In einem Transplantationszentrum wird eine von einem gesunden Spender entnommene Niere beim Empfänger transplantiert. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralb

Mit einer lächerlich erscheinenden Anzahl an Organspendern landet das Klinikum im Schwarzwald-Baar-Kreis bundesweit im Spitzenfeld. Ein Symptom – und ein Problem.

Wer sich umhört, gewinnt leicht den Eindruck, Organspender-Ausweise seien mittlerweile gang und gäbe. Und die Widerspruchsregelung, wonach jeder, der nicht widerspricht, automatisch als potenzieller Organspender gilt, sei gar nicht erst nötig.

 

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Mathias Reyher, der Oberarzt und Transplantationsbeauftragte am Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen erklärt im Gespräch, warum man dort besonders froh wäre, wenn die Widerspruchslösung auch in Deutschland eingeführt würde – und wie rar Spendewillige im Schwarzwald-Baar-Kreis wirklich sind.

Hier wird nicht transplantiert, das Krankenhaus in der Doppelstadt gilt als Spenderklinikum, in dem potenzielle Organspender erkannt werden sollen.

Wann ein Patient Organspender wird

Am häufigsten sind das Patienten mit primärer oder sekundärer Hirnschädigung, die nach der Einlieferung, im Schockraum und eventuell nach einer einer Operation auf die Intensivstation gelangt sind, wo man nach CT-Diagnostik und Verlauf eine sogenannte „infauste Prognose“ feststellt. Reyher fasst knapp zusammen, was das heißt: „Man kann für den Patienten nichts mehr tun.“ Der Hirntod droht.

Mathias Reyher ist nicht nur Oberarzt, sondern auch Transplantationsexperte am Schwarzwald-Baar-Klinikum. Foto: Carolin Jacklin Schwarzwald-Baar-Klinikum

Ist dieser nach einem klar von der Bundesärztekammer festgelegten Protokoll festgestellt, müssen weitere Voraussetzungen erfüllt sein, dass eine Spendemöglichkeit gegeben ist. Eine davon ist die Zustimmung, die vorliegen muss – seit 2020 gilt in Deutschland die erweiterte Entscheidungslösung. In Reyhers Augen ein fataler Weg. Seine Einstellung untermauert er mit eindrucksvollen Zahlen.

Eindrückliche Zahlen

Seit 2011 seien die Organspenderzahlen rückläufig, 2017 sei mit unter 800 Organspendern – bundesweit, wohlbemerkt – die Talsohle erreicht gewesen. Man reagierte, benannte Transplantationsbeauftragte wie ihn in Kliniken, die Personal schulen, Strukturen organisieren und für die Sache werben, die Deutsche Stiftung Organtransplantation wurde vermehrt aktiv.

Infomaterial satt gibt es im doppelstädtischen Klinikum. Foto: Schwarzwald-Baar-Klinikum

Erste Erfolge: Die Zahlen stiegen, aber das 83-Millionen-Einwohner-Land Deutschland liege immer noch unter tausend Organspendern. „Im Grunde haben wir nicht viel erreicht“, so Reyhers traurige Bilanz. Umfragen spiegeln ein anderes Bild. Angeblich seien 40 Prozent der Deutschen Inhaber eines Organspender-Ausweises. „Tatsächlich haben nicht mal ein Prozent der Patienten im Notfall einen solchen Ausweis dabei.“

Im Schwarzwald-Baar-Klinikum habe man in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, die Struktur optimiert, das Thema offensiv kommuniziert, Fortbildungen angeboten, sogar Info-Veranstaltungen angeboten und Reyher selbst geht einmal jährlich beispielsweise ans Villinger Gymnasium am Romäusring und hält in der Kursstufe einen Vortrag über Organspenden – eine Angebot, das auch für alle anderen Schulen in der Region gilt (Anfragen möglich per Mail an ains@sbk-vs.de). Und als einziges Krankenhaus in Deutschland hat man hier einen Gedenkstein für jene Patienten aufgestellt, die Organe gespendet und damit anderen Menschen ein neues Leben geschenkt haben.

Das ist bundesweit einmalig gewesen, als das Schwarzwald-Baar-Klinikum ihn errichtete: den Gedenkstein für die Organspender. Foto: Schwarzwald-Baar-Klinikum

Und regelmäßig flimmert über die Videoleinwand im Klinikum ein Hinweis zur Organspende.

So wenige Organspender gibt es hier

Trotzdem zeigt die Kurve mit der Zahl an Organspendern auch hier nicht nur steil nach oben, sie schwankt. Doch der Trend ist beachtlich: 2014 und 2015 gab es am doppelstädtischen Krankenhaus jeweils nur einen Organspender, 2024 mit neun den absoluten Rekord des Hauses in Villingen-Schwenningen – das am häufigsten verpflanzte Organ ist die Niere. Und angesichts der gerade einmal einstelligen Zahl nahezu unglaublich: „Damit gehören wir bundesweit zu den führenden Kliniken bei Organspendern“, so der Oberarzt. 2025 ist bislang ein ruhiges Jahr – lediglich eine Organspenderin gab es schon. Und der Fachmann glaubt zu wissen, was in den häufigsten Fällen das Problem ist: Unsicherheit bei den Hinterbliebenen, meist seien sie es, die ein Veto einlegten.

Warum dagegen meist selbst kein Organspende-Ausweis in der Tasche hilft, erläutert Reyher: Entscheide man als Mediziner hierzulande in solchen Fällen gegen den Willen der Angehörigen, sei das die denkbar schlechteste Werbung für die Sache an sich.

So gehen potenzielle Organspender richtig vor

Wille äußern
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? Nicht in diesem Fall. Das A und O sei es, so Transplantationsexperte Mathias Reyher, seine Wünsche offen bei der Familie und engen Freunden mitzuteilen – ganz egal, ob pro oder kontra Organspende.

Organspendeausweis im Geldbeutel aufbewahren
Wer einen Organspendeausweis hat und den Geldbeutel bei sich trägt, wenn er notfallmäßig im Klinikum landet, etwa nach einem schweren Unfall, der kann damit rechnen, dass dieser dort bemerkt wird. Eintrag ins Online-Organspende-Register
Super unbekannt, aber super effektiv: das Online-Register unter organspende-register.de. In dieses nehmen die Kliniken nämlich stets Einsicht. Aktuell aber sind es „marginal wenige“, die hier verzeichnet sind, kritisiert Mathias Reyer. Was dafür zu tun sei, klinge nur auf den ersten Fall aufwändig: Man braucht einen Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion oder einen Elektronischen Aufenthaltstitel oder die eID-Karte , seien Krankenversichertennummer und eine Mail-Adresse, ein Smartphone oder einen Computer mit Ausweis-App und muss mindestens 16 Jahre alt sein. Viele ältere Bürger, schätzt Reyher, schreckten vor diesen Anforderungen zurück.