Der Gerichtssaal in Konstanz ist gut gefüllt – fünf Angeklagte, von welchen einer gerade von Polizisten hereingeführt wird – werden beschuldigt, hinzu kommen zahlreiche Anwälte, Dolmetscher und das hohe Gericht. Foto: Cornelia Spitz

Mit Tarncodes, Schmugglerverstecken und Lastwagen voller „Olivenöl“ soll eine Bande im Schwarzwald-Baar-Kreis Drogen bewegt haben – bis ein Handy alles verriet.

Den Polizisten der „Ermittlungsgruppe Festung“ blieben nur drei Monate. Wenig Zeit, um gegen die mutmaßliche Drogenbande belastbare Erkenntnisse zu sammeln, die Männer dingfest zu machen und vor den Kadi zu zerren.

 

Der Drogenprozess um die fünf Männer, die Rauschgift in großem Stil per Lastwagen aus dem spanischen Granada nach Villingen-Schwenningen geschafft haben sollen, läuft seit einigen Verhandlungstagen. Stück für Stück fügten sich die Puzzleteile zu einem erschreckenden Bild zusammen: internationaler Drogendeal im großen Stil – mitten im Schwarzwald-Baar-Kreis. Doch ein Puzzleteil fehlte: Wie soll all das aufgeflogen sein? Jetzt, an Verhandlungstag vier, sprachen die ermittelnden Kriminalhauptkommissare.

Das Drehkreuz Frankfurt

„Es war sehr, sehr schwer“, gab einer unumwunden zu. Anfangs hätten die Ermittler nicht mehr gehabt, als einen Haufen Vermutungen. Dabei war der erste Dominostein, der ihr vermeintliches Drogenimperium einstürzen ließ, eine große Sache: Eine länderübergreifende, am „Drehkreuz Frankfurt“ operierende Organisation, die in der Lage war, große Mengen an Drogen nicht nur aus Spanien, sondern auch aus den Niederlanden und Belgien und sogar Australien nach Deutschland zu bringen, wurde zerschlagen. Und irgendwo sei im Zuge dessen und dank verdeckter Ermittlungen festgestellt worden: „Da gab es einen 33-jährigen Albaner, der gewerbsmäßig handelt“, berichtet der Polizist nun im Zeugenstand. Der damals 33-Jährige ist heute 34 und sitzt jetzt als einer der Angeklagten und mutmaßlicher Kopf des Drogenrings aus VS auf der Anklagebank. Ein unbeschriebenes Blatt ist er laut Aktenlage nicht: 2021 soll er in München wegen großer Mengen Marihuana inhaftiert worden sein.

Die Festnahmen in Frankfurt 2023 waren im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht unbemerkt geblieben. „Hast Du gehört? Festnahme in Frankfurt!“ – „Ja, wir treffen uns in Spielothek“, wird nun im Gerichtssaal zitiert. Ein Teil der mutmaßlichen Bande soll ein Seitenarm dieses Frankfurter Drehkreuzes gewesen und für den süddeutschen Raum zuständig gewesen sein. Nach der Zerschlagung dort, habe der Banden-Anführer gemeinsam mit anderen sein eigenes Netzwerk aufgebaut, hier um VS.

Neu nach Zerschlagung

Und noch etwas kristallisiert sich heraus: eine Art albanischer Clan. Familiäre Strukturen werden immer deutlicher – der vermeintliche Bandenchef und der angebliche Mittelsmann sollen nicht nur irgendwie, sondern ganz eng verwandt sein: Sie sind Brüder.

Immer wieder fällt auch der Name einer Frau, bei der das Bargeld gebunkert worden sein soll, damit der Chef es nicht habe zuhause aufbewahren müssen. Sie ist nicht irgendwer, sondern die Schwester der Beschuldigten, die in einem abgetrennten Verfahren aktuell ebenfalls verfolgt wird.

Und plötzlich taucht ein weiterer Akteur aus derselben Familie auf: ein Cousin der drei, der quasi die Urlaubsvertretung des Mittelsmanns als Fahrer übernommen haben soll.

Sie alle sollen sich mit den beiden mitangeklagten und angeblich hauptsächlich als Kuriere tätigen – einem 33-jährigen Bulgaren und einem 25-jährigen Albaner – sowie dem mutmaßlichen Lagerhalter zusammengeschlossen und die Sache neu aufgezogen haben.

Die Kripo an den Fersen

Dicht auf den Fersen waren ihnen die Ermittler der Kriminalpolizei in Villingen und Rottweil. Im Zeugenstand schildern zwei Ermittler nacheinander, wie die Männer etwa ein Jahr lang observiert wurden: „Es war für uns essenziell wichtig, wenn einer das Haus verlässt, mit welchem Fahrzeug er fährt.“ Sie berichten von abgehörten Telefonaten und Videoüberwachungen, von gefühlt unzähligen Wagen, teils Mietautos, die im Spiel gewesen und munter für die Coups getauscht worden sein sollen. Eines davon, ein unscheinbarer Citroën, habe unter der Rücksitzbank sogar ein professionelles Schmugglerversteck gehabt.

Von den Ermittlern an einem Wagen angebrachte Ortungstechnik sei in Italien „detektiert“, also abgerissen, worden. Um weitere Ortungsversuche zu verhindern, seien die Fahrzeuge beim Speditionsunternehmen in Villingen-Schwenningen, das sie als süddeutsches Drehkreuz genutzt haben sollen, schließlich professionell abgescannt worden. „Da hat man schon geschaut, mit was man fährt“, schlussfolgert ein Polizist, der dem vermeintlichen Rauschgiftring ein „in höchstem Maße konspiratives“ Vorgehen bescheinigte.

Irgendwann ein neuer „Modus Operandi“ – Einfuhrschmuggel nicht mehr mit Miet- und Privatautos, sondern mit Lastwagen aus dem Ausland. Die Ware als „Olivenöl“ deklariert. Gefälschte Lieferscheine, Empfänger, deren Namen und Adressen Fantasiegebilde gewesen seien. „Palettenweise“ Umzugskartons, die mit Hubwagen aus dem Lastwagen in den „Bunker“ des Lagerhalters geschafft worden seien.

Neben den Privathandys habe es „Arbeitshandys“ gegeben, derer die Polizisten lange Zeit nicht habhaft werden konnten. Und mit der Kundschaft habe man mit Spitznamen und Codes kommuniziert – an einer Stelle berichtet ein Kriminalhauptkommissar von einer Drogenbestellung, „wie damals – eine halbe Pizza ohne weiße Soße“. Den Ermittlern jedenfalls sei die Arbeit alles andere als leicht gemacht worden.

Der Glücksfall

Als Glücksfall habe sich eine Grenzkontrolle zwischen Deutschland und Österreich erwiesen, in die der 34-jährige mutmaßliche Anführer geraten sei: Hier sei es gelungen, an sein Arbeitshandy zu gelangen und nach dessen Auswertung viel gezielter weiter zu ermitteln, Muster zu erkennen. Im Mai 2025 sei man so weit gewesen: „Wenn jetzt eine Einfuhr bekannt wird, am nächsten Tag Durchsuchung“, schildert einer der Polizisten. Was dann geschah, ist bekannt: Razzia, Hausdurchsuchungen am 11. Juni in mehreren Objekten im Schwarzwald-Baar-Kreis, Handschellen, die klickten, Beschuldigte hinter Gittern – und selbst der Mittelsmann und Bruder des mutmaßlichen Bosses scheint so in die Enge getrieben geworden zu sein, dass er sich nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub gestellt habe.