Hans Pfarr ist im Alter von 87 Jahren am Freitag gestorben. Als ihr erster Oberbürgermeister hat er aus neun Stadtteilen eine Stadt gemacht und Meilensteine gesetzt, die ihn weit überleben werden. Beispiellos ist aber auch sein Einsatz gegen Kinderlähmung.
Das Jubiläum „50 Jahre Albstadt“ 2025 wird der erste Oberbürgermeister der Stadt nicht mehr mitfeiern. Im Alter von 87 Jahren ist Hans Pfarr am Freitag gestorben – und mit seinem Tod geht eine Ära zu Ende, die der gebürtige Stuttgarter nicht nur im Rathaus, sondern auf vielen Spielfeldern kraftvoll geprägt hat.
Zum Beispiel als Mitbegründer und Motor der Städtepartnerschaft mit Chambéry, deren 45-jähriges Bestehen er im April nicht mehr mitfeiern konnte. Als Student hatte Pfarr 1962 in Bonn erlebt, wie Charles de Gaulles ausrief „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“, hatte seinen Vater im Zweiten Weltkrieg verloren, war ausgebombt worden – und tat als OB alles, um den Austausch junger Albstädter und Franzosen zu fördern: in Schulen, Vereinen, in der Kultur.
Die ihm überhaupt sehr am Herzen lag: Im Gespann mit dessen Gründer und Dirigenten Dietmar Oberer hat Pfarr das Ebinger Kammerorchester als Vorsitzender gemanagt und wurde Ehrenvorsitzender, als er das Amt an Axel Pflanz übergab. Der Tailfinger war als sein persönlicher Referent, Haupt- und Personalamtsleiter, aber auch später wohl sein engster Weggefährte in den 50 Jahren, seit er sich als Oberbürgermeister der Stadt Albstadt beworben hatte. Als erster Justiziar der Staatlichen Hochbauverwaltung des Landes Baden-Württemberg kannte er manche der Stadtteile schon, die am 1. Januar 1975 zur Stadt Albstadt verschmelzen sollten. „Die Herausforderung, hier etwas aufzubauen, hat mich gereizt“, hat er später gesagt. „Und mir war schnell klar: Hier kann ich mit meiner Familie gut Wurzeln schlagen, in diesem Menschenschlag finde ich mich selbst immer wieder.“
Seine Familie, das sind die Töchter Susanne und Ulrike – und seine Frau Hedda, ohne die Hans Pfarr nicht so erfolgreich gewesen wäre, wie er einmal betont hat: Sie war ihm beste Freundin, Ratgeberin, Familienmanagerin und strahlende Begleiterin bei den vielen Repräsentationsterminen.
Sie war auch seine Stütze an den schweren Tagen wie dem 3. September 1978, als um 6.08 Uhr die Bücher von den Borden in seinem Haus flogen und Albstadt das bis heute schwerste Erdbeben im Nachkriegsdeutschland erlebte. Nun waren die vielen Kontakte, die der begabte Netzwerker als Stuttgarter Regierungsdirektor, Vorsitzender im Meisterprüfungsausschuss der Stuckateure – das Amt übte er von 1968 bis 2009 aus – sowie als Mitglied des Rotary-Clubs geknüpft hatte, Gold wert.
„Hier Späth! Wie viel?“ waren die ersten Worte des frisch gewählten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, als er Pfarr anrief und dieser antwortete: „100 Millionen!“ Am Ende waren es 120. Zwischen Katastrophenstab und Hilfe vor Ort, immer mit einer Gänsehaut, wenn ein Nachbeben kam, war Pfarr über sich hinausgewachsen.
Doch nicht nur nach dem Beben hat Pfarr Albstadt maßgeblich aufgebaut: In seine Ära als Stadtoberhaupt fallen die Gründung der Städtischen Galerie – heute Kunstmuseum Albstadt – auf Basis der Kunstsammlung seines Freundes Walther Groz, der Ausbau des Stauffenberg-Schlosses, des Kräuterkastens und der Akademie des Handwerks, wobei Pfarr Stuckateur-Prüflinge einsetzte und der Stadt so viel Geld sparte, der Bau des Badkap, des Ebinger Bildungszentrums mit Stadtbücherei, Volkshochschule und Stadtarchiv sowie der Bau der damaligen Fachhochschule, die heute als Hochschule Albstadt-Sigmaringen zu den besten bundesweit gehört – dass sie nicht „Sigmaringen-Albstadt“ hieß, war Hans Pfarr und Landrat Heinrich Haasis zu verdanken.
Den Widerstand mancher Stadtteil-Patrioten gegen die Stadtgründung brach Hans Pfarr unter anderem durch – heute legendäre – Stadtfeste: Schon beim ersten im August 1975 waren 60 000 Feiernde dabei, beim zweiten 1977 in Tailfingen gar 100 000.
Mit der Ausstellung „Menschen, Maschen und Maschinen“ im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg 1987 war der Samen für das Maschenmuseum in Tailfingen gelegt. Die zeitgleiche Ausstellung über den Waagenpfarrer Philipp Matthäus Hahn im Kasten Onstmettingen, dem der Abbruch drohte, mündete dank eines Arbeitskreises um Ortsvorsteher Helmut Merz und Schulleiter Alfred Munz in der Eröffnung des Gebäudes 1989 als Philipp-Matthäus-Hahn-Museum .
Meilensteine waren aber auch jene Bauten, mit denen Pfarr den Albstädtern zeigen wollte, dass sie von der nun größeren und leistungsfähigeren Stadt profitierten: ein Wasserwerk für 55 000 Einwohner, der Ausbau des Thalia vom Kino zum Theater, der Bau des Tailfinger Feuerwehrhauses, des Ebinger Busbahnhofs, des Krematoriums, der Kläranlage – die Liste ließe sich fortsetzen.
Für das Heimatmuseum samt Musikhistorischer Sammlung Jehle, deren Räume im Dachgeschoss des Rathauses Pfarr zum Sitzungssaal ausbauen ließ, fand er neue Standorte im Spitalhof und im Stauffenberg-Schloss.
„Albstadt als neues, gemeinsames Ganzes dem Bürger nahe zu bringen und dennoch die Eigenständigkeit der Stadtteile innerhalb der großen neuen Stadt deutlich zu machen, darin sah ich von Anfang an eine große Aufgabe“, hatte Pfarr in seiner letzten Gemeinderatssitzung als OB am 2. Mai 1991 gesagt. An seinem 75. Geburtstag zog er seine Bilanz: „Wenn man eine solche Aufgabe am Ende als erledigt ansehen kann mit der Erkenntnis, es im Rahmen des Möglichen richtig gemacht zu haben, sieht man manches gelassener.“
Weil er fand, dass nach 16 Jahren ein neuer OB der Stadt gut täte, trat Pfarr 1991 nicht mehr an, sondern entschloss sich, an der Existenzgründung mittelständischer Handwerksbetriebe in Sachsen mitzuarbeiten. Allerdings blieb er Mitglied des Kreistags und in Ebingen wohnen – vom Tag seiner Verabschiedung an mit einem Bundesverdienstkreuz an der heimischen Wand.
Fortan hatte Pfarr nun mehr Zeit für sein humanitäres Engagement im Rotary-Club Ebingen-Zollernalb. 1987, als auf der Rotary Convention in München PolioPlus zum offiziellen Programm ausgerufen wurde, war er dabei und besorgte eine der ersten Großspenden: 20 000 D-Mark. Nach dem Governor-Amt im Distrikt 1830 wurde er 1999 „PolioPlus Partners Taskforce Coordinator“ für den deutschsprachigen Raum und damit der „Mister Polio“, als der er unermüdlich für Aufklärung und um Spenden warb, sich selbst an Wochenmarktstände stellte, weit reiste und nie müde wurde, die Menschen daran zu erinnern, dass die Kinderlähmung noch nicht besiegt sei – und eine Schutzimpfung daher für alle wichtig. Erst nach 21 Jahren gab er das Amt ab, seinen Einsatz allerdings nie. „Wir ziehen das jetzt durch!“ sagte er 2017 entschlossen über Rotarys Versprechen: eine Welt ohne Kinderlähmung.
Es gäbe noch so viel zu sagen über Hans Pfarr: dass er mit dem letzten Ebinger OB Hans Hoss im Oldtimer als Erster durch den Ebinger Tunnel fahren durfte. Dass Alt-Kanzler Kurt Georg Kiesinger ihm seinen besten Cognac schenkte. Dass in seiner Amtszeit 13 neue Naturschutzgebiete in Albstadt ausgewiesen wurden. Dass er schon bei der Gründung der Hochschule den Fachkräftemangel voraussah, der heute in aller Munde ist. Dass in Pfarrs OB-Zeit 387 Millionen D-Mark in Albstadt investiert wurden. Dass man ihn nie mit Neuigkeiten überraschen konnte, weil er sie stets schon kannte. Und dass es wohl niemanden gibt, der ihn nicht mochte, hoch schätzte, von ihm schwärmte: als Macher und als Mensch. Hans Pfarr hinterlässt eine Lücke, die bleiben wird.
Die Trauerfeier für Hans Pfarr wird Anfang Juni in Ebingen stattfinden. Beigesetzt wird er im engsten Familienkreis in Tailfingen, der anderen Gründungspartnerin der Stadt Albstadt. Welch ein Symbol.