Valerie Riedesel hat in Kippenheim vorgelesen. Foto: Schillinger-Teschner

Die Autorin Valerie Riedesel gab bei einer Lesung in der ehemaligen Synagoge in Kippenheim Einblicke in das Leben ihres Großvaters, des Widerstandskämpfers Cäsar von Hofacker.

Valerie Riedesel ist Historikerin, Journalistin und Enkelin des Widerstandskämpfers Cäsar von Hofacker. Drei Attribute, die sie in besonderer Weise dazu prädestinieren, den Wandel ihres Großvaters vom Diktaturbefürworter und Hitler-Bewunderer zum Gegner des NS-Regimes und treibende Kraft am Umsturz von Paris zu beleuchten.

 

Nach ihrem Bestseller „Geisterkinder: Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft“, in welchem die Autorin das Leben ihrer Mutter und deren Geschwister nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler und der anschließenden Verhaftung des Großvaters beschreibt, widmet sich ihr zweites Buch „Der Flieger im Widerstand: Cäsar von Hofacker, das Stauffenberg-Attentat und der Umsturz in Paris“ ihrem Großvater.

Von Hofacker wurde am 11. März 1896 in Ludwigsburg geboren und am 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. In seinem Stammbaum finden sich weitere Widerstandskämpfer wie Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband und Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Mit 20 zum Flugzeugführer ausgebildet

Im ersten Weltkrieg wurde von Hofacker im Alter von 20 Jahren zum Flugzeugführer ausgebildet. Der junge Mann, der einen gewissen Nationalstolz entwickelt hatte, empfand die Bedingungen des Versailler Vertrages als Demütigung. In einem Brief äußert er sich dahingehend, das Ende der Weimarer Republik herbeizusehnen. Antisemitische und Antidemokratische Gedankenansätze finden den Weg in sein Gedankengut. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war das von Hofacker ersehnte Ende der Weimarer Republik besiegelt. Er hatte Hitlers Wahlkampf aktiv unterstützt, trat der NSDAP bei.

Bei Kriegsbeginn wurde von Hofacker zur Luftwaffe eingezogen, nahm am Polenfeldzug teil und wurde schließlich dem Verwaltungsstab des Militärbefehlshabers in Paris zugewiesen.

In Paris erschießen französische Widerständler deutsche Soldaten und Hitler fordert für jeden Getöteten die Erschießung von 100 Geiseln. Von Hofacker sei von diesen befohlenen Ermordungen entsetzt gewesen, erste widersprüchliche Gedanken machen sich im Fliegeroffizier breit und hätten dazu geführt, dass er Menschen half, sich der Erschießung zu entziehen. Er schrieb hierzu in einem Brief an seine Frau: „Größe zeige sich nicht in Größenwahnsinn, oder darin, zur Bestie zu werden.“ Ein grundlegendes Umdenken hätte bei dem ehemaligen Bewunderer Hitlers stattgefunden.

Die Pariser Widerstandsgruppe begann sich zu formieren, als von Hofacker aus Berlin die Nachricht brachte, dass sich dort unter Führung seines Vetters Claus von Stauffenberg eine Widerstandsgruppe gebildet habe. Von Hofacker, durch seine Position gut vernetzt, wird in diesem Rahmen als „der eigentliche Anführer der Widerstandsbewegung im Westen“ benannt.

Am 20. Juli 1944 wurde im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ ein Sprengstoffattentat auf Hitler verübt. Die „Operation Walküre“ scheiterte. In Paris gelang jedoch für wenige Stunden der Umsturz.

In einem Schauprozess zum Tode verurteilt

Letztlich wurde dieser bei Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler abgeurteilt.

Es sei überliefert, dass er den Schmähreden Freislers mit den Worten „schweigen Sie, heute ist es meine Verhandlung, doch in einem Jahr werden Sie hier stehen“ entgegen trat. „Le pilote“ (der Flieger) wie von Hofacker in Paris genannt wurde, wurde zum Tod durch Erhängen verurteilt. Riedesel zeichnete ein sehr subtiles Bild ihres Großvaters auf, ohne diesen zu glorifizieren. Der Weg vom Bewunderer zum Todfeind Hitlers wurde klar skizziert.

Die Autorin, die in der ehemaligen Synagoge zur Woche der Demokratie gelesen hatte, zog Parallelen zu den aktuellen Geschehnissen überall auf der Welt. „Was wir auch heute noch aus dem Blick auf das Leben meines Großvaters lernen können, ist, dass es nie zu spät ist. Wir müssen nur den Mut zur Umkehr finden.“ Die Geschichte zeige, dass es nicht nur Mitläufer gegeben hat. Neben militärischem sei auch der zivile Widerstand von Nöten um Autokraten und Diktatoren die Stirn zu bieten.

„Wir haben immer eine Wahl“ so das Schlusswort der Enkelin eines Helden, der nicht Widerständler der ersten Stunde war.

Weitere Lesung geplant

In der ehemaligen Synagoge in Kippenheim ist am 24. Juni eine Lesung mit dem israelische Autor und Filmemacher Ron Segal geplant. Der in Berlin lebende Schriftsteller wird aus seinem Roman „Jeder Tag wie heute“ lesen. Im Anschluss soll es Gelegenheit geben, zu diskutieren.