Albstadt: Ralf Ledda: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun
Albstadt-Tafilingen. Den Standort ihrer Firma Alber GmbH in Tailfingen baut die "Invacare", Hersteller und Vertreiber von Reha-Hilfsmitteln für Mobilität, häusliche und institutionelle Pflege, derzeit aus. In Porta Westfalica hingegen wird zum 31. Dezember 2020 ein Werk mit 240 Mitarbeitern geschlossen, was dort auch öffentlich für Verärgerung sorgt.
Der Verfasser eines anonymen Schreibens, das sowohl den Schwarzwälder Boten als auch das dortige Mindener Tagblatt erreicht hat, vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Ausbau in Albstadt, wo derzeit ein neues Firmengebäude entsteht, und der geplanten Schließung im Porta-Stadtteil Vennebeck, zumal der Geschäftsführer beider Werke identisch ist: Hansjörg Reiner. Ralf Ledda, Europa-Vorstand der Invacare und vormals Geschäftsführer der Alber GmbH, widerspricht dieser Darstellung auf Nachfrage.
Als er vor drei Jahren die Verantwortung für Europa, den Nahen Osten und Afrika übernommen habe, habe er in Vennebeck bereits ein "komplett zerrüttetes Verhältnis" zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat vorgefunden, so Ledda. Beide hätten nur noch über Anwälte kommuniziert. Der Betriebsrat sei nicht bereit gewesen, über die Sommermonate, in denen die Zahl der Aufträge oft doppelt so hoch sei wie im Winter, Überstunden oder die Verpflichtung von Zeitarbeitskräften zu genehmigen.
Diese "fehlende Flexibilität" und eine deutlich höhere Krankheitsrate von Mitarbeitern als in anderen Werken – trotz vergleichbarer Bedingungen, etwa im Hinblick auf die Ausstattung der ergonomischen Arbeitsplätze – zählt Ledda zu den Gründen, warum der Standort Vennebeck deutlich ineffizienter sei als etwa Albstadt. Die Kosten lägen in Vennebeck bis zu 30 Prozent höher als in Albstadt, was dazu geführt habe, dass sich manche Produkte von dort nicht mehr verkaufen ließen. Auch der Vertrieb im Ausland hergestellter und in Vennebeck konfigurierter Produkte sei ineffizienter als anderswo.
In Albstadt hätten die Mitarbeiter Gleitzeitkonten von minus 40 bis plus 80 Arbeitsstunden, so dass hohe Auftragslagen besser abgefangen werden könnten, worüber mit dem Betriebsrat in Vennebeck nicht zu reden sei. Selbst der Versuch, Mediatoren einzusetzen, sei gescheitert: Der Betriebsrat akzeptiere nur einen Mediator der Industriegewerkschaft Metall, keinen der 14 Mediatoren verschiedener Institutionen, die Invacare vorgeschlagen habe, so Ledda.
Invacare hat dem Betriebsrat in Vennebeck inzwischen ein "Abfindungspaket" für die 240 Mitarbeiter vorgelegt, dessen Bedingungen "über normalen Abfindungen" lägen, das aber an die Lieferfähigkeit bis Ende 2020 gekoppelt sei, erklärt Ledda. Sollte es zu keiner Einigung kommen, sei eine Insolvenz des Standorts und – damit verbunden – eine geringere Abfindung die Alternative.
Mitarbeiter aus Vennebeck hätten die Möglichkeit, sich in Albstadt zu bewerben, so Ledda. Die dortigen Aufträge würden indes neu ausgeschrieben und dann an andere Standorte oder Dritte, aber eben nicht automatisch nach Albstadt, vergeben. Dass ein neu entwickelter Elektrorollstuhl ab Frühjahr 2020 in Albstadt gebaut werde, sei ebenfalls der Ergebnis einer internen Ausschreibung.
Der Neubau in Albstadt habe mit der geplanten Schließung in Vennebeck nichts zu tun, sagt Ledda. Ein wesentlicher Grund dafür sei, dass es teurer gewesen wäre, neue Brandschutzvorschriften am bisherigen Bau nachzurüsten, als neu zu bauen.
"Invacare" habe über Jahre Firmen gekauft, aber nicht wirklich integriert, räumt Ledda ein. Seit er in der Verantwortung stehe, habe er zwei Firmenstandorte mit insgesamt rund 200 Mitarbeitern schließen müssen, alle aber wieder in Arbeit gebracht. Das sei auch im Hinblick auf Vennebeck das Ziel, betont Ledda und kündigt an: "Darin werden wir viel investieren."