Die Tage, welche die evangelische Kirchengemeinde Ebingen noch in ihrem Gemeindehaus Spitalhof verbringen wird, mögen gezählt sein – sein 50. Geburtstag will dennoch gefeiert sein: Am 19. Oktober 1974 wurde das markante Gebäude eingeweiht.
Der Weg dorthin war lang und steinig gewesen. Viele Jahre lang hatte das Neue Vereinshaus in der Kirchgrabenstraße als Gemeindehaus gedient, das allerdings nicht der Kirchengemeinde gehörte, die nur Mieterin war, sondern dem evangelischen Verein.
Der war um die Jahrhundertwende von Ebingens christlichen Unternehmern gegründet worden; sein Vereinshaus diente ursprünglich als Logis für Mädchen vom Heuberg, die unter der Woche in Ebingen arbeiteten. Dieser Zweck fiel mit besseren Busverbindungen fort, und so wurde das Neue Vereinshaus ein Gemeindehaus.
Die Kirchengemeinde scheut den Kauf
Ganz befriedigend war diese Lösung aber nicht. Das Neue Vereinshaus bot Platz für die Kirchenpflege und die Wohnungen einiger kirchlicher Mitarbeiter, doch es fehlten kleinere Räume für die Treffen der Gemeindekreise. Den Kauf und Umbau des Hauses scheute die evangelische Kirchengemeinde; zudem wollte der evangelische Verein gar nicht verkaufen. Der Grund war ein theologischer Richtungsstreit: Rudolf Bultmanns Theologie der Entmythologisierung war so gar nicht nach dem Geschmack des von Pietisten dominierten Vereins, er wollte sich das Vereinsheim als möglichen Rückzugsort für den Fall einer Abkehr von der Landeskirche erhalten. Was den Vorstand nicht davon abhielt, es wenig später an die Stadt Ebingen zu verkaufen – heute befindet sich dort das Kunstmuseum.
So oder so, die Kirchengemeinde musste sich anderweitig orientieren. Das Angebot, ein Grundstück in unmittelbarer Nähe der Martinskirche zu kaufen, schlugen die Gemeindeväter 1962 aus – zu klein und zu viel Verkehr. 1966 eröffnete sich eine weitere Option, nämlich der Kauf eines Grundstücks im Spitalhof, auf dem der abbruchreife Farrenstall stand. Diesmal passte alles; im Dezember wurde der Kaufvertrag unterzeichnet.
Die Plane verschwindet – und der Schock sitzt tief
Gut Ding braucht Weile. Es bedurfte mehrerer Jahre und zahlreicher Basare und Gemeindetage, um die erforderlichen Eigenmittel anzusammeln – und langwieriger Verhandlungen mit dem Baudezernat des Oberkirchenrats, dem das Bauprogramm zu opulent war und der zudem darauf bestand, neben einheimischen Architekten den auf Gemeindehäuser spezialisierten Stuttgarter Baumeister Arthur Mohl hinzuzuziehen.
Sein Büro erhielt im August 1969 den Auftrag; einige Monate später lagen Entwürfe und ein Finanzierungsplan vor. Erst jetzt konnten die Abrissbagger anrücken.
Bis zur Grundsteinlegung verging noch einige Zeit; sie fand am 14. Juli 1972 statt. Nun wuchs der Rohbau in die Höhe – jeden Morgen war fortan der stellvertretende Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderates vor Ort und kontrollierte die Baufortschritte. Am 18. Mai 1973 ging das Richtfest über die Bühne. Als Gerüst und die Plane verschwanden, erschraken viele doch angesichts des massiven Sichtbetonbaus – das Modell von Architekt Mohl war graziler gewesen.
Es vergingen weitere anderthalb Jahre, bis der Innenausbau des Gemeindehauses Spitalhof – der Gesamtkirchengemeinderat hatte dem Namen erst im zweiten Anlauf zugestimmt – vollendet war. Am 19. Oktober 1974 – auch er ein Samstag – um 19.30 Uhr nahm Stadtpfarrer Andreas Metzl vor der Tür den Schlüssel entgegen; drinnen folgte ein Festakt, den das Kammerorchester Witzenbacher musikalisch umrahmte – und eine Woche mit Vorträgen prominenter Redner.
Oberkirchenrat Theo Sorg war darunter, Rundfunkpfarrer Johannes Kuhn, Landesbischof i. R. Martin Haug – und Fernsehpfarrer Adolf Sommerauer, der „Seelsorger der Nation“.
Die Kosten: 2,43 Milionen Mark
In den folgenden Wochen nahmen die Gemeindekreise ihr neues Heim in Besitz – und es wurde gerechnet: Drei Wochen nach der Einweihung legte Kirchenpfleger Helmut Hummel eine Kostenaufstellung vor, unter der die Summe 2 431 200 D-Mark stand – die Gemeinde musste am Ende einen Kredit von 330 000 Mark aufnehmen.
Erst zehn Jahre und etliche Gemeindetage, Basare und Bücherflohmärkte später war die Schuld getilgt.