Die neue Leitende Ärztin der Diabetologie im Krankenhaus Schopfheim, Birgit Wirtz, neben dem Leitenden Arzt der Inneren Medizin, Andreas Meine, vor einem Teil ihres Teams. Foto: Gerald Nill

Die Diabetologie im Krankenhaus Schopfheim lebt. Birgit Wirtz führt als neue Leitende Ärztin das Schopfheimer Aushängeschild im Kreiskrankenhaus weiter.

Wirtz spricht vom „Schopfheimer Geist“ und bezieht das vor allem auf den Teamgeist der Abteilung, die der Volkskrankheit ihren Schrecken nehmen will.

 

Angeblich sind zehn Prozent der Bevölkerung von der „Zuckerkrankheit“ betroffen, von der es verschiedene Formen mit verschiedenen Behandlungsmethoden gibt. Weil die Fallzahlen so erschreckend hoch sind, gibt es die gute Nachricht, dass intensiv von der Pharma-Industrie geforscht wird und neue technische Helferlein das Leben mit der Stoffwechselkrankheit immer mehr erleichtern.

Diabetes-Typen

Die neue Chefärztin, die über die Stationen Mainz und Trier vor zwölf Jahren nach Schopfheim kam, informiert über die beiden verschiedenen wesentlichen Diabetes-Typen. Typ 1 sei eine Autoimmunerkrankung. Zum Beispiel nach einem langen Infekt können sich die körpereigenen Abwehrzellen gegen die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse richten und diese komplett zerstören. Insulin ist aber lebenswichtig und muss dann von den Patienten zu den Mahlzeiten gespritzt werden.

Große Fortschritte

„Die höchste Therapieform ist die Insulinpumpe“, führt die 49-jährige Medizinerin aus. Gerade hier habe es zuletzt große Fortschritte gegeben, die unter dem Begriff „mitdenkende Insulin-Pumpen“ laufen. Die Technik sei eine große Erleichterung für Patienten, die sich ja ständig fragen müssen: „Kann ich den Keks noch essen, oder muss ich Insulin spritzen?“

Erkrankte mit Diabetes-Ty p 1 müssen lernen zu berechnen, wie viele Kohlehydrate im Essen stecken. „Insulin ist der Schlüssel für alle unsere Zellen, dass die Energie dahin kommt, wo wir sie brauchen“, erklärt Birgit Wirtz. Bei Nichterkennung der Krankheit oder Fehlbehandlung droht bei diesen Patienten eine Übersäuerung des Körpers bis schlimmstenfalls zum Organversagen.

Gute Lebensqualität

Doch die neue Chefärztin will ihren Diabetes-Patienten diese Angst nehmen. „Je mehr man weiß, desto besser kommt man damit zurecht“, sagt Wirtz.

Trost eins: Man kann heute sehr alt werden mit Diabetes. Trost zwei: Die Lebensqualität bei einer gut eingestellten Diabetes sei sehr gut. Und Trost drei – vor allem für Kinder und Jugendliche: Die neuen intelligenten Insulinpumpen sind unauffällig, was eine Stigmatisierung vermeidet. Wirtz bezeichnet die medizinischen Entwicklungen als „große Freiheiten für die Patienten“.

Für die Zukunft seien weitere revolutionäre medizinische Hilfsmittel bis hin zur künstlichen Bauchspeicheldrüse zu erwarten. Gerade weil der Markt so groß sei, wird auf dem Gebiet Diabetes auch viel geforscht. Typ 2 sei eine Folge der Wohlstandsgesellschaft, führt Birgit Wirtz aus. Ein Überangebot an Nahrung in Kombination mit einem Mangel an Bewegung führt zu der Erkrankung, die früher „Altersdiabetes“ genannt wurde. Gemeint ist damit in der Regel eine Insulinunempfindlichkeit. Die Chefärztin ist weit entfernt davon, Schuldgefühle zu wecken. „Die Patienten sind selbst unglücklich mit ihrer Lage“, weiß sie und hat in dieser Woche auch den Bericht gelesen, dass die Deutschen zehn Stunden am Tag sitzen.

Hilfen für den Alltag

Mit Schulungen will sie mit ihrem Team an Diabetologen, Bewegungstherapeuten und Ernährungsberatern Hilfen für den Alltag geben. „Wir versuchen für jeden Patienten die passende Therapie zu finden“, verspricht Wirtz.

Lebensnah sollen die Angebote sein – vom Fitnessprogramm über den Ernährungskurs bis zum „Schlemmernachmittag“. Wie bitte? „Ja, einmal in der Woche geben wir die Möglichkeit zu erkennen, was macht der Blutzucker mit mir.“ Die Pharmaindustrie bietet sehr erfolgreich Abnehmspritzen und Sättigungshemmer auf dem Weg zur Gewichtsreduktion an.

Kinder von heute wachsen ungesünder auf. Statt Rennen und Toben wird mitunter nur noch der Finger am Smartphone bewegt. „Heute haben alle Kinder eine Bauchfalte“, beobachtet Wirtz. Kindergärten und Schulen leisteten deshalb eine ungemein wichtige Arbeit bei der Ernährungsberatung.

Denn wenn dem Trend nicht entgegen gewirkt wird, droht auf die Gesellschaft geradezu eine Diabetes-Schwemme zuzukommen. Die Chefärztin sieht die Abteilung gut aufgestellt.

Gegen Diabates-Schwemme

850 Patienten im Jahr erhalten medizinische Hilfe in der Diabetologie Schopfheim, die im nächsten Jahr ins neue Kreiskrankenhaus umziehen wird.

Dort werde dann eine noch bessere Zusammenarbeit mit den Ärzten anderer Disziplinen möglich sein, ist Wirtz zuversichtlich, dass noch mehr Erkrankungen erkannt werden. Wirtz weiß: „Jeder fünfte Patient im Krankenhaus hat Diabetes.“