Die Angreifer in Lahr empfanden Israel-Flaggen offenbar als Provokation. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Rund 15 Menschen gedenken in Lahr der Opfer der Pogromnacht 1938. Dann stiehlt ein Jugendlicher eine israelische Fahne – und will sie anzünden.

Zwei Tage nach dem Angriff mehrerer junger Männer auf eine Gedenkveranstaltung in Lahr zur Reichspogromnacht haben sich die bedrohten Teilnehmer allmählich wieder von ihrem Schock erholt. „Wir halten die Füße nicht still“, sagte Doris Erb vom Arbeitskreis Israel der Evangelischen Allianz, einem Netzwerk evangelikaler Christen. Die Situation habe sehr bedrohlich gewirkt. „Das war nicht schön.“ Aber jetzt werde man erst recht nicht nachgeben, sagte die 72-Jährige unserer Zeitung.

 

Rund 15 Teilnehmer hatten sich am Sonntag an einem Gedenkstein versammelt, der an die Deportation der Lahrer Juden ins NS-Konzentrationslager Gurs erinnert. Nach dem Verlesen der Namen der Deportierten sollte eigentlich eine Gedenkminute folgen.

Stattdessen wurden die Teilnehmer von einer Gruppe junger Männer übel beschimpft. Offenbar fühlten sich die Angreifer vor allem von Israel-Flaggen provoziert, die Teilnehmer der Versammlung bei sich trugen. Ein 17-jähriger Mann habe eine der Flaggen entwendet und versucht, sie anzuzünden, heißt es im Bericht der Offenburger Polizei.

„Wir fühlten uns wirklich sehr bedroht“

Schon zuvor sei ein Auto vorbei gefahren, aus dem jemand etwas herausgerufen habe, sagte Erb. Offenbar waren die Angreifer zufällig auf die Versammlung aufmerksam geworden, organisierten sich dann aber schnell, vermutlich per Telefon. Immer mehr kamen dazu. „Einer hat sogar zu Hause eine Palästina-Flagge geholt“, sagte Erb.

Ein von Schülern geschaffener Gedenkstein erinnert an die Opfer des Holocausts in Lahr. Foto: Stadt Lahr

Schließlich seien 15 bis 20 junge Männer um sie herumgestanden und immer näher gekommen. „Es war sehr massiv. Da war dieser Hass, der sich in den Augen spiegelt.“ Sie habe deshalb den Notruf gewählt. Doch die Polizei sie nicht so schnell da gewesen, wie erhofft. „Wir fühlten uns wirklich sehr bedroht. Wir haben dann angefangen zu singen, jüdische und christliche Lieder. Das hat uns gut getan“, sagte Erb.

Die Polizei konnte zwei Angreifer vorläufig festnehmen; den 17-Jährigen und einen Mann im Alter von 32 Jahren, der die Teilnehmer der Gedenkstunde beleidigt haben soll. Beide stammen aus dem arabischen Raum, der eine sei Syrer, der andere staatenlos, sagte ein Sprecher der Polizei. Bisher seien beide durch wenige kleinere Straftaten bei der Polizei bekannt gewesen, politisch aber eher nicht Erscheinung getreten. Nach einem dritten Täter werde noch gefahndet.

Blume sieht Täter-Opfer-Umkehr

Seit dem Terrormassaker der Hamas am 7. Oktober 2023 beobachte er eine Eskalation des israelbezogenen Antisemitismus auch in Baden-Württemberg, sagte der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, unserer Zeitung. „Während sich demokratisch orientierte Menschen mit der israelischen Fahne für das Existenzrecht Israels und gegen jeden Terror und Antisemitismus positionieren, wünschen sich Antisemiten weiterhin die Zerstörung der verbündeten Republik und relativieren die katastrophale humanitäre und auch militärische Niederlage der Hamas.“ Dabei komme es häufig zu einer Täter-Opfer-Umkehr, „als habe die israelische Armee zuerst Gaza angegriffen“.

Auch der Lahrer Oberbürgermeister Markus Ibert (parteilos) zeigte sich in einer am Montag veröffentlichten Erklärung „tief erschüttert“. Wer eine Israel-Flagge verbrenne, greife nicht nur ein Staatssymbol an, sondern in diesem Fall auch ein Symbol des Judentums. Dies sei auch ein Angriff auf das „friedliche Zusammenleben in unserer Stadt“ und habe nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun.

Für Doris Erb war der Angriff allerdings keine neue Erfahrung. Schon bei früheren Veranstaltungen wie Infoständen sei es zu Beleidigungen gekommen. „Wir werden mit dem OB ins Gespräch gehen.“ Dabei müsse es auch darum gehen, was für die Sicherheit getan werden könne.