Drei große Orgeln, die auf Luftkissen schweben können, gibt es auf der ganzen Welt. Und eine davon steht in der Klosterkirche Alpirsbach. Ihr Erbauer gewährt Einblicke in zwölf Jahre Planungs- und Konstruktionszeit voller Höhen und Tiefen.
Alpirsbach - Sie ist die einzige ihrer Art in Deutschland. Die Orgel in der Alpirsbacher Klosterkirche ist ein Unikat, konzipiert und gebaut von Orgelbauer Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach, mitgestaltet von Kettensägen-Künstler Armin Göhringer aus Zell am Harmersbach. 1996 bekam Winterhalter den Auftrag, 2008 wurde die Orgel eingeweiht. Das Ergebnis hat die Konstrukteure in der Orgelwelt unsterblich gemacht. Dabei wurde die Idee damals aus der Not geboren.
In der Klosterkirche gibt es keine klassische Orgelempore. Die Vorgängerinstrumente, so Winterhalter, standen auf der niedrigen Seitenempore, wo das feuchte Klima den Instrumenten schadete. Eine andere Lösung musste her. Die Denkmalschutzbehörde erlaubte nicht, dass ein festes Bauwerk eine der historischen Wände verdeckt. Bewegliche Gegenstände waren jedoch erlaubt. Und damit habe dann plötzlich die Idee mit der verfahrbaren Orgel im Raum gestanden.
"Räder waren nicht realisierbar", erinnert sich Winterhalter. "Die Last darauf wäre so groß gewesen, dass der Sandsteinboden gefährdet gewesen wäre." Bei Nürnberg habe es jedoch einen von nur etwa fünf Luftkissenherstellern in ganz Europa gegeben. Der beliefert hauptsächlich die Industrie. "Einmal hat er sogar einen Hochofen mit Luftkissen mobil gemacht, aber noch nie eine zwölf Meter hohe, 17 Tonnen schwere Orgel", sagt Winterhalter.
Gemeinsam erarbeiteten die Beteiligten eine Lösung, die am Ende so aussah: "Im Orgelsockel ist eine Stahlkonstruktion verbaut und darin sind die acht Luftkissen montiert", erklärt Winterhalter. "Die sind rund und etwa so groß wie eine Pizza. Da wo bei einer Pizza der Belag ist, befindet sich eine Art Gummimembran mit winzigen Löchern." Wenn die Luftkissen mit einem Druckluftkompressor aufgeblasen werden, hebe sich die Orgel ganz vom Boden. Sie schwebe also auf der ausströmenden Luft. "Da passt nur ein Blatt Papier darunter, aber das reicht. Es gibt keine Reibung mehr und damit könnten drei Leute diese 17 Tonnen verschieben." Es brauche dazu aber einen sehr ebenen Boden. Dazu wurde dieser im betreffenden Bereich neu verlegt. Und jedes Mal beim Verfahren muss eine Gummiplane ausgelegt werden. Aus versicherungstechnischen Gründen wird vor der Verfahrung am Boden eine Art Sicherheits-Schiene eingedockt, an der entlang das 17 Tonnen schwere Instrument "geführt" wird. "Die Orgel kann per Joystick mittels zweier Friktionsantriebe bewegt werden", sagt Winterhalter.
Zwei vierköpfige Gruppen in Alpirsbach seien geschult worden, die Orgel zu verfahren. Jeder habe seinen Handgriff. Einen eigenen Kompressor gebe es in Alpirsbach nicht, der müsse jedes Mal mit dem Lastwagen kommen.
Landesmusikrat macht aufmerksam
Bis die Orgel für ihre erste Fahrt bereit war, hatten der Orgelbauer und seine Mitarbeiter eine Odyssee hinter sich. "Es war ein langer Prozess", sagt Winterhalter. "Das sind wir Orgelbauer aber gewohnt. Wir mussten Unmengen von Zeichnungen machen, und die sind alle hochkomplex. Ein Architekt könnte mit unseren Zeichnungen wohl eine ganze Stadt bauen", scherzt er. "Die Orgel war ein Unikat, wir konnten ja auf nichts zurückgreifen."
