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Freudenstadt "Totenstille lag über der Stadt"

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Beim Einmarsch der französischen Truppen wurde mehr oder minder der gesamte Innenstadtbereich ein Raub der Flammen. Foto: Stadt Freudenstadt

Freudenstadt/Hallwangen - "Hier habe ich meine Freuden-Stadt vor mir", sagt Gerhard Wirth. Der langjährige Calwer Dekan im Ruhestand steht auf dem Balkon seines Hallwanger Hauses und blickt auf die Silhouette von Freudenstadt. In der Ferne zeichnet sich die Stadtkirche mit ihren beiden charakteristischen Türmen ab. "Da habe ich gestanden, als die ersten Geschosse eingeschlagen sind", erinnert sich Wirth. Mit dem heute 85-Jährigen geht es 70 Jahre in der Zeit zurück. Zurück in die Tage des 16. und 17. April 1945, als Freudenstadt in Flammen aufging.

Es ist früher Montagnachmittag, als Freudenstadt endgültig vom Krieg eingeholt wird. In den Wochen zuvor waren die Kampfhandlungen näher gerückt. Karlsruhe war gefallen, Pforzheim war bei einem Luftangriff der Alliierten faktisch völlig zerstört worden. Auch die alterwürdige Stadt Herzog Friedrichs sah sich in dieser Zeit wiederholt Bombenangriffen ausgesetzt. Und dennoch: "Dass es so zugeht, davon war jeder überrascht. Schließlich war Freudenstadt Lazarettstadt." Als Lazarettsperrbezirk hätte die Kurstadt gemäß der Genfer Konvention nicht angegriffen werden dürfen. Doch als solcher wurde die Stadt offiziell nie ausgewiesen. Das Naziregime versagte der Stadt diesen Schutzstatus, forderte stattdessen eine Verteidigung bis zur letzten Patrone. Eine folgenschwere Entscheidung.

Bei Gerhard Wirth haben sich die Ereignisse jener Tage tief ins Gedächtnis eingebrannt. "Eine Totenstille lag über der Stadt. Sie war unheimlich. Diese Stille war anders als sonst." Es ist die Stille vor dem Sturm. Der 15-jährige Gerhard Wirth steht zwischen Dekanat und Kirche, als die erste Brandgranate ins Kirchendach einschlägt. Mit einigen Freunden hatte er eigentlich den Kirchturm besteigen wollen. Jetzt geht es Schlag auf Schlag.

Im 30-Sekunden-Takt prasseln die Geschosse auf Stadt und Bevölkerung nieder. Sie bringen Tod, Leid und Zerstörung. Der junge Gerhard Wirth steht dabei, als sich Dekan Theodor Gerhardt über seine von einem Granatsplitter tödlich verwundete Frau beugt. Sieht in der halbstündigen Feuerpause am Abend verzweifelte Menschen durch die Straßen rennen. Beobachtet die vergeblichen Versuche, die Brände unter Kontrolle zu bringen. Blickt nur wenige Stunden, nachdem Freudenstadt unter Beschuss genommen wurde, auf die rauchenden Trümmer der Stadtkirche. Und schließlich, gegen 2 Uhr in der Nacht des 17. April auf sein brennendes Elternhaus. Im Hinterhof der Stall mit Wirths geliebten Hasen. "Ihre Haare standen vor Angst nach oben. Ich konnte sie freilich nicht mehr retten. Der Anblick ist mir geblieben."

Peinlich berührt ihn der "vor Angst schlotternde" Parteifunktionär, der wie Gerhard Wirths Familie im Keller der Gaststätte Burg in der Loßburger Straße Schutz sucht. In den frühen Morgenstunden steht auch das Gasthaus in Flammen. Die Familie schlägt sich zum Bunker im Steinbruch durch. Der Weg führt durch eine brennende Stadt, im Ohr die Schreie hunderter Schutzsuchender, vorbei an den Toten der Nacht. "Eine junge Frau war darunter." Ein Bild, das Wirth geblieben ist.

Auch Claire Fassbender-Luz erlebt die chaotischen Zustände der ersten Tage der französischen Besatzung hautnah mit. Hilflos muss Fassbender-Luz mitansehen, wie das familieneigene "Luz Posthotel" ein Raub der Flammen wird. "Das ganze Haus brannte. Der ganze Marktplatz brannte." Fassbender-Luz flieht mit Töchterchen Genia in Richtung Ringhof. "Der Brandrauch erstickte mir Atem und Sehkraft", erinnert sich die heute 98-Jährige.

Nein, sagt Gerhard Wirth, die Franzosen waren nicht nur Befreier. "Sie waren auch Eroberer", meint er mit Blick auf die Massenvergewaltigungen. Etwa 600 Freudenstädterinnen sind laut Renate Lutz-Lebsanft, damals Ärztin am Krankenhaus, Opfer sexueller Gewalt geworden. "Man darf Unrecht nicht mit Unrecht aufwiegen", sagt Wirth energisch. Nichtsdestotrotz ist es für Wirth auch eine Erleichterung, dass der "Spuk" des dritten Reichs endete.

Fünf Jahre nach dem Einmarsch der Franzosen in seiner Heimatstadt hat Gerhard Wirth, nun ein junger Theologiestudent auf dem Weg ins Elsass, ein prägendes Erlebnis: In Straßburg nimmt ihn ein jüdischer Weinhändler mit. "Als er erfuhr, dass ich Deutscher bin, wurde er ganz still. Dann zeigte er mir die Zeichen der Tortur aus den Konzentrationslagern – an seinen Händen und Füßen. Er erzählte mir, dass er der einzige Überlebende seiner Familie ist. Da bin ich ganz still geworden." Damals habe er sich geschämt, Deutscher zu sein, sagt Wirth. "Er muss das gespürt haben. Darum lud er mich am Ende der Fahrt in ein vornehmes elsässisches Restaurant ein." Am Ende einer opulenten Mahlzeit verabschiedete sich der Weinhändler mit den Worten: "Wir wollen nicht vergessen, nein, aber wir wollen anfangen, miteinander zu leben, junger Freund, miteinander im Frieden leben zu lernen."

Weitere Informationen:

Mit Hannelore Schölldorf und Heinz Schmid ist Gerhard Wirth einer von drei Zeitzeugen, die vom SWR zu den Geschehnissen in Freudenstadt befragt wurden. Der Beitrag wird in der heutigen "Landesschau" zwischen 18.45 und 19.30 Uhr gesendet.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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