Noch im Sommer dieses Jahres waren Kosten in Höhe von rund 164 Millionen Euro für die Hesse-Bahn im Gespräch gewesen. Nun stehen 207 Millionen auf dem Plan. Das hat einen Grund. Oder besser gesagt: gleich mehrere Gründe. Einer davon: Seit Herbst liegen offenbar wirklich alle Zahlen auf dem Tisch.
Die Bilder, die Kai Kübler, Mitarbeiter des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn, in der jüngsten Sitzung des Verbandes zeigte, waren in ihrer Abfolge durchaus beeindruckend. Gleise, Bahnübergänge, riesige Maschinen aus der Vogelperspektive.
Es ist offenkundig: In Sachen Hermann-Hesse-Bahn hat sich in diesem Jahr vieles getan. Und das nicht nur in baulicher Hinsicht.
Im Juli war bekannt geworden, dass für das Projekt, inklusive Bau- und Planungskosten, rund 164 Millionen Euro unterm Strich stehen sollen. Noch im Mai war von 121 Millionen Euro die Rede gewesen.
Damals hieß es, es habe sich um „längst bekannte“, allerdings „bisher nicht im Wirtschaftsplan abgebildete Kostensteigerungen“ gehandelt. Der Plan sei seit Jahren aufgrund „interner Versäumnisse“ falsch aufgestellt und unvollständig gewesen. Die Kostensteigerungen selbst hatte Landrat Helmut Riegger aber als nachvollziehbar bezeichnet. Eine genaue Aufarbeitung wurde angekündigt – und, so erklärte Riegger in der jüngsten Sitzung, auch umgesetzt.
Die Zahlen, die im Sommer auf dem Tisch gelegen hatten, das zeigte sich inzwischen, waren aber noch nicht vollständig gewesen – einerseits, weil noch nicht alles einkalkuliert worden war, andererseits, weil sich seit dem Sommer während des laufenden Baus noch Veränderungen ergeben hatten. Doch dazu später mehr.
Aktuell stehen Kostenerhöhungen von gut 86 Millionen Euro auf dem Plan. Im Juli waren an selber Stelle noch Steigerungen von etwa 42,4 Millionen Euro zu finden gewesen.
Puffer-Betrag von 20 Prozent
Die reinen Baukosten werden inzwischen auf rund 170 Millionen kalkuliert – einschließlich eines Puffer-Betrags von 20 Prozent, der vielleicht gar nicht gebraucht wird. Für das Gesamtprojekt sind nun circa 207 Millionen Euro eingeplant.
Allerdings, so heißt es auf Anfrage unserer Redaktion aus dem Landratsamt, seien dabei nun wirklich alle Maßnahmen und Kosten bis zur Fertigstellung hochgerechnet.
Wer sich die Zahlen genau ansieht, erkennt schnell, wo ein Großteil der mutmaßlichen Mehrkosten eingeplant sind.
Einerseits bei den landläufig „Tunnel-im-Tunnel“ genannten Trennwandkonstruktionen, die in die Tunnel bei Hirsau und Althengstett aus Gründen des Fledermausschutzes eingebaut werden müssen. Hier sind inzwischen rund neun Millionen Euro mehr vorgesehen als noch im Sommer.
Das Angebot des Unternehmens, das wurde im November bekannt, war zwischenzeitlich um mehr als fünf Millionen Euro geklettert. Hinzu gekommen seien „auch das Holzprovisorium und Brandschutzthemen“, erklärt Mara Müssle, Pressesprecherin im Landratsamt Calw.
28 Millionen Euro zusätzlich
Der Löwenanteil der erneuten Kostensteigerung entfällt jedoch auf den Posten „Bahnstrecke im Bau“: ganze 28 Millionen Euro zusätzlich. Manches davon habe laut Müssle im Juli schlicht noch nicht beziffert werden können, manches sei aufgrund von Änderungen zusätzlich hinzugekommen.
Geradezu wöchentlich würden Nachrichten eintreffen, dass irgendetwas nicht funktioniere, berichtete Riegger. Beispielsweise ein bestelltes Stellwerk, das plötzlich erst im September 2026 kommen sollte. Es habe viel Zeit, Arbeit und Nerven gekostet, stattdessen den Termin November 2025 zugesagt zu bekommen.
Woran es liegt, „dass dauernd jemand anruft und sagt, ‚Wir können das nicht liefern‘“? Das kann sich auch der Landrat nicht erklären. „Ich kann nur jedem raten, ein Schienenbauunternehmen zu gründen – da rennt Ihnen jeder hinterher“, meinte Riegger mit Galgenhumor.
Frank von Meißner, der neue Verbandsgeschäftsführer, der zum 1. Januar offiziell seine Stelle antreten wird, erklärte eines der Probleme: dass es sich oft um Pionierarbeit handle, individuell gefertigte Bauteile.
Die Strecke der Hesse-Bahn sei zudem die „einer echten Gebirgsbahn“. Während des laufenden Baus stellten sich ständig neue Herausforderungen, die sich dann wiederum auf die Kosten auswirkten.
Bundesweit entstehen nur 71 Kilometer Gleisstrecke – in einem Jahr
In den vergangenen Jahren sei darüber hinaus extrem wenig in Sachen Schiene gebaut worden. Im kommenden Jahr, so setzte Riegger hinzu, würden bundesweit voraussichtlich gerade einmal 71 Kilometer Gleisstrecke entstehen. Die Hesse-Bahn hat eine Länge von 19 Kilometern. „Wir sind also Schienen-Champion in Deutschland“, so der Landrat.
Infolge dieser Entwicklung gebe es entsprechend wenige Bahnbauunternehmen. Und damit, laut Riegger, das Problem eines in diesem Bereich vorherrschenden Oligopols – einer Marktform, in der wenige Anbieter auf eine hohe Nachfrage treffen.
„Die Kapazitäten sind sehr überschaubar“, brachte es von Meißner auf den Punkt. Dieses Prinzip von Angebot und Nachfrage sorge dafür, „dass die Preise nur eine Richtung kennen“ – und zwar nach oben. Andere Projekte hätten entsprechend ähnliche Probleme.
Eines davon konnte der neue Verbandsgeschäftsführer aus eigener Erfahrung nennen: der Bau einer etwa vier Kilometer langen Gleisverbindung von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen auf den Fildern.
Die eingeplanten Gesamtkosten für dieses Vorhaben bezifferte der SWR in einem Bericht vor gut einem Jahr auf rund 210 Millionen Euro.