49 Festnahmen in sechs Ländern und Beschlagnahmung von 30 Tonnen Kokain: Europol hat ein "Superkartell" zerschlagen – welches auch Verbindungen zu Boki pflegte.
Villingen-Schwenningen - Während der Rotlichtkönig von Villingen-Schwenningen – geschützt vor den Zugriff deutscher Behörden – am 14. November in Bosnien seinen Geburtstag feiert und in den sozialen Netzwerken Glückwünsche aus der ganzen Welt entgegen nimmt, läuft die geheime Operation "Wüstenlicht" in sechs verschiedenen Ländern.
Im Fokus der Sicherheits- und Ermittlungsbehörden: das "Superkartell" Tito und Dino, welches laut der EU-Polizeibehörde Europol für ein Drittel des Kokainhandels in Europa verantwortlich sein soll. Über Jahre hinweg seien große Mengen Kokain aus Südamerika nach Europa geschmuggelt worden.
Vom Rotterdamer Hafen nach ganz Europa
Erkenntnisse der US-Drogenbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) zufolge, die an der Operation ebenfalls beteiligt war, wurde dabei unter anderem der Seeweg zum Rotterdamer Hafen genutzt. Von hier aus sei das Rauschgift in ganz Europa verteilt worden.
Und in jene Geschäfte sollen auch die Gebrüder Culum, die Köpfe der mittlerweile in Deutschland verbotenen Rockergruppierung United Tribuns, verwickelt gewesen sein. Deutlich wurde das anhand von Recherchen des bosnischen Investigativjournalisten Avdo Avdic.
Culums reisen zum Kokain-Zentrum
Bereits im Dezember 2019 hatte der Schwarzwälder Bote über die Enthüllungen von Avdic berichtet. Dieser hatte dargelegt, dass an der Spitze des Kartells – laut DEA eine der 50 mächtigsten Kartelle der Welt – Edin G. sitzt. Der 40-Jährige stammt aus Bosnien-Herzegowina und hielt in der Vergangenheit die Verbindungen in seine Heimat aufrecht.
An dieser Stelle kommen auch die Brüder Armin alias Boki und Nermin ins Spiel. Denn G. organisierte im Jahr 2019, so hatte es Avdic herausgefunden, für bosnische Kriminelle eine Reise nach Südamerika – zum Beschaffungszentrum des Kokainhandels. Der bosnische Verbindungsmann des Kartellanführers sei dabei von den Culums begleitet worden.
Gefälschte Identitäten ebnen die Reise
Dies sei aber nur dank gefälschter Identitäten möglich gewesen. Schließlich tauchen die Culums auf internationalen Fahndungslisten auf – eine Reise über die Grenzen ihrer Heimat hinweg wäre so unmöglich gewesen. Offenbar mithilfe des zuständigen Innenministeriums der Republika Srpska, die Teilstaat von Bosnien und Herzegowina ist, hätten die Culums neue Pässe erhalten.
Der Einfluss der Kriminellen auf die bosnische Behörden machte sich hierbei bezahlt – so reisten die Tribuns-Anführer schließlich unter den Namen Denis und Damir G. (Name liegt der Redaktion vor) nach Südamerika. Vermutlich, um Verbindungen für eigene Drogengeschäfte aufzubauen.
Kartell-Boss in Dubai hochgenommen
Das war vor mehr drei Jahren. Bereits damals waren internationale Behörden unter Federführung der EU-Polizeibehörde dem Kartell auf der Spur. Immer wieder hatten sie tonnenweise Kokain beschlagnahmt und an der Zerschlagung des gesamten Netzwerks gearbeitet.
Zwischen dem 8. und 19. November holte man schließlich zum großen Schlag gegen Edin G. und seinem Kartell aus. 49 Tatverdächtige wurden in Spanien, Frankreich, Belgien, Niederlanden und in Dubai festgenommen. Die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten gilt als Rückzugsort für Drogenbosse. Und dort ist auch Edin G. den Behörden ins Netz gegangen. Dies bestätigen unter anderem niederländische und bosnische Medien.
Culums erleiden schwere Nackenschläge
Die Verbindung des Kartells zu den Culums scheint somit gekappt. Bleibt die Frage: Kann es Zufall sein, dass die Behörden Deutschlands und der Schweiz nur wenige Woche vor der Operation Wüstenlicht dem Imperium der Culums erhebliche Nackenschläge versetzt hatten?
Gleich drei Polizeiaktionen gegen den Präsident der United Tribuns und seinem Vize sorgten für großes Aufsehen. Nach 13 Jahren auf der Flucht war Mitte August Nermin Culum an der Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien festgenommen worden. Die Schweizer Behörden hatten kurz zuvor einen internationalen Haftbefehl gegen den 39-Jährigen ausgestellt und ahnten wohl, dass der Vize-Präsident der Tribuns europäischen Boden betreten wird. Bosnische Behörden hatten sich die Jahre zuvor geweigert, die Haftbefehle gegen ihn und Boki zu vollstrecken.
Razzia und Verbot innerhalb von zwei Tagen
Dann ging es Schlag auf Schlag: Mitte September machten die Fahnder in der Region fette Beute und beschlagnahmten große Mengen an Drogen sowie Waffen, Bargeld und ein hochwertiges Fahrzeug. Sieben Verdächtige sind festgenommen worden – offenbar aus dem Dunstkreis der United Tribuns und damit mit Verbindungen zu den Culums.
Dazu passt es auch, dass am darauffolgenden Morgen einen konzertierte Aktion gegen die rockerähnliche Gruppierung lief. Denn die SPD-Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte die United Tribuns verboten. Hintergrund waren Verstrickungen in die Organisierte Kriminalität – aufgrund von bandenmäßiger Zwangsprostitution und Handel mit Betäubungsmitteln. Fast 1500 Polizisten, darunter Spezialkräfte, durchsuchten mehr als 100 Objekte in der ganzen Republik und erwirkten damit die Auflösung der Gruppierung inklusive der 13 Chapter. Auch wurde das Vereinsvermögen beschlagnahmt.
Boki präsentiert sich weiter in den sozialen Medien
Und Boki? Der hatte sich nach den Polizeiaktionen zunächst auf seinen Social Media-Kanälen zurückgehalten – mittlerweile sendet er aber wieder Bilder in die Welt hinaus. Dort zeigt er sich jüngst von Sarajevo aus mit zwei Anhängern der United Tribuns und dem Erkennungscode TFFT (Tribuns forever, forever Tribuns). Das Signal aus der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina scheint klar: Uns gibt es noch.
(Schwabo plus)