Ein anderes Kapitel war der künstlerische Teil, der die Orgelskulptur zu dem machte, was sie ist. Armin Göhringer sei der erste gewesen, der sich getraut habe, aus einem fertigen Orgelgehäuse ein Drittel des Holzes wieder herauszusägen. Seiner künstlerischen Freiheit konnte er dabei nur bedingt freien Lauf lassen. Die schlitzartigen Öffnungen sind nämlich nicht nur Zierde, sondern auch Klangfilter.
Die Klangerzeugung an sich sei eines der zentralen Themen gewesen. Je nach Position klingt sie anders. "Wenn sie zum Beispiel frei steht, am weitesten weg von den Wänden, dann klingt sie wie ein alter Schnaps", vergleicht Winterhalter. "Sie wird feiner, runder und ein bisschen leiser."
Die Orgel, so schreiben die "Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg" per Mitteilung, sei das einzige Instrument, bei dem die akustischen Gegebenheiten vor Ort einen direkten Einfluss auf den Bau haben. Das ist einer der Gründe, weshalb die "Königin der Instrumente" von den Landesmusikräten zum Instrument des Jahres 2021 gekürt wurde. Sie vereine eine Reihe von Superlativen: Sie sei das größte, tiefste, höchste, leiseste und lauteste Instrument.
Seit 2008 gibt es jährlich ein "Instrument des Jahres", mit dieser Auszeichnung möchten die Landesmusikräte auf die Musik im Allgemeinen aufmerksam machen und ein Instrument mit der zugehörigen Literatur in den Fokus stellen. Der Orgelbau und die Orgelmusik in Deutschland seien 2017 als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der Unesco anerkannt worden.
Auf keine andere Kirche übertragbar
Die erste "Orgelfahrt" sei nervenaufreibend gewesen. "Wir hatten ein halbes Jahr lang ein Fernsehteam im Haus, das eine Reportage gedreht hat", erinnert sich der Orgelbauer. "Bei der Jungfernfahrt standen der Kameramann und ich in der Orgel", sagt er. Angespannt habe er darauf gewartet, dass es gleich holprig wird. "Und dann kam plötzlich eine Säule vorbei gefahren. Erst da haben wir gemerkt, dass wir uns schon bewegen. Das hat es so noch nie gegeben", schwärmt er noch immer voller Begeisterung.
"Ich war der Alleinverantwortliche. Danach wurde ich ein paar Mal gefragt, was ich gemacht hätte, wenn es schief gegangen wäre. Ich habe gesagt: ›Dann könntet ihr mich jetzt unter der Brücke besuchen. Aber bitte mit einem guten Wein‹", scherzt er.
Nach dieser erfolgreichen Premiere habe es noch einige Anfragen geben, weil andere Kirchen auch gerne eine fahrende Orgel gehabt hätten. Übertragen ließ sich das Konzept jedoch bisher auf keine andere Kirche. "Im Kölner Dom ist es daran gescheitert, dass der Boden zu wenig tragfähig war", nennt Winterhalter ein Beispiel. "Direkt darunter ist die Krypta und dass die Orgel dort hinein bricht, wollten wir nicht riskieren." Damit bleibt die Alpirsbacher Orgel deutschlandweit die einzige ihrer Art.
Carmen Jauch ist seit 2015 Kantorin in der Alpirsbacher Klosterkirche. Wir haben sie nach den Besonderheiten der Orgel gefragt.
Frau Jauch, wie viele Orgeln haben schon in der Alpirsbacher Klosterkirche gestanden?
Nach einem Artikel von Karl-Martin Hummel in "Heimat Alpirsbach" gab es mindestens fünf. Die erste im 16. Jahrhundert, die zweite im 17. und 18. Jahrhundert. Möglicherweise wurde diese Orgel um 1836 rund erneuert, sodass man von einer neuen Orgel sprach. 1912 wurde eine größere Orgel auf der seitlichen Empore gebaut. Sogar Albert Schweitzer spielte darauf 1928 ein Konzert. Nach dem Krieg gab es eine neue Walcker-Orgel, eingeweiht 1964, und in diesem Jahrtausend seit 2008 die jetzige Winterhalter-Orgel.
Was ist das Besondere an der Winterhalter-Orgel?
Diese Orgel wurde im Grunde als klingende Skulptur realisiert und sie ist verfahrbar.
Wie funktioniert das Verfahren der Orgel?
Mithilfe von Luftkissen. So können wir die 17 Tonnen schwere Orgel verschieben. Die Technik muss aber oft gewartet werden, was mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden ist.
Wie oft wird die Orgel verfahren?
Nicht besonders oft, drei bis vier Mal im Jahr, wegen des Aufwands. Aber es ist immer eine richtige Attraktion, zu der normalerweise viele interessierte Besucher kommen. Das ist wegen Corona gerade nicht möglich. Im Moment steht die Orgel seitlich in der Vierung.
Welche Positionen gibt es denn?
Es gibt drei. Einmal die jetzige, seitlich in der Vierung, dann gibt es noch eine schräge Position und eine in der Mitte der Vierung, vor dem Altar. Letztere wird immer bei den Konzerten und Matineen gewählt, wird aber bei den derzeitigen Veranstaltungen nicht gemacht, weil der Altar dann ja verdeckt wäre und der dadurch entstehende Konzertsaal-Eindruck bei musikalischen Gottesdiensten sehr unpassend wäre.
Gibt es Eigenheiten beim Spielen dieser Orgel?
Jede Orgel spielt sich anders. Oft hört der Organist den Klang viel lauter als die Besucher. Bei dieser Orgel ist es eher andersherum. Ich habe den Eindruck, dass sich der Klang durch die Höhe der Orgel über dem Spieler hinweg ausbreitet. Als würde man in einer Klangwolke sitzen. Sie ist gut intoniert und hat 31 schön klingende Register. Damit kann man Musik aus vielen Epochen interpretieren.
Sind 31 Register viel?
Nicht sehr. Es gibt auch Orgeln mit über 100 Registern. Aber die Qualität hängt nicht von der Zahl der Register ab. Eine kleinere Orgel kann einen besseren Klang haben als eine riesengroße.
Sind Aktionen in diesem Jahr der Orgel geplant?
Konzerte sind derzeit ja nicht erlaubt. Wir haben aber letztes Jahr das neue Format "Musik dient Gott" entwickelt. Mit dieser Reihe haben wir mit LichtKlangStein "Musik und Mystik" im Januar begonnen. In diesem Format spielt die Orgel eine wesentliche Rolle. Mit den musikalischen Gottesdiensten machen wir über das ganze Jahr weiter.
Wie ist das mit der Pandemie-Situation vereinbar?
Wir ernten schon Kritik, weil wir vor Ort etwas anbieten. Manche Leute finden, wir nutzen die Sonderstellung der Kirche aus. Aber ich sehe das anders. Es ist die Aufgabe der Kirche, das wegbrechende soziale Leben und die Kultur aufzufangen, so gut es geht. Darüber hinaus sollten die Kirchen meiner Meinung nach so viel wie möglich ihr geistliches Angebot in Form von Gottesdiensten oder anderen religiösen Angeboten aufrecht erhalten, um den Menschen mit spirituellen Impulsen Trost und Kraft in dieser schwierigen Zeit zu geben. Und das Angebot wird gewünscht. Wir müssen Anmeldelisten führen, weil wir immer mehr Interessierte haben, als wir in die Kirche hineinlassen dürfen. Selbstverständlich arbeiten wir mit Hygiene- und Abstandskonzept und mit einer sehr kleinen Gruppe von Mitgestaltern. Durch die Größe der Kirche haben wir diese Möglichkeit. Da wäre es doch schlecht, sie nicht zu nutzen.