkeit am 1. Juli 2025 offenlegen und 2026 mit der Erschließung beginnen.“ Diese Nachricht passte zur Botschaft des Vortrags.