Unternehmer und Firmenpatriarch Jörg Gühring ist kurz nach seinem 86. Geburtstag gestorben.  Foto: Gühring

Seniorchef von gleichnamigem Industrieunternehmen. Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Vor einer Woche war er 86 geworden, ein Alter, in dem andere die meiste Zeit des Tages im Ohrensessel verbringen. Nicht so Jörg Gühring - er stand, trotz schwerer Krankheit, noch mit Mitte 80 seinen Mann im Geschäftsleben. Am Dienstag ist der Ebinger Industrielle gestorben.

Albstadt-Ebingen - Jörg Gühring wurde am 20. Januar 1935 in der Ebinger Oststadt geboren – in einem Haus gleich neben dem Stammsitz seines Unternehmens. Nach der Schulzeit erlernte er zuerst einmal in der Maschinenfabrik Weingarten das Handwerk des Maschinenschlossers; erst nach Abschluss der Lehre ging er nach München, um dort Betriebswirtschaft zu studieren und zu promovieren.

1964 trat er ins Familienunternehmen ein, das sein Großvater Gottlieb Gühring 1898 gegründet hatte. Am Aufstieg von Gühring zum "Global Player" war er federführend beteiligt: 1973 wurde die erste Auslandsgesellschaft in Großbritannien gegründet, 1978 eine Ländergesellschaft in den USA – spätestens zu diesem Zeitpunkt war Gühring auch mit seinen Serviceleistungen weltweit präsent. 1981 entwickelte das Unternehmen den ersten TiN-beschichteten Spiralbohrer, eine Pionierleistung auf dem Gebiet der Zerspanungstechnologie, die es der Kundschaft ermöglichte, die Standzeiten drastisch zu erhöhen und die Fertigungskosten ebenso nachhaltig zu verringern.

Träger des Bundesverdienstkreuzes

Bis Mitte der 1980er-Jahre war Jörg Gühring kaufmännischer Geschäftsführer des Familienunternehmens; dann schieden sein Bruder und sein Cousin Konrad – der bis 1994 die Firma Gühring Automation in Frohnstetten führte – aus der Geschäftsführung aus, und Jörg Gühring wurde Alleininhaber. Er investierte unter anderem in den Standort Berlin und blieb ihm auch treu, als sich nach der Wiedervereinigung die Rahmenbedingungen dieses Engagements änderten und die staatliche Berlinförderung wegfiel. Dieses Festhalten an der hauptstädtischen Produktion wurde 2006 mit der Verleihung des Berliner Verdienstordens honoriert; außerdem war Jörg Gühring Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Als Gühring vor 57 Jahren in das Familienunternehmen eintrat, war es relativ klein. Heute beschäftigt er rund 8000 Mitarbeiter an über 70 Produktionsstandorten in 48 Ländern, unter anderem in Berlin, Eisenach, Chemnitz, Nürnberg, Kulmbach, in den USA, in China und in Japan. Im Stammland des Unternehmens, auf der Südwestalb, setzt Gühring über 1900 Mitarbeiter in Lohn und Brot, darunter in Laiz, in Ebingen und in Onstmettingen, wo man sich ihm zu besonderem Dank verpflichtet weiß: Als Dionys Hofmann 2008 seinen Stammsitz Albstadt aufgab, die Produktion nach Veitshöchheim verlegte und den schwäbischen Mitarbeitern nur die Option ließ, ebenfalls nach Unterfranken umzuziehen, da war es Gühring, der sowohl die Immobilien als auch die Belegschaft übernahm – ein Bekenntnis zum Standort, das umso willkommener war, weil es Hilfe aus großer und unverschuldeter Not bedeutete.

Dreifacher Vater

Wer für ein solches Firmenkonglomerat Verantwortung trägt, dem bleibt naturgemäß wenig Freizeit – in jüngeren Jahren verbrachte Jörg Gühring sie mit Vorliebe auf dem Tennis- oder Golfplatz; später ließ seine angegriffene Gesundheit das nicht mehr zu. Er war dreifacher Vater; der Sohn und die beiden Töchter stammen aus der ersten und zweiten Ehe; in dritter war er über drei Jahrzehnte mit der aus dem Fernsehen bekannten Ärztin Antje-Katrin Kühnemann verheiratet. Den Medienrummel und die unverhoffte Publizität, die ihm diese Ehe einbrachte, hat er, unprätentiös und uneitel, wie er war, weder gebraucht noch gewünscht, aber dennoch mit der ihm eigenen Gelassenheit und Souveränität hingenommen.

Bis ins hohe Alter ist Gühring außerdem viel gereist, hat seine Firmenstandorte in aller Welt besucht und war steter Motor, was die Internationalisierung des Unternehmens und die Perfektionierung seiner Produkte und Prozesse betraf.

Wo seine Heimat war, hat Jörg Gühring dabei nie vergessen – und erst recht nicht seine Mitarbeiter. Bei Jubilarehrungen waren er und seine Frau immer gerne dabei, und so ist die Trauer um den Seniorchef groß im Unternehmen, das Jörg Gühring mit strategischem Weitblick, beispielloser Leidenschaft und hohem Verantwortungsbewusstsein für seine Mitarbeiter geführt hat. "Wir bewundern die unternehmerische Leistung, die uns gleichermaßen Vorbild und Verpflichtung ist", so die Geschäftsführer Oliver Gühring, Dietmar Pfränger und Bernd Schatz. "Wir empfinden tiefe Trauer, – aber auch große Dankbarkeit. Wir werden ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren und sein Lebenswerk in seinem Sinne weiterführen."

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