Arztpraxis in Winterlingen schließt
: Vergebliche Suche nach einer Nachfolge

Bis zum 28. März arbeitet er noch, macht Abrechnungen fertig, verkauft eventuell noch medizinische Geräte, dann ist Schluss: Zum 1. April schließt die Hausarztpraxis von Joachim Brunner. Rund 1700 Patienten müssen sich dann einen neuen Arzt suchen.
Von
Christoph Holbein
Oberndorf
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Nicht mehr lange wird Joachim Brunner am Schreibtisch in seiner Hausarztpraxis sitzen. Zum 1. April ist Schluss. Einen Nachfolger hat der Arzt nicht gefunden.

Holbein

Es war ein vergebliches Bemühen: Joachim Brunner hat längere Zeit nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger für seine Praxis für Allgemein- und Sportmedizin in der Flandernstraße in Winterlingen gesucht – ohne Erfolg. Es gab zwar Kandidaten, die zum Teil sogar „hohes Interesse“ bekundet haben, aber alle sind letztlich abgesprungen, vor allem auch weil es ihnen zu viele Patienten waren.

Immerhin 1700 Menschen hat Brunner über 34 Jahre lang betreut. Einen Nachfolger hätte der Arzt noch eingelernt, aber die Praxis weiterzubetreiben, kommt für ihn und seine Ehefrau nicht in Frage. Mit bald 67 Jahren sei Zeit, Schluss zu machen und in Rente zu gehen. „In einer zunehmend komplexeren Welt muss man im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte sein, um die Arbeit zu machen. Es ist also sinnvoll, jetzt aufzuhören, solange ich noch fit bin.“ Mit ihm in Rente gehen seine Ehefrau und eine Angestellte, eine weitere Helferin hat in der Unfallchirurgie eine neue Anstellung gefunden.

Die Versorgung ist gesichert

1550 bis 1900 Scheine im Quartal hat Brunner bearbeitet – „das ist ordentlich“. Angst, dass seine Patienten nun keine ärztliche Betreuung mehr haben, hat Brunner nicht. Es gebe in der Umgebung genügend Praxen, die einiges auffingen. Eine weitere Praxis sollen wohl zwei Ärztinnen in Bitz aufmachen: „Die Versorgung ist also gewährleistet.“ Dennoch ist Brunner schon ein wenig wehmütig ums Herz: Viele Patienten seien 30 Jahre und mehr bei ihm gewesen. Manche betreute er bereits als Kinder, um dann deren eigene Kinder wieder zu behandeln. Traurigkeit herrsche auch bei den Patienten, aber alles habe eben mal ein Ende.

Die Arbeit hat zugenommen

Mit seiner Entscheidung, jetzt aufzuhören, ist der Arzt im Reinen. Zwar habe er sich als Mediziner noch fit gefühlt, aber die Umstände drumherum seine mittlerweile „unerträglich“. So arbeite er rund 80 Stunden in der Woche. Jedes Wochenende erledige er die Gutachten. Der bürokratische Aufwand – Kontakte mit dem Versorgungsamt, dem Arbeitsamt, den Krankenkassen – werde jedes Jahr mehr. „Das macht fertig, da hast Du an den Wochenenden keine Freizeit mehr, und die elektronische Patientenakte mache ich nicht mehr mit.“ Brunner ist auf die Gesundheitspolitik nicht gut zu sprechen. Das sei oft Schikane. Brunner will wieder Lebensqualität zurückgewinnen: „Bei der Arbeit als Hausarzt ist nicht mehr viel nebenher möglich.“ Wenn der Aufwand mit der Bürokratie weg wäre, hätte er möglicherweise noch etwas weiter gearbeitet als Hausarzt.

Kritik an der Gesundheitspolitik

Die Gesundheitspolitik habe viel falsch gemacht. „Die sollten Fachleute ranlassen, die Ahnung von der Materie haben, um vernünftige Gesetze zu machen.“ Gleichzeitig wollten die jungen Ärzte keine 80 Stunden in der Woche mehr arbeiten, legten ihr Augenmerk auf eine Work-Life-Balance. Viele Medizinstudenten brächen ihr Studium ab, der Rest gehe in die Klinik oder ins Ausland oder wende dem Medizinerberuf den Rücken zu. Mehr Kassenärzte seien notwendig. „Wenn sich da nicht etwas gravierend ändert, dann ist unser medizinische Versorgung gefährdet.“ Das Defizit an Ärzten werde immer größer, zumal jetzt die Baby-boomer in den Ruhestand gingen. Und da keiner mehr so lange in der Woche arbeiten wolle, verschärfe sich das Problem. „Die Gesundheitspolitik hat die Praxen im Stich gelassen.“

Langeweile wird nicht aufkommen

Langweilig wird Brunner im Ruhestand nicht werden: Wandern, Radfahren, Arbeit im Garten und im Haus in Winterlingen stehen an. „Und wenn es schlimm werden sollte, setze ich mich auf die Terrasse mit einem Kaffee oder einer Schorle weiß-sauer und warte, bis der Anfall weg ist.“ Fotos in Alben einkleben und sich mit Geschichte beschäftigen, Urlaub machen, Ideen hat der scheidende Arzt genug: „Ich werde in kein Loch fallen.“

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