Dank einer Spenderlunge kann Klaus Lienert aus Appenweier heute wieder ein normales Leben führen. Warum es zu wenig Organspenden gibt und wie eine solche in Offenburg konkret abläuft, erklärt Transplantationsbeauftragter Bernhard Gorißen.
„Mein größtes Erlebnis war der erste Atemzug – nachdem es vorher so eine Qual war, wieder normal atmen zu können.“ Seit elf Jahren lebt Klaus Lienert mit einer Spenderlunge.
Dass der 71-Jährige aus Appenweier heute noch lebt, bezeichnet er als Wunder. „Begonnen hat es damit, dass ich schlecht Luft bekommen habe. Mein Zustand wurde immer schlechter, bis mir mein Arzt mitteilte, dass ich eine Lungenfibrose habe, die auf jeden Fall tödlich endet“, berichtet der ehemalige Schulleiter im Gespräch mit unserer Redaktion.
Für ihn gab es keine Heilungsaussichten – außer einer Transplantation. 2014 kam dann der unverhoffte Anruf: Es gab ein Organ für ihn. Nachdem Lienert irgendwann nur noch mit Sauerstoff leben konnte und Treppensteigen nahezu unmöglich war, geht er heute wieder seiner Leidenschaft, dem Mountainbikefahren, nach. 4000 bis 5000 Kilometer legt der 71-Jährige jedes Jahr zurück, berichtet er stolz. Bis auf die rund 20 täglichen Tabletten könne er ein normales Leben führen. „Schon drei Tage nach der OP war für mich alles wieder normal. Es ist für mich jeden Tag ein Wunder und ich schätze das Leben jetzt ganz anders“, so Klaus Lienert. Möglich gemacht hat das ein Mensch, der sich dazu entschied, unter anderem seine Lunge nach seinem Tod zur Verfügung zu stellen: ein Organspender.
Hirntod und Zustimmung sind die Voraussetzungen
Deutschlandweit warten tausende Menschen auf einen solchen Anruf, wie Lienert ihn 2014 erhielt. Es gibt deutlich mehr Plätze auf der Warteliste als verfügbare Spenderorgane. „Wir kommen bei dem Thema trotz allen Bemühungen nicht weiter“, betont Bernhard Gorißen, Chefarzt für Akut- und Notfallmedizin und Leiter des Netzwerks Ortenauer Notaufnahmen, im Gespräch mit unserer Redaktion in der zentralen Notaufnahme in Offenburg. Er ist einer von vier Transplantationsbeauftragten am Ortenau-Klinikum und dafür verantwortlich, die für eine Organspende in Frage kommenden Fälle zu identifizieren, die Angehörigen zu betreuen und den Ablauf einer Organspende zu unterstützen.
„Eine Organspende ist nur möglich bei einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall – wenn die Gehirnfunktion unwiederbringlich verloren ist, die Organe aber durch Geräte weiter in Funktion gehalten werden“, erklärt der Experte. Da es diese Bedingungen nur auf der Intensivstation gebe, sei auch nur dort eine Spende möglich. „Etwa 70 Prozent der Organspenden gehen auf Erkrankungen des Gehirns, 30 Prozent auf Unfälle zurück“, so Gorißen. Insgesamt sei der Hirntod jedoch ein sehr seltenes Phänomen, laut Chefarzt Gorißen sterben nur ein bis drei von tausend Patienten auf der Intensivstation am irreversiblen Hirnfunktionsausfall. Deshalb sei es auch so wichtig, besonders geschulte Transplantationsbeauftragte zu haben, die diese Fälle erkennen.
Neben der Feststellung des Todes ist die zweite Bedingung für eine Organspende die Zustimmung. In Deutschland gilt – anders als in den meisten europäischen Ländern, in denen aktiv widersprochen werden muss – die Entscheidungslösung. Organe und Gewebe dürfen nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, werden die Angehörigen gefragt. „Viele haben eine positive Haltung dazu, aber haben die nicht schriftlich festgehalten“, so Gorißen. Neben dem klassischen Organspendeausweis gibt es seit 2024 auch die Möglichkeit, sich online über das Organspende-Register einzutragen (siehe Info). „Da die Situation nahezu immer unvorhersehbar eintritt, muss jeder die Frage für sich in gesunden Zeiten entscheiden“, so Gorißen. In der Praxis laufe es meist darauf hinaus, dass die Angehörigen die Entscheidung treffen müssten. „Wir beteiligen die Angehörigen aber in jedem Fall“, betont der Chefarzt. Sein Appell: „Wenn man eine Haltung für sich entwickelt, ist es wichtig, diese den Angehörigen mitzuteilen. Im Fall der Fälle müssen sie entscheiden.“
Insgesamt drei Organspender gab es 2024 am Ortenau-Klinikum in Offenburg, drei weitere am Ortenau-Klinikum in Lahr. Auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen in Deutschland derzeit rund 8500 Menschen. „Im Schnitt gibt es in Offenburg zwei bis drei Spender pro Jahr“, berichtet Bernhard Gorißen. „Wir sind hier bei den Behandlungsmöglichkeiten nicht immer die letzte Instanz. Häufig werden Patienten in andere Kliniken verlegt, bevor der Fall eintritt, der zu einer Spende führen kann“, erklärt er die niedrige Zahl.
Kommt es in Offenburg zur Organspende, geht ein Prozess mit einer „irren Logistik“ los, so Gorißen. „Liegen Hirntod und Zustimmung vor, holen wir zuerst die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zur Unterstützung dazu“, erklärt der Arzt. Die Experten der Stiftung begleiten den Ablauf bei Organspenden nach dem Tod. „Von den Ärzten vor Ort werden alle nötigen Vor-Untersuchungen gemacht. Die Daten, also Blutwerte und Bildanalysen der Organe, werden verschickt und es erfolgt die Zuordnung. Nach den Kriterien Dringlichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Realisierbarkeit wird der Empfänger ausgewählt“, erklärt Gorißen. Dabei komme die europäische Vermittlungsstelle „Eurotransplant“ – die Stiftung vermittelt die Spenderorgane in einem Verbund aus acht europäischen Ländern – ins Spiel. Entnommen würden die Organe dann ebenfalls vor Ort, im OP-Saal in Offenburg, jedoch von Ärzten des Transplantationszentrums der Uni Freiburg und bei Herz und Lunge von den dafür eingeflogenen Chirurgen der Klinik, die den Empfänger behandeln. Der Ablauf sei hochprofessionell: „Die Ärzte telefonieren mit ihrer Heimatklinik und geben durch, dass sie das Organ jetzt sehen, es jetzt entnehmen“, berichtet er.
Experte spricht sich für Widerspruchslösung aus
Ist Gorißen selbst Organspender? „Ja“, antwortet er voller Überzeugung. „Meine Meinung zur Regelung habe ich mit der Zeit geändert: Früher fand ich es gut, dass sich Leute positiv dafür entscheiden. Aber wir kommen nicht weiter bei der Erkennung der zustimmenden Einstellung, Deutschland ist eines der Schlusslichter. Wir machen es so kompliziert und schwierig. Ich denke, wir würden es den betroffenen Familien leichter machen, hätten wir eine Widerspruchsslösung und würden dennoch die Patienten und Familien erkennen, die ein Organspende nicht wünschen und ablehnen“, ist der Experte überzeugt.
Die ersten Atemzüge jeden Morgen genießt Klaus Lienert besonders, erklärt er gegenüber der LZ. Dem 71-Jährigen ist es wichtig, viel über das Thema zu sprechen. Er hält Vorträge und arbeitet viel mit der DSO zusammen. Der Familie seines Spenders, die er nicht kennt, hat er einen Dankesbrief geschrieben: „Ich habe mich für die Bereitschaft bedankt. Es ist ein unglaubliches Geschenk, Nächstenliebe pur“, so Lienert.
LZ-Check: Über das neue Organspende-Register zum Organspender werden
Seit Einführung des Organspende-Registers im März 2024 kann jeder Entscheidungen für oder gegen eine Organspende online unter organspende-register.de festhalten. Ein Blick auf die Webseite zeigt rund 270 300 Eintragungen. Chefarzt Bernhard Gorißen erklärt: „In das Register haben sich bisher nur sehr wenig Leute eingetragen. Es ist ein Versuch, aber es ist schwierig.“ Die LZ hat den Test gemacht, wie kompliziert die Eintragung ist: Nötig für eine Erklärung per Smartphone sind ein Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion, die Krankenversichertennummer, eine E-Mail-Adresse sowie die installierte Ausweis-App. Ist die App installiert und die Onlinefunktion des Ausweises aktiviert, ist die Abgabe der Erklärung simpel und in rund zehn Minuten erledigt. Mit geöffneter Ausweis-App startet man den Prozess über einen Klick auf „Erklärung abgeben“ auf der Webseite des Registers. Die Identifikation startet automatisch, durch alle Schritte wird man durch einfache Erklärungen geleitet. Bei der Entscheidung kann der Organ- und Gewebespende uneingeschränkt zugestimmt oder es können Ausnahmen festgelegt werden. Auch kann die Entscheidung auf eine andere Person übertragen oder die Entnahme abgelehnt werden. Nach Prüfung der Daten erhält man eine Nummer per E-Mail, über die man die Erklärung jederzeit erneut einsehen, ändern oder löschen kann. Wer zudem (oder stattdessen) kostenlos einen Organspendeausweis als Plastikkarte bestellen möchte, kann dies in rund drei Minuten unter shop.bzga.de/organspendeausweis-als-plastikkarte/ tun.