120 Verletzte, 150 Millionen Euro Schaden: So schlimm wie 2006 in VS soll es nie wieder werden. Der Hagelflieger startet am 25. April in die neue Saison.
Noch ist sein Platz im Donaueschinger Hangar leer. Aktuell macht er einen kurzen Zwischenstopp in Stuttgart, davor stand er in Speyer – einer Außenstelle der Werft in Mannheim – und wartete auf die letzten Teile: der Hagelflieger der Hagelabwehr Südwest. Ehe er in die Lüfte steigt in der Mission, mit seinem Silberjodid Gewitterwolken abregnen statt hageln zu lassen, erfolgt Jahr für Jahr das gleiche Prozedere: Der Hagelflieger muss in die Wartung. Und das passiert „in Teilen“, wie Klaus Wössner vom in Villingen-Schwenningen ansässigen Verein Hagelabwehr Südwest erläubert. Für „diverse Teile“ würden unterschiedliche Fachbetriebe verlangt, bestätigt auch Berufspilot Markus Duwe im Gespräch. Deshalb werde der Hagelflieger alljährlich in viele Einzelteile zerlegt. Die Propeller beispielsweise seien in der Mannheimer Werft abgeschraubt und zur Wartung ins Ausland geschickt worden, „ich glaube, nach England“.
So teuer ist das
Ein teurer „Spaß“: Zwischen 20 000 und 30 000 Euro koste alleine die Überholung jedes Jahr – „wenn nichts Unvorhergesehenes ist“, fügt Duwe hinzu. Und werde beispielsweise wie alle zwölf Jahre oder nach entsprechender Flugleistung der Motor wieder einmal fällig, dann sei man auch schnell mal bei 100 000 Euro. „Das unterschätzen die Leute immer“, sagt Duwe schnaubend, während er noch wissen lässt, dass das Flugzeug nun wieder vollständig sei und dieser Tage zurück an seinem Einsatzort erwartet werde.
„Bis zum Saisonauftakt wird der Hagelflieger rechtzeitig in Donaueschingen sein“, versprechen auch der Vorsitzende der Hagelabwehr Südwest Peter Hellstern und Vorstandsmitglied Klaus Wössner.
Manche Saison beginnt früh
Der erste Einsatz der neuen Gewittersaison lässt womöglich auch gar nicht mehr lange auf sich warten – 2023 beispielsweise war ein erstes Eingreifen der Hagelflieger-Piloten bereits am 7. Mai notwendig geworden. 2025 hob die Maschine am ersten von 16 Einsatztagen mit teilweise gleich mehreren Einsatzgebieten gleichzeitig am 31. Mai ab. Wolterdingen, Oberbaldingen, Donaueschingen und Villingen waren damals ihre Ziele – was vorab am Bildschirm viel schlimmer aussah, entpuppte sich später glücklicherweise als recht harmlose Lage. Doch ein Blick in die Protokolle zeigt: Das ist nicht immer so. Manchmal ist von „schweren Turbulenzen“ und einem Zellkern, der „schwer anzufliegen“ ist, zu lesen, von „verclusterten Fronten“ oder „schlechter Sicht“.
Schreckliches Szenario
Dass furchtbare Zerstörungen wie im Juni 2006 seit Jahren ausbleiben, schreiben viele einem erfolgreichen Wirken der 2009 gegründeten Hagelabwehr Südwest und ihrer Piloten zu. Damals erlebte vor allem Schwenningen den reinsten Hagel-Horror mit 120 Verletzten und über 150 Millionen Euro Versicherungsschaden. Abgedeckte Dächer, durchlöcherte Fenster, zerbeulte Autos, geschockte Menschen – ein Szenario, das sich, so hoffen alle im Kampf gegen solche Gewitter Engagierten, sich nie mehr in diesem Ausmaß in der Region wiederholen möge.
Um möglichst zielgerichtet eingreifen zu können, wird die Hagelabwehr mit den Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes DWD gespeist – per Transponder kann die genaue Position des Flugzeugs verfolgt und mit den Wetterdaten verbunden werden – die Daten werden direkt ins Cockpit übertragen, um dem Piloten die größtmöglichen Informationen zu geben. Wetterentwicklung, Windrichtung, selbst die Zuggeschwindigkeit eines Gewitters wird ermittelt, damit Gewitterzellen möglichst optimal angeflogen werden können.
Und letztlich liefert die von der Hagelabwehr Südwest entwickelte Software Prowa auch das Material für die Einsatzdokumentation, die zeigt, wie eine Gewitterzelle nach einer Wolkenimpfung zerbröselt.
Alle erhalten Einblick
Die diesjährige Saison in der Hagelabwehr eröffnen die Hagelabwehr-Spezialisten am Samstag, 25. April, um 10 Uhr auf dem Flugplatz in Donaueschingen, wo das Flugzeug stationiert ist. Ab dann ist die Maschine, eine Patenavia, bereit, den Kampf gegen den Hagel 2026 wieder aufzunehmen. Interessierte dürfen den mittlerweile 17. Saisonauftakt vor Ort verfolgen, Fragen stellen und natürlich auch den Hagelflieger in Augenschein nehmen. Der sieht auf den ersten Blick aus wie ein gewöhnliches Kleinflugzeug. Doch die Besonderheiten erschließen sich auf den zweiten Blick. Technische Anbauten unter den Tragflächen verraten: Dieses Flugzeug ist etwas Besonderes.
Beiträge und Spenden
Darauf hinzuweisen werden die engagierten Mitglieder nicht müde. Firmen und Gemeinden in den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Tuttlingen gehören neben Privatpersonen dazu. Immer wieder werben sie für ihre Mission, die aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert wird zum Gemeinwohl aller – dass die Mitgliederzahl zuletzt sank, macht das Unterfangen nicht unbedingt einfacher, an das nötige Kleingeld zu kommen, um die Region weiterhin vor großen Hagelschäden schützen zu können.
Auf dem Laufenden sein
Mitbekommen, wenn er abhebt
Immer, wenn ab dem Frühjahr in den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Tuttlingen Unwetter mit Hagel drohen und der Hagelflieger deshalb aufsteigt, informieren der Schwarzwälder Bote und die Neckarquelle in Kooperation mit der Hagelabwehr Südwest über den „Hagelflieger-Push“. Dieser kann über den Browser abonniert werden – darüber hinaus gibt es Benachrichtigungen im WhatsApp-Channel „Schwabo Donnerwetter“.
Infos
Ein Vortrag unter dem Titel „Hagelabwehr: Mythos oder wirksamer Schutz für die Region?“ mit Klaus Wössner findet am Donnerstag, 7. Mai, 19 bis 20.30 Uhr, bei der Volkshochschule in Schwenningen, Metzgergasse 8, Raum 208, statt. Anmeldungen sind möglich unter https://vhs.villingen-schwenningen.de. Desweiteren präsentiert sich die Hagelabwehr Südwest auch auf der Südwestmesse am Stand des Schwarzwald-Baar-Kreises beim Thementag „Katastrophenschutz“ am Sonntag, 31. Mai